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Periodical volume 24. November 1888 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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Zum Ililaschricf l>cs Dorfes Rech im Jahre 1482, 
(nicht 1402.) 
In Nr. 46 des „Bär", Jahrg. XIV. findet sich ein die früheren 
Zustände des Dorfes Alt-Neetz betreffender Aufsatz nach mündlichen 
Ueberlieferungen, der u. A. auch eine Uebersetzung des den ehe 
maligen Fischern zu Reetz im Oderbruch auf 120 Jahre ertheilten 
Ablaßbriefes bringt. Da diese Urkunde mehrfach selbst bei Geschichts 
forschern zu Irrthümern Anlaß gegeben, so dürfte es hier am Orte 
sein, die gebotene Berichtigung endlich eintreten zu lassen. Der 
Schreiber der Ueberlieferungen, Herr O. B — e, kennt den lateinischen 
Text des Ablaßbriefes nicht, sondern nur eine in Alt-Reetz ver 
breitete Kopie von einer vor Jahren angefertigten ungenauen Ueber- 
sctzung, die in meinen Besitz gelangte. Es wäre derselbe wohl 
sonst kaum zu der Annahme gelangt, daß Reetz nur ein unbe 
deutendes „Dörfchen" gewesen, während es doch im Urtext dreimal 
mit dem im Mittelalter gebräuchlichen villa, größeres Dorf, benannt 
wird. Reetz war durch seinen Fischhandcl und den Oderzoll, welchen 
im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts die reichen Patrizier und 
Rathshcrrcn zu Frankfurt, die Jeser, Belkow, Wins und Große 
von den Kurfürsten zu Lehen hatten, eine wohlhabende Ortschaft 
geworden. Ein Dörfchen hätte gewiß nicht den Ablaßbrief lösen 
können, denn derartige Sündcnerlasse waren nicht billig. 
Ferner ist Herrn O. ß—e der Irrthum passirt, den Aus 
steller des Ablaßbriefes, Hcnnig Quitzow, zu einem „Bischof 
aus oder von Strausberg" zu erheben. Davon steht in der 
von ihm benutzten Quelle kein Wort. Deutlich genug ist da 
gegen, daß jener Quitzow nur ein Priester, Vorleser der Theologie 
und Abgesandter des Papstes gewesen ist, der sich allerdings bei 
seinen Ordensbrüdern im Dominikaner-Kloster Strausberg einige 
Zeit aufgehalten hat. 
Das Hauptversehen aber, welches dem Reetzer Ablaßbrief von 
jeher anhaftete und auch bei der Anfertigung der Uebersetzung, wie 
bei dem Abdruck im „Bär" leider unbemerkt blieb, ist die unrichtige 
Datirung deffelben. Der Ablaßbrief gilt allgemein als im Jahre 1402 
ausgestellt, und doch ist dies in Wirklichkeit erst volle 80 Jahre 
später, am 27. August 1482 geschehen. Das Original ist nicht 
mehr vorhanden; es ist jedenfalls im Jahre 1824 bei dem großen 
Brande des Dorfes Alt-Reetz nebst vielen älteren Urkunden zu 
Grunde gegangen. Glücklicherweise hatte schon früher der Berliner 
Rektor Gottfried Küster gelegentlich der Quellenstudien zu seiner 
bibliotbeoa bistoriea brandenburgica re. eine Abschrift des Ablaß 
briefes genommen und in den jetzt seltenen „Beiträgen zu den 
alten und neuen theologischen Sachen 1752, Stück IS. 10. 11. 12." 
abdrucken lassen. Dieser also von Küster edirte, sonst aber in allen 
märkischen Urkundensammlungen fehlende Ablaßbrief ist nun aller 
dings vom Jahre 1402 datirt; jedoch gerade Küster hat es auch 
verschuldet, daß entweder bei der Wiedergabe der Jahreszahl in 
arabischen Ziffern sich ein Schreib- oder Druckfehler eingeschlichen 
hatte, oder daß bei der Kopie des lateinischen Textes die „Achtzig" 
übersehen wurde und somit statt der ursprünglichen Jahreszahl 
1482 die unrichtige Zahl 1402 entstanden ist. Uebrigens ivar es 
wahrscheinlich eine Willkür Küsters, tvenn er sich der arabischen 
Ziffern bediente; denn bis Anfang des 16. Jahrhunderts sind in 
lateinischen Urkunden fast ausschließlich die römischen Zahlzeichen 
oder deren lateinische Benennung gebräuchlich. 
Den überzeugendsten Beweis nun für die Unrichttgkeit der 
Datirung vom Jahre 1402 liefert der Ablaßbrief selbst, indem es 
darin heißt: „Diese Brüderschaft der Jungfrau Maria zum Psalter 
erneut der Allerheiligste in Christo, unser Vater und Herr, Herr 
Papst Sixtus I V., bestätigt sie und hat sie befestigt u. s. w. Mir 
tHennig Quitzow) aber hat derselbe vennöge seiner apostolischen 
Macht u. s. w. die Gewalt verliehen, daß ich alle und jeden ein 
zelnen Einwohner des vorhingenannten Dorfes (Reetz) in die 
Brüderschaft aufnehmen kann." — Papst Sixtus IV. wurde im 
Jahre 1414 geboren und hatte den päpstlichen Stuhl von 1471 
bis 1484 inne; es konnte folglich der von ihm bevollmächtigte 
Dominikaner Priester Hennig Quitzow den Reetzer Ablaßbrief nicht 
schon im Jahre 1402 ertheilt haben. Daß dies zweifellos aber im 
Jahre 1482 geschehen sein muß, dafür spricht die mir vorliegende 
Kopie einer im Königlichen Hausarchiv befindlichen Original-Ur 
kunde in niederdeutscher Sprache, laut welcher „Bruder Hennig 
Quitzow aus dem Prediger Orden bei seiner Anwesenheit in Wriezen 
am 22. Juni 1482 auf besonderes Begehren des Pfarrers und des 
ehrsamen Rathes der Stadt Wriezen für die dortselbst errichtete 
Marienbrüderschaft vom Psalter statutarische Besümmungen festsetzt." 
Der päpstliche Ablaßkrämer hat bei dieser Gelegenheit selbst 
verständlich auch die nach Wriezen eingepfarrten Ortschaften und 
namentlich das bemittelte Fischerdorf Reetz nicht außer Acht ge 
laffen. Er wird bemüht gewesen sein, durch den Wriezener Pfarrer 
an St. Marien die Bewohner von Reetz für die Wriezener 
Psaltergesellschaft zu gewinnen und hat sodann, um die Gläubigen 
für den Beittitt geneigter zu stimmen, mit der Aufnahme einen 
Sündenerlaß auf 120 Jahre verknüpft. Da aber Hennig Quitzow 
inzwischen seinen Aufenthalt in Sttausberg im Kloster der Domini 
kaner genommen hatte, so datirte er von hier aus zwei Monate 
später am 27. August 1482 den beregten Ablaßbrief. 
Alle märkischen Historiker, die seit Küster den Reetzer Ablaß 
brief erwähnen, haben auch dessen falsches Ausstellungsjahr un 
geprüft nachgeschrieben. Namentlich sei hervorgehoben, daß dies 
auch dem sonst so kritischen Profeffor von Klöden, selbst in der 
„Geschichte der Marienverehrung (Psaltergesellschaften) in der Mark" 
passirt ist; und wo derselbe Verfasser in seinem Werk: „Die Quitzows 
und ihre Zeit" die Belagerung der Stadt Sttausberg durch die 
vereinigten Mecklenburger und Quitzows schildert, da weiß seine leb 
hafte Phantasie über den Reetzer Ablaßbrief und seinen Aussteller 
sogar noch Folgendes zu berichten: „Das Müncheberger Thor (in 
Strausberg) öffnete sich und ein Wagen fuhr heraus mit drei in 
schwarz und weiß gekleideten Personen, die bei näherer Besichtigung 
Dominikaner Mönche waren, welche man im Kriege fteilaffen mußte. 
Das Oberhaupt dieser Mönche wird vor Diettich von Quitzow (An 
führer der Quitzows) geführt und siehe, es stellt sich heraus, daß 
es Diettichs Vetter, Hennig von Quitzow, Vorsteher der allgemeinen 
Prediger, Leser der Befolgung der heiligsten Gotteslehre und des 
heiligen Apostolischen Stuhles Abgesandter war, der nach Münche 
berg fahren wollte und seit vier Wochen in Strausberg gewesen 
war und sowohl für die Stadt als für die Umgegend eine Menge 
Ablaßbriefe ertheilt hatte. Einer derselben ist uns noch übrig ge 
blieben. Er ist von ihm mit seinem vollen Ramm zu Strausberg 
am 27. August 1402 ausgestellt und verleihet darin denjenigen 
Einwohnern des Dorfes Reetz im Oderbruch bei Wriezen, welche 
sich in die Brüderschaft der heiligen Jungftau Maria, genannt vom 
Psalter, aufnehmen laffen würden, auf 120 Jahre Ablaß." 
Schließlich sei noch bemerkt, daß durch den Nachweis der 
richtigen Datirung des Reetzer Ablaßbriefes vom Jahre 1482 sich 
nun vielleicht auch über die Person des Ausstellers Näheres er 
gründen laffen wird. Der Versuch, einen Hennig von Quitzow, 
als Dominikaner Priester, päpstlichen Nuntius u. s. w. zu Anfang 
des 15. Jahrhunderts unter den Mitgliedern des Geschlechts aus 
findig zu machen, mußte natürlich mißlingen, so daß der betteffende 
Forscher Wohl zu entschuldigen ist, wenn er folgerte, der Aussteller 
sei als singirte Person und der ganze Ablaßbrief als gefälscht zu 
bettachten. 
Rubehn.
        
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