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Periodical volume 8. November 1884, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Kinder. Es zeigte sich darin der germanische Zug, der die Be 
wahrung der geistigen Güter über den materiellen Vortheil setzte. 
So kam es, daß Ludwig Burger in der Heimath seiner 
Mutter, wo das großelterliche Haus ein gutes Unterkommen bot, 
von seinem siebenten bis zum vierzehnten Jahre seine deutsche 
Erziehung erhielt. 
Von Birnbaum kehrte er nach Warschau zurück, erhielt im 
elterlichen Hause Zeichenunterricht beim Maler Blödner aus Dresden 
und kam in das Atelier des Lithographen Ulrich. 
Im Herbst 1842 ging er nach Berlin und trat als Schüler 
in eine der Zeichenklassen der Akademie ein. Sehr bald aber war 
er genöthigt, nicht nur zu lernen, sondern auch zu erwerben, und 
so widmete er sich mit achtzehn Jahren jener illustrirenden Thätig 
keit, die zu sehr wesentlichem Theil sein Künstlerleben ausgefüllt 
hat. Er zeichnete, was sich ihm bot, und von Jahr zu Jahr mit 
immer größerer Vollendung. Dabei versäumte er seine allgemeine 
künstlerische Ausbildung nicht. Noch 1846 in der bekannten Spiel 
kartenfabrik des Herrn von der Osten in Stralsund beschäftigt, 
sehen wir ihn 1852 in Antwerpen in der dortigen Akademie und 
im Herbst desselben Jahres im Atelier Couture's zu Paris beschäftigt. 
Als Maler im eigentlichen Sinne hat er sich in dieser ersten 
Zeit seines künstlerischen Schaffens wenig bethätigt/ da ihn seine 
Lebensverhältnisse frühzeitig zwangen, sich des Erwerbs wegen der 
Illustration zu widmen. 
So folgte er als Illustrator 1857 der Reise des Kaisers 
Franz Joseph durch Ungarn; so entstanden von 1860 bis 1863 
die Illustrationen zu Ferdinand Schmidt's „Preußischer Geschichte", 
und so zeichnete Burger im Jahre darauf nicht nur an dem großen, 
bei v. Decker erschienenen Krönungswerk, sondern betheiligte sich 
auch 1864 und 1866 an den Feldzügen dieser Jahre und wohnte 
als Augenzeuge den meisten größeren Gefechten, namentlich auch 
der Königgrätzer Schlacht bei. 
Außer den flüchtig, aber mit großer Sicherheit hingeworfenen 
Skizzen für das Bedürfniß des Tagesinteresses waren die treff 
lichen Illustrationen zu Fontane's Geschichtswerken über den 
dänischen und österreichischen Krieg die Früchte dieser Jahre. 
Im Jahre 1868 erschienen die sogenannten „Kanonenblätter", 
große, mit Tusche und Feder ausgeführte Zeichnungen, die eine 
Geschichte der Kanone von den ersten ungeschickten Anfängen bis zu 
ihrer jetzigen Vollkommenheit darstellen. 
Das Jahr darauf bezeichnet den Hauptwendepunkt in dem 
Künstlerlebcn Burger's. An die Stelle der Illustration trat nun 
für lange hin die Dekorationsmalerei. So schmückte er den Lese 
saal des Berliner Rathhauses mit Gestalten aus der deutschen 
Märchenwelt, so behandelte er einen ähnlichen Stoff in dem 
prächtigen Berliner Palais des schlesischen Kohlensürsten v. Tiele- 
Winkler, und so illustrirte er im Speisesaal des Charlottenburger 
Flora-Etabliffements den Gang eines kopiösen Diners in einer Reihe 
vortrefflich komponirter „Stillleben". 
Dazwischen fällt eine Reise des Meisters nach Italien in den 
Jahren 1872 und 1873. 
Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, zeichnete er die prächtigen 
Holzschnitt-Illustrationen zu dem bekannten „Poststammbuch", schuf 
dekorative Arbeiten (das Wirken der Rittersftau im Hause, nach 
außen, in der Familie und für's Vaterland) in den Ziminern 
der Frau Fürstin Bismarck im ehemaligen Palais Radziwill, be 
theiligte sich an dem von Eduard Hallberger (Deutsche Verlags- 
Anstalt) herausgegebenen Prachtwerke „Aegypten", schuf den Ent 
wurf zu einem Plafond im v. Romberg'schen Jagdschlösse bei 
Münster, ferner die Originale zu den großen Sgrasfitofeldern im 
neuen Bahnhöfe zu Metz mit Motiven des Verkehrswesens, und 
malte im Jahre 1878 auf zwölf Deckenfeldern im Feldmarschall 
saal der Centralkadettenanstalt in Lichterfelde die „militärischen 
Tugenden" in Koloffalfiguren. 
