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Periodical volume 8. November 1884, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Ich erwähne dies nur, um zu einer die Sitten jener Tage 
schildernden Thatsache zu kommen, welche Wohl einzig in ihrer 
Art dastehen dürfte. 
Ein Kammerdiener der Frau von Maintenon hatte uns die 
Abtei Salsines als Rendez-vous bezeichnet. Es ist dies ein adliges 
Damenkloster in der Nähe von Namur; sein großes und prächtiges 
Refektorium war zum Speisesaale erwählt worden. Die Damen 
des Hofes, wie die Bewohnerinnen des Stiftes selber wollten uns 
bedienm. 
Wir betraten die Abtei. Noch hatten wir die Frau von 
Maintenon nicht daselbst vermuthet; allein sie war bereits zugegen. 
Nach unserer Verabredung begrüßten wir, die Osfiziere, sie mit einer 
Courtoisie, welche damals noch ungewöhnlich war und zu welcher 
man sich nur Damen vom höchsten Range gegenüber verstand. 
Wir küßten der Frau von Maintenon nach der Reihe die Hand, 
welche sie uns mit unnachahmlicher Grazie darreichte. Das gefiel 
ihr augenscheinlich außerordentlich wohl. Dann aber folgte ein kecker 
Streich! Unser Fähnrich, ein Bürschchen von siebzehn Jahren, gut 
gewachsen, geistreich und unternehmend, hatte seinen Blick auf die 
Aebtissin geworfen, welche an der Spitze ihrer durchgängig jungen 
und schönen Nonnen erschienen war. Ehrerbietig und schalkhaft 
zugleich richtete er kühnlich eine wohlgesetzte Rede an Frau von 
Maintenon, in welcher er sie bat, seinen Kameraden zu gestatten, 
die verschleierten Schönen mit einem Kusie begrüßen zu dürfen. 
Frau von Maintenon war etwas verlegen und lächelte; sie sagte end 
lich, sie habe der hochwürdigen Dame nichts zu befehlen, aber sie bäte 
dieselbe, uns diese Gunstbezeugung zu bewilligen. Sofort wendete 
sich unser schneidiger Fähnrich an die klösterliche Dame selbst. Er 
ließ sich nicht abweisen, und schließlich sprach die Aebtissin: „Mein 
Herr, — ich müßte in der That ein Herz von Stein haben, wenn 
ich Ihnen die erbetene Gunst versagen wollte! So mögen denn 
meine Damen thun, was ich selber durch meinen Vorgang sanc- 
tionire!" Der Fähnrich küßte die liebliche Aebtissin und wir die 
Religiösen! Es war ein muthwilliges Nönnlein unter ihnen, — 
eine Abkömmlingin des erlauchten Hauses Egmont von Gaure. 
„Hochwürdigste Frau", rief sie der Aebtissin zu, „es ist doch 
wundersam, daß französische Osfiziere eine solche Revue über uns 
halten dürfen! Wir sind ja allzumal ihren forschenden, musternden 
Blicken ausgesetzt gewesen. Sie selbst, — Hochwürdigste!" 
„Es ist das tapfere Regiment „des Königs Infanterie"! 
erwiderte die Aebtissin. „Wohl ist es eine Ehre, von seinen 
Offizieren gemustert zu werden! Der Revue aber folgt ja stets 
ein Liebesmahl! Wohlan, meine Damen, — zeigen wir den Herren, 
daß wir auch die Wirthinnen zu machen verstehen!" — 
Es ward ein heitrer Tag! In anmuthigster Weise bedienten 
uns die guten Benediktinerinnen. Brauch' ich es noch zu sagen, 
daß uns beim Nachtisch, welchen die Aebtissin selber präsentirte, auch 
ihr vortrefflicher Liqueur nicht fehlte? — 
Wir waren allbereits sehr fröhlich! Da hieß es plötzlich: 
„Still, der König kommt!" — Es war in der That der Fall. Be 
troffen sah der Monarch auf unsere Tafelrunde; dann lachte er 
laut auf. Sein Adlerblick hatte trotzdem sofort ein Fräulein her 
ausgefunden, welches durch eine seltene Schönheit ausgezeichnet war. 
Ich zweifle nicht, daß Ludwig auch hier den Sieg errungen hat; 
das ganze Leben dieses Königs war ja Sieg und Ruhm! Schnell 
zog sich der Monarch zurück; — wir aber verbrachten diesen Abend 
in der angenehmsten Weise. — (Fortsetzung folgt.) 
Kunkel v. LAwenstern, Geheimer Kammerdiener und 
Alchymist des Großen Kurfürsten auf der Pfaueninfel. 
Von £. 8. (Fortsetzung.) 
Hätte Kunkel sich mit Goldmachen und dem Stein der Weisen 
abgegeben, so würde der Betrug nicht 10 Jahre lang vorgehalten 
haben. Das schließt freilich nicht aus, daß Kunkel sich mit dem 
Scheine geheimer Wiffenschaft und besonderer Kunstfertigkeiten um 
geben, jedenfalls aber den Betrieb seiner Wunder-Arzneien fort 
gesetzt hat, wofür die Personen am Kurfürstlichen Hofe ihm gewiß 
eine gute Kundschaft wurden. Waren es nun zufällige Entdeckungen 
bei seinen Experimenten oder baute er auf das bei seinem Vater 
Erlernte fort, kurz die Glasfabrikation wurde bald seine vorzüglichste 
Beschäftigung. Er erfand namentlich brillante Glasflüffe für Perlen 
und die sogenannten Korallen, welche die Brandenburg-Guinea'sche 
Kompagnie für die in Afrika zu gründenden Kolonien brauchte, 
um sie gegen Elfenbein, Ebenholz und Specereien bei den Wilden 
zu vertauschen. Da ihm das Laboratorium in seinem Hause nicht 
genügte und er die Pacht der Drewitzer Glashütte aufgegeben 
hatte, so setzte er sich mit dem Glasmacher Jobst Ludewig in 
Verbindung, welcher seine Fabrikation in der Glashütte auf dem 
Hakendamm bei Potsdam betrieb, und sehr erfreut war, als Kunkel 
seine neuen Erfindungen bei ihm im Großen ausführte. Beide 
arbeiteten nun gemeinschaftlich und Kunkel war jedesmal vom 
Kurfürsten gern gesehen, wenn er ihm irgend ein neues Resultat 
brachte, namentlich prachtvolle Kelche, wie sie damals nirgend in 
solcher Schönheit hergestellt wurden. Es scheint eine große Ver 
traulichkeit zwischen dem Geheimen Kammerdiener und seinem Herrn 
geherrscht zu haben, und schon das schließt, bei dem scharfen Ver 
stände und praktischen Blick des Großen Kurfürsten, jeden Gedanken 
an Goldmachen aus. Hier in der Glashütte auf dem Hakendamm 
scheint er bei seinem weiteren Experimentiren das Rubinglas er 
funden zu haben, sich aber mit der Mittheilung seiner Erfindung 
an den Glasmeister Jobst Ludewig nicht übereilt zu haben, ob 
gleich er in sonst fteundschaftlichem Verhältnisse mit ihm stand. 
Dies geht aus einer Beschwerde und Bitte des Jobst Ludewig 
hervor, