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Periodical volume 24. November 1888 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 15.1889

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dein ganzen Werke das Streben nach Wahrheit und Unparteilichkeit 
der Schilderung wohlthuend bemerkbar. Nicht ein volles Gemälde 
giebt Reumont, denn dazu fehlen Abrundung und Vollständigkeit, 
aber er schildert in einfacher Weise auf Grund persönlicher Erlebnisse 
den König, wie er ihn in guten und in schlimmen Zeiten, zu Hause 
und auf Reisen, in der Gesellschaft und in mancherlei Beziehungen 
beobachtet hat. Dazwischen fügen sich zwanglos, mehr oder weniger 
ausgeführt, die Darstellungen der Personen, welche zu dem Könige 
oder auch zu dem Verfasser in irgend welchen Beziehungen standen; 
ferner die der Ereignisse und Zustände, welche ein allgemeines Inter 
esse beanspruchen dürfen. Sv bietet das Buch zugleich eine 
reiche Galleric von Porträts, nicht nur aus der Berliner, sondern 
aus der europäischen Gesellschaft jener Zeit, und die Schatten von 
Ancillon, Bunsen, Erzbischof von Geißel, A. von Humboldt, Ritter, 
Ranke, Raumer, Schclling, Gebrüder Grimm, La Motte-Fouquö, 
Deck, Rauch, Cornelius, Spontini, Meyerbeer, Mendelssohn, Fürst 
Pücklcr, Varnhagen, Herzogin von Sagan, Fürst Lichnowski, 
Bettina von Arnim, Gräfin Jda Hahn-Hahn, Geibel, Freiligrath 
und andere tauchen aus dem leichten Nebel einer noch jungen Ver 
gangenheit empor. Sie ziehen in langem, erinnerungsreichen Zuge 
an den Leser vorüber. 
Die Beziehungen Reumonts zum Könige knüpften sich schon 
in den ersten Jahren von dessen Regierungszeit. Die inhaltreichen 
und formenschöncn, sich nicht nur auf Politik, sondern auch auf 
Litteratur und Kunst erstreckenden Berichte des fast ausschließlich in 
Italien beschäftigten, mit feinem Geschichts- und Kunstsinn be 
gabten Diplomaten, erregten und fesselten in hohem Grade das 
Interesse des Königs, welches dann durch persönliche Berührungen 
aus den italienischen Reisen des Monarchen, sowie bei Besuchen 
Rcumonts in der Heimath nur noch gesteigert und zu einer bis 
zum Tode andauernden Verbindung geführt hat. Aus der ein 
gehenden Charakteristik des Königs vom Jahre 1843 sei hier nur 
Einiges hervorgehoben. 
„Wenige haben einen solchen Einklang von Eigenschaften des 
Geistes und Herzens aufzuweisen wie der König. Schärfe des 
Verstandes und Tiefe des Gemüthes, Lebendigkeit der Phantasie 
und Ausdauer der Ucberlegung waren bei ihm in wunderbarem 
Maße vereinigt. Er war ein Mann königlicher Gedanken und 
königlicher Empfindungen. Die lebensvollste Frische, die rascheste 
Auffassung, die innigste Durchdringung, verbanden sich mit denr 
natürlichsten Wohlwollen, dem regsten Mitgefühl, der nachsichtigsten 
Freundlichkeit. Bei großer Beweglichkeit des Geistes und Gefühls 
standhaftes Festhalten an dem als wahr Erkannten; bei unge 
wöhnlicher geistiger Spannkraft unverwandtes sittliches Bewußtsein; 
bei fürstlichem Hochgefühl wärmste Schätzung des Menschenwcrthes; 
mit der liebevollsten Anhänglichkeit an die Seinen und mit der 
treuesten Fürsorge für dieselben vereint, eine seltene Zuverläsiigkeit 
in der Freundschaft; bei dem schlagendsten Witz eine sensitive Scheu 
vor Kränkung; bei lebendigem, zu leicht aufbrausendem Temperament 
versöhnende Güte. Er war eine durchaus edle Natur, voll Zart- 
gesühl, gleich voll von reger Empfänglichkeit für das Verwandte, 
>vie von unüberwindlicher Abneigung gegen Heterogenes und Ver 
übendes. Nie, man darf es sagen, hat eine unedle Begierde 
Herrschaft über ihn gewonnen. Ja, es fehlte ihm in gewissem 
-inne das Vermögen, das Unreine zu begreifen, so daß er inner- 
ilch unberührt davon durchs Leben gegangen ist, in der Jugend 
v-'ie in späteren Jahren, in der Hoffnungszeit wie unter bitterer 
Enttäuschung. Mit der Sehnsucht nach dem Siege des Edlen und 
-ittlichreinen war bei ihm der lebendigste Schönheitssinn vereinigt. 
äußerte sich in der höheren Auffaffung alles dessen, was das 
Menschenleben adelt und schnrückt, wie in der schöpferischen Kunst 
begabung, welcher kein Zweig und keine Seite ästhetischer Thätigkeit 
wemd und ferne blieben, den Gehalt ebenso wie die Form um- 
'V,end und nur in der innigsten Harmonie und Vermählung beider, 
wie in der Verbindung von Ideal und Wirklichkeit rechte Be 
friedigung findend. Friedrich Wilhelm IV. war ein gerechter Fürst. 