Im Jahre darauf entstanden die Bilder im Lesesaal der 
Berliner Universitätsbibliothek (allegorische Darstellungen der 
Fakultäten mit eingelegten Reliefporträts) und das große Aquarell 
für das Postmuseum im Palais des Generalpostmeisters, endlich 
mehrere Dekorationen in der Eintrittshalle des umgebauten Berliner 
Zeughauses und zu dm Einzugsfeierlichkeiten der Prinzeß Wilhelm. 
Wir haben hier nur Burger's hervorragende Arbeiten erwähnen 
können, deren nackte Aufzählung aber darthut, welch' ein reiches 
Künstlerleben, das nun zur Ruhe eingegangen ist, hier schaffte und 
wirkte. 
Treu, fleißig, arbeitsam, ohne Phrase und falsches Gefühl, 
ein echter Künstler und ein ganzer Mann, so war Profesior 
Ludwig Burger, den vor wenigen Jahren seine Kunstgenossen nach 
dem Weggang Professor Steffeck's nach Königsberg fast einstimmig 
zum Vorsitzenden des „Vereins Berliner Künstler" gewählt hatten. 
Er ruhe nun aus, der fleißige, tüchtige Künstler, der wackere 
Mann! 
Äie Einweihung der Technischen Hochschule. 
Nach sechsjähriger Bauthätigkeit ist die Technische Hoch 
schule am Hippodrom vollendet worden, deren Benutzung durch alle 
fünf Abtheilungen der Anstalt die thatsächliche Vereinigung der 
Bauakademie und der Gewerbeakademie zu bedeuten hat. 
Ueber die Entwickelung der beiden genannten technischen Institute 
und ebenso über die Gestaltung des Gebäudes im Großen und Ganzen 
haben wir bereits vor zwei Jahren in mehreren Artikeln berichtet, 
denen wir heute nur Einiges noch hinzuzufügen haben. Die Tech 
nische Hochschule zu Berlin ist in ihrer Zusammensetzung die älteste 
und größte aller bestehenden Akademien in Deutschland; das Haus, 
das nunmehr als endgültiges Heim von ihr bezogen wurde, ist 
ebenfalls das großartigste einheitliche Unterrichtsgebäude, das über 
haupt existirt. Zum Vergleich sei nur darauf hingewiesen, daß 
die bebaute Fläche ohne das chemische Laboratorienhaus noch um 
ein Drittel etwa größer ist, wie diejenige des Königlichen Schlosses; 
daß ferner die Hauptsa^ade 100 in länger ist, wie die neue Uni 
versität zu Straßburg, 60 m länger wie die Schloßsapade zu Berlin, 
und 75 in länger wie die Universität daselbst (150 n>.). Die 
koloffalen Abmeffungen des Gebäudes, das für 2000 Studirende 
berechnet ist, entsprechen freilich nicht ganz d?r heutigen Frequenz, 
indem seit mehreren Jahren in Folge irriger Wege, die man 
im technischen Unterrichtswesen eingeschlagen, der Zu 
drang zu den betreffenden Fächern abgenommen hat. Gleichwohl ist 
das Uebermaß des Raumes, wo es vorhanden war, anderen Zweigen 
der Anstalt, insbesondere den großartigen Sammlungen an Modellen 
und Abgüffen, dann aber auch der bequemeren Unterbringung des 
Schinkelmuseums und der Aquarelle und der sonstigen Bestände 
des Eisenbahnmuseums zu Gute gekommen. Preußen darf darauf 
stolz sein, zuerst in einem so großen Maßstabe und mit einer solchen 
Vornehmheit den Bedürfnissen einer derartigen Anstalt entgegen 
gekommen zu sein, wodurch am besten ja das Verständniß für die 
höheren Aufgaben der reinen Baukunst sowohl, wie auch der Auf 
gaben der Ingenieure in Verkehrswesen, Städtereinigung und 
Sanitätswesen, Schiffbau und Landeskultur dargethan wird. 
Berlin erleidet durch die Verlegung der Technischen Hochschule 
weit hinaus an die Grenze von Charlottenburg eine gewiß nicht 
überall liebsam vermerkte Verschiebung der studirenden Bevölkerung, 
indem an tausend junge Männer, die ihre vier volle Jahre auf 
Vorlesungen und praktische Uebungen zu verwenden gezwungen 
sind, aus dem Architektenviertel am Oranienplatz, und aus der 
Gegend des „Gewerbeinstituts" (wie leider viele Berliner heute 
noch hartnäckig sagen statt Gewerbeakademie), also aus 
der Gegend der Klosterstraße und des Alexanderplatzes westlich
        
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