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Band Nr. 2, 10.10.1885

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 12.1886 (Public Domain)

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zählten allerlei lustige Klostcrschnurren, während nebenan im 
großen Saal Bischof Georg mit feinem Gaste, seinem Bruder 
Matthias von Blumenthal und den Domherren im lebhaften 
Gespräch weilte- 
„Ihr habt doch den Befehl an den Amtshauptmann 
von Storkvtv durch einen besonderen Boten übersandt, 
Redorfer?" fragte jetzt der Bischof einen der Domherren, und 
dieser bejahte sofort lebhaft, dabei hinzusetzend: „Wie dürft' 
ich in so wichtiger Sache säumig sein, Eminenz. Abgesehen 
davon, daß Heinrich von Queiß uns säst täglich mit seinen 
Qucrelcien belästigt, scheint es mir auch wirklich hohe Zeit, 
daß der rebellische Schäfer aufgehoben und zur strengen Ver 
antwortung gezogen wird." 
„Was ist's mit dem alten Queiß auf Plössin und seinem 
Schäfer, Eminenz?" fragte neugierig der Abt von Chorin, 
und bereitwillig gab der Bischof Antwort: 
„Es hat da, tvie uns berichtet ward, Streitigkeiten 
zwischen dem Gutsherrn von Plössin und seinem Schäfer 
gegeben. Letzterer hatte wiederholt Schafe aus der Heerde 
gestohlen und wollte die ihm dafür auferlegte Strafe nicht 
tragen, ja, der freche Mensch soll in seiner Widersetzlichkeit 
soweit gegangen sein, daß er sich an der Familie seines 
Herrn thätlich vergriff. Darauf ist er denn, uin der gerechten 
Strafe zu entgehen, nach Friedensdorf geflohen, hat sich dort 
einen Anhang unter den Bauern zu verschaffen gewußt und 
ist mit diesem in Plössin räuberisch eingefallen, einen großen 
Theil der Heerde seines Herrn mit sich fortführend. Queiß 
suchte nun Hülfe und Schutz bei mir, und ich habe auch zu 
wiederholten Malen meinem Amtshauptmann zu Storkow 
Befehl zugehen lassen, den Verbrecher sofort einzufangen und 
ihm den Prozeß zu machen. Leider ist das bis jetzt noch 
nicht geschehen und ich weiß nicht, ist mein Hauptmann 
säumig und hat sich der Rebell so gut versteckt, daß er 
nimmer zu finden ist." 
''Bischof Georg schwieg, in höchster Spannung war der 
Abt von Chorin seinem Vortrage gefolgt- 
„Die Mähr würde mir schier unglaublich klingen, wenn 
ich sie nicht aus Ew. Eminenz eigenem Munde vernähme" 
sagte er dann kopfschüttelnd. „Ist Zuchtlosigkeit und Rebellion 
bereits soweit eingeriffen in unsern Landen, daß ein Guts- 
— in diesen! Falle ja auch Gerichtsherr, der Queiß doch von 
Plössin ist — seinen Knecht nicht mehr verdientermaßen 
strafen kann? Das wäre vor fünfzig Jahren schier unmöglich 
gewesen!" 
Der Bischof nickte nur zustimmend vor sich hin, Wolf- 
gang Redorfer aber rief erregt: „Kann Euch das noch wundern, 
hochwürdiger Vater, nach all den unerhörten Dingen, die 
jetzund in der Welt geschehen? Wird denn nicht die Brand 
fackel der Empörung, der Auflehnung gegen das Höchste von 
Wittenberg aus hinausgeschleudert in alle Welt und wird 
nicht der, so sie entzündete und triumphirend hochhält, noch 
geschützt und gehütet von mächtigen Fürsten? Da ist's wohl 
kein Wunder, wenn die Sprühfunken dieser Fackel überall 
zünden, wo sie auf fruchtbaren Boden fallen und was von 
einem schandbaren Mönch nur zur Empörung gegen die heilige 
Kirche angestiftet ward, wird nun zur allgemeinen Empörung 
Die Straßennamen der Hauptstadt. 
Eine Schrift von Hermann Bogt. 
Der langjährige Mitarbeiter des „Bär", Hermann Vogt, hat eine 
sehr mühsame Studie über die Straßennamen Berlin's beendet, die er in 
einem durch den Verein für die Geschichte Berlin's in Publikation be 
griffenen Hefte dein großen Publikum zugänglich mache» wird. 
Schon Alexander Cosmar hat 1830 eine Erklärung der meisten 
Namen, die bei den Straßen und Plätzen Berlin's vorkamen, herausge 
geben, doch lagen dem Verfasser die Untersuchungen Fidicins noch nicht 
vor, die eine urkundliche Begründung der meisten derselben erst ermög 