Nicht umsonst war das 8uum cuique seine Devise. In ihm war 
das Rechts- und Pflichtgefühl mit Großmuth und Hochsinn ver 
eint. Für ihn gab es kein einseitiges Recht, noch ein Recht ohne 
Pflicht. Die Hand, welche den Besitz wahrte, gab gern das Herz, 
welches Unrecht tief empfand, verzieh leicht, während es Treue 
warm anerkannte. Der König war ein fromnier Christ, aber kein 
beschränkter Formalist. Unduldsamkeit war ihni fremd. Er stand 
über den Unterschieden der Konfessionen, wo cs sich um einen 
gemeinsamen christlichen Grund handelte. 
Die Fülle der Ideen wurde bei ihm durch einen Schatz von 
Wissen getragen, wie er nur selten vorkommt, unterstützt durch das 
schärfste, treueste Gedächtniß, durch die glücklichste Kombinationsgabe, 
durch gewissermaßen plastische Bildung und lebendige Färbung 
der Gedanken, durch größte Leichtigkeit des vielgestaltigen Ausdrucks." 
Jeder, dem es vergönnt gewesen, dem Könige näher zu treten, 
wird dieser Charakteristik mit dem Verstände und mit dem Herzen 
beistimmen müssen. Der König war ein edeler und idealer Mensch, 
und solchen ist, je höher ihre Stellung, je größer ihre Aufgabe im 
Kampfe mit den harten Wirklichkeiten des Lebens, desto sicherer eine 
Dornenkrone da beschieden, wo ein kalter durchdringender Verstand 
ohne Reichthum und Tiefe des Gemüths und ohne ein allzu zartes 
Gewissen, leichter die Schwierigkeiten zu überwinden und Erfolge 
zu erringen vermag. 
Wenige Fürsten sind mehr verkannt und verleumdet worden, 
als Friedrich Wilhelm IV. Da man dem König in sittlicher Be 
ziehung auch beim besten, oder vielmehr schlechtesten Willen nichts 
Böses nachsagen konnte, so suchte übelwollende Verläumdung ihn 
so hinzustellen, als ob er den Champagner aus Wassergläsern hin 
untergösse, und die unwissende, urtheilslose Nachsprccherei hat das 
weithin verbreitet. Neumont äußert über diesen Punkt, cs hätte 
zwar den Anschein gehabt, als ob der König verhältnißmäßig viel 
bei der Mittagstafel tränke, aber nur deshalb, weil der Wein stets 
stark mit Waffer gemischt gewesen. Gegen Ende des Mahles ließ 
sich der König wohl noch seine Kristallkaraffe mit frischem Wasser 
füllen und goß dann in das fast volle Glas Wasser etwa ein 
Sechstel Champagner, wie es Reumont wohl bundert Mal erlebt hat. 
Nächst der Schilderung des Königs nimmt natürlich die der 
Königin Elisabeth, über welche Neumont voll beredten und gerechten 
Lobes ist, die erste Stelle ein. „Bei ihr standen Geist und Herz 
im vollkoinmendstcn Einklang, während die Harmonie mit dem 
Fühlen und Denken ihres Gemahls eine gleich große war, so daß 
nie die geringste Wolke ihr sieben und dreißigjähriges Zusammen 
leben getrübt hat. Sie ließ sich, obgleich ihr Blick rasch war, doch 
Zeit zur Prüfung, und wem sie Vertrauen und Wohlwollen geschenkt, 
der konnte auf deren Dauer rechnen. Von ihrem Vater hatte sie 
den einfachen geraden Sinn, von ihrer Mutter die wahrhaft vor 
nehme Haltung geerbt, ohne Stolz noch Prunk, aber mit dem Be 
wußtsein der Uebereinstimmung von Stellung und Erscheinung mit 
der innern Würde. Sie lebte das Leben ihres Gemahls mit und 
ist in manchem seine Ergänzung gewesen. Seine oft übersprudelnde 
Lebendigkeit und Erregbarkeit fanden in ihrer ruhigeren Anschauung 
ein Correctiv. Wo die Phantasie bei ihm zu überwiegen drohte, 
verschaffte sie der Realität ihr Recht. Ihre ebenso vielseitige, als 
gründliche Bildung setzte sie in den Stand, an den geistigen Be 
strebungen ihres Gemahls thätigen, durch Uebereinstimmung in Ge 
schmack und Neigung vielfach gehobenen Antheil zu nehmen. Nicht 
Allem, was an den König herantrat, hat sie beigestimmt, und in 
solchen Fällen ihre Bedenken eben so wenig, wie einst ihre philo 
sophische Vorgängerin auf dem Thron, Sophie Charlotte, die 
Freundin von Leibnitz, verschwiegen. Sie behielt stets eine allgemeine 
Umschau aus literarischem Gebiet. In frühen Jahren hatte sie mit 
ihrem Gemahl zahlreiche poetische Werke gelesen und lange nach
        
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