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zählten allerlei lustige Klostcrschnurren, während nebenan im
großen Saal Bischof Georg mit feinem Gaste, seinem Bruder
Matthias von Blumenthal und den Domherren im lebhaften
Gespräch weilte-
„Ihr habt doch den Befehl an den Amtshauptmann
von Storkvtv durch einen besonderen Boten übersandt,
Redorfer?" fragte jetzt der Bischof einen der Domherren, und
dieser bejahte sofort lebhaft, dabei hinzusetzend: „Wie dürft'
ich in so wichtiger Sache säumig sein, Eminenz. Abgesehen
davon, daß Heinrich von Queiß uns säst täglich mit seinen
Qucrelcien belästigt, scheint es mir auch wirklich hohe Zeit,
daß der rebellische Schäfer aufgehoben und zur strengen Ver
antwortung gezogen wird."
„Was ist's mit dem alten Queiß auf Plössin und seinem
Schäfer, Eminenz?" fragte neugierig der Abt von Chorin,
und bereitwillig gab der Bischof Antwort:
„Es hat da, tvie uns berichtet ward, Streitigkeiten
zwischen dem Gutsherrn von Plössin und seinem Schäfer
gegeben. Letzterer hatte wiederholt Schafe aus der Heerde
gestohlen und wollte die ihm dafür auferlegte Strafe nicht
tragen, ja, der freche Mensch soll in seiner Widersetzlichkeit
soweit gegangen sein, daß er sich an der Familie seines
Herrn thätlich vergriff. Darauf ist er denn, uin der gerechten
Strafe zu entgehen, nach Friedensdorf geflohen, hat sich dort
einen Anhang unter den Bauern zu verschaffen gewußt und
ist mit diesem in Plössin räuberisch eingefallen, einen großen
Theil der Heerde seines Herrn mit sich fortführend. Queiß
suchte nun Hülfe und Schutz bei mir, und ich habe auch zu
wiederholten Malen meinem Amtshauptmann zu Storkow
Befehl zugehen lassen, den Verbrecher sofort einzufangen und
ihm den Prozeß zu machen. Leider ist das bis jetzt noch
nicht geschehen und ich weiß nicht, ist mein Hauptmann
säumig und hat sich der Rebell so gut versteckt, daß er
nimmer zu finden ist."
''Bischof Georg schwieg, in höchster Spannung war der
Abt von Chorin seinem Vortrage gefolgt-
„Die Mähr würde mir schier unglaublich klingen, wenn
ich sie nicht aus Ew. Eminenz eigenem Munde vernähme"
sagte er dann kopfschüttelnd. „Ist Zuchtlosigkeit und Rebellion
bereits soweit eingeriffen in unsern Landen, daß ein Guts-
— in diesen! Falle ja auch Gerichtsherr, der Queiß doch von
Plössin ist — seinen Knecht nicht mehr verdientermaßen
strafen kann? Das wäre vor fünfzig Jahren schier unmöglich
gewesen!"
Der Bischof nickte nur zustimmend vor sich hin, Wolf-
gang Redorfer aber rief erregt: „Kann Euch das noch wundern,
hochwürdiger Vater, nach all den unerhörten Dingen, die
jetzund in der Welt geschehen? Wird denn nicht die Brand
fackel der Empörung, der Auflehnung gegen das Höchste von
Wittenberg aus hinausgeschleudert in alle Welt und wird
nicht der, so sie entzündete und triumphirend hochhält, noch
geschützt und gehütet von mächtigen Fürsten? Da ist's wohl
kein Wunder, wenn die Sprühfunken dieser Fackel überall
zünden, wo sie auf fruchtbaren Boden fallen und was von
einem schandbaren Mönch nur zur Empörung gegen die heilige
Kirche angestiftet ward, wird nun zur allgemeinen Empörung
Die Straßennamen der Hauptstadt.
Eine Schrift von Hermann Bogt.
Der langjährige Mitarbeiter des „Bär", Hermann Vogt, hat eine
sehr mühsame Studie über die Straßennamen Berlin's beendet, die er in
einem durch den Verein für die Geschichte Berlin's in Publikation be
griffenen Hefte dein großen Publikum zugänglich mache» wird.
Schon Alexander Cosmar hat 1830 eine Erklärung der meisten
Namen, die bei den Straßen und Plätzen Berlin's vorkamen, herausge
geben, doch lagen dem Verfasser die Untersuchungen Fidicins noch nicht
vor, die eine urkundliche Begründung der meisten derselben erst ermög
lichten. Seit jener Zeit hat sich so Vieles geändert, daß eine Wieder
aufnahme seines Versuches unter Benutzung der seit 50 Jahre» erschloffenen
Quellen und der heute so reichlich vorhandenen Hülfsmittel eine freund
liche Aufnahme erwarten darf.
Die Geschichte der Straßen, so etwa sagt Vogt in der Einleitung,
ist die Geschichte der Stadt. Dies Wort bewahrheitet sich bei jeder ein
zelnen Stadt, da die Umstände, denen die Stadt ihre Entwickelung und
ihre Bedeutung verdankt, sich in de» Namen der Straßen ausgeprägt
finden. Auch Berlin hat, trotzdem es eigentlich bezüglich seines Wachs
thums und seiner heutigen Ausdehnung nach eine neue Stadt zu nennen
ist, in den alten Stadttheilcn den Stempel der Ursprünglichkeit bewahrt
und liefert hier bei seinen Straßennamen eine kurzgedrängte Geschichte
der Stadt.
„So zeigt die Fischer-Straße den Erwcrbszweig der ersten
Bewohner Berlins, während spätere Straßen, wie: Schuster-Gasse,
Messingschläger-Gäßchen, Roscher-Straße, Schmiede-Gasse,
und die verschiedenen Wursthvfe die weitere Entwicklung der Gewerke
andeuten. Hierzu kommen die zahlreichen Bezeichnungen nach den Kirchen
und Hospitäler», sowie nach den Bischofs- und Propsthäusern, welche
Benennungen im Mittelalter sehr verbreitet waren und einen Belveis für
die frühere, auch heute noch vorhandene Frömmigkeit der Berliner
liefern. Zu gleicher Zeit erschienen die Namen der Straßen nach den
jenigen alten Städten und Ortschaften, nach denen die Heerwege oder
Landstraßen aus Berlin führten, wie Oderberger, Stralauer,
Spandauer, Bernauer, Frankfurter, Oranienburger, Lands
berger und Rosenthaler Straße.
Bei der weiteren Bevölkerungszunahme, welche eine größere Aus
dehnung der Stadt erforderlich »rächte, wurden die Gänge neben den
mit der Giebelseite der Straße zugekehrten Häusern zu sogenannten Gaten
(Gasserr) ausgebaut. Diese erhielten ihren Namen meistens von den
Eigenthümern der Eckhäuser und wechselten denselben auch mehrfach nach
den verschiedenen Besitzern dieser Häuser. In diese Kategorie gehören die
Jdens- später Reezen-Gasse; Hoffmanns-Gäßlein, Mauer-
manns-Gasse und Joachim Belings-Gäßlein; Berchcms- später
Pankows-Gasse; Frankens Gäßlein, dann Sieber-Gasse
u. a. m.
Weitere Straßenbezeichnungen gab die in den Jahren 1658—1683
angelegte Befestigung Berlin's. Dieser verdankt die Stadt die Wall-
Straße, Linien-Straße, Mauer-Straße und die Contreescarpen.
DieSchieß-Gasse und Schützen-Gasse erinnern an die vor Einführung
der stehenden Heere zur Vertheidigung der Stadt errichteten Schiitzengilden
und die ersten, in die Stadt gelegten Soldaten, die Derfflingerschcn
Dragoner, gaben der Dragoner-Gasse ihren Namen.
Ferner wurden einzelne Straßen in charakteristischer Weise nach ver
schiedenen Aemtern benannt, wie Bödel- oder Büttel-Gasse, Heide-
reiter-Gasfe, Hirten-Gasse, Hasenheger-Gasse, Stallschrei-
ber-Gasse, Weinmeister-Gassc u. s. w. Von den Kirchhöfen haben
die Todten-Gassen ihren Namen, und die Scheunen-Gassen zeigen,
daß Berlin im Mittelalter eine lebhafte Landwirthschaft betrieb.
Erst nach der Bebauung der Friedrichstadt wurden die Straßenbe
nennungen nach fürstlichen Personen eingeführt, und es entstanden zu
dieser Zeit die noch heut geltenden Rainen der Friedrich-Straße,
Wilhelms-Straße, Friedrichs-Gracht u. s. w.
Bis zum Jahre 1813 wurden die Namen der Straßen von dem
Magistrat allein bestimmt. Ain 20. Dezember 1813 erschien ein Aller
höchster Erlaß, nach welchem die Straßenbcnennung in den Städten
Berlin, Potsdam und Charlottenburg nur auf Grund von Vorschlägen
des Magistrats und Polizei-Präsidiums durch Königliche Kabinets-Ordre
bestimmt werden durfte. Von dieser Zeit an wurde jeder Vorschlag zur
Straßenbenennung zwischen den beiden genannten Behörden ausgetauscht