lichten. Seit jener Zeit hat sich so Vieles geändert, daß eine Wieder 
aufnahme seines Versuches unter Benutzung der seit 50 Jahre» erschloffenen 
Quellen und der heute so reichlich vorhandenen Hülfsmittel eine freund 
liche Aufnahme erwarten darf. 
Die Geschichte der Straßen, so etwa sagt Vogt in der Einleitung, 
ist die Geschichte der Stadt. Dies Wort bewahrheitet sich bei jeder ein 
zelnen Stadt, da die Umstände, denen die Stadt ihre Entwickelung und 
ihre Bedeutung verdankt, sich in de» Namen der Straßen ausgeprägt 
finden. Auch Berlin hat, trotzdem es eigentlich bezüglich seines Wachs 
thums und seiner heutigen Ausdehnung nach eine neue Stadt zu nennen 
ist, in den alten Stadttheilcn den Stempel der Ursprünglichkeit bewahrt 
und liefert hier bei seinen Straßennamen eine kurzgedrängte Geschichte 
der Stadt. 
„So zeigt die Fischer-Straße den Erwcrbszweig der ersten 
Bewohner Berlins, während spätere Straßen, wie: Schuster-Gasse, 
Messingschläger-Gäßchen, Roscher-Straße, Schmiede-Gasse, 
und die verschiedenen Wursthvfe die weitere Entwicklung der Gewerke 
andeuten. Hierzu kommen die zahlreichen Bezeichnungen nach den Kirchen 
und Hospitäler», sowie nach den Bischofs- und Propsthäusern, welche 
Benennungen im Mittelalter sehr verbreitet waren und einen Belveis für 
die frühere, auch heute noch vorhandene Frömmigkeit der Berliner 
liefern. Zu gleicher Zeit erschienen die Namen der Straßen nach den 
jenigen alten Städten und Ortschaften, nach denen die Heerwege oder 
Landstraßen aus Berlin führten, wie Oderberger, Stralauer, 
Spandauer, Bernauer, Frankfurter, Oranienburger, Lands 
berger und Rosenthaler Straße. 
Bei der weiteren Bevölkerungszunahme, welche eine größere Aus 
dehnung der Stadt erforderlich »rächte, wurden die Gänge neben den 
mit der Giebelseite der Straße zugekehrten Häusern zu sogenannten Gaten 
(Gasserr) ausgebaut. Diese erhielten ihren Namen meistens von den 
Eigenthümern der Eckhäuser und wechselten denselben auch mehrfach nach 
den verschiedenen Besitzern dieser Häuser. In diese Kategorie gehören die 
Jdens- später Reezen-Gasse; Hoffmanns-Gäßlein, Mauer- 
manns-Gasse und Joachim Belings-Gäßlein; Berchcms- später 
Pankows-Gasse; Frankens Gäßlein, dann Sieber-Gasse 
u. a. m. 
Weitere Straßenbezeichnungen gab die in den Jahren 1658—1683 
angelegte Befestigung Berlin's. Dieser verdankt die Stadt die Wall- 
Straße, Linien-Straße, Mauer-Straße und die Contreescarpen. 
DieSchieß-Gasse und Schützen-Gasse erinnern an die vor Einführung 
der stehenden Heere zur Vertheidigung der Stadt errichteten Schiitzengilden 
und die ersten, in die Stadt gelegten Soldaten, die Derfflingerschcn 
Dragoner, gaben der Dragoner-Gasse ihren Namen. 
Ferner wurden einzelne Straßen in charakteristischer Weise nach ver 
schiedenen Aemtern benannt, wie Bödel- oder Büttel-Gasse, Heide- 
reiter-Gasfe, Hirten-Gasse, Hasenheger-Gasse, Stallschrei- 
ber-Gasse, Weinmeister-Gassc u. s. w. Von den Kirchhöfen haben 
die Todten-Gassen ihren Namen, und die Scheunen-Gassen zeigen, 
daß Berlin im Mittelalter eine lebhafte Landwirthschaft betrieb. 
Erst nach der Bebauung der Friedrichstadt wurden die Straßenbe 
nennungen nach fürstlichen Personen eingeführt, und es entstanden zu 
dieser Zeit die noch heut geltenden Rainen der Friedrich-Straße, 
Wilhelms-Straße, Friedrichs-Gracht u. s. w. 
Bis zum Jahre 1813 wurden die Namen der Straßen von dem 
Magistrat allein bestimmt. Ain 20. Dezember 1813 erschien ein Aller 
höchster Erlaß, nach welchem die Straßenbcnennung in den Städten 
Berlin, Potsdam und Charlottenburg nur auf Grund von Vorschlägen 
des Magistrats und Polizei-Präsidiums durch Königliche Kabinets-Ordre 
bestimmt werden durfte. Von dieser Zeit an wurde jeder Vorschlag zur 
Straßenbenennung zwischen den beiden genannten Behörden ausgetauscht
	        
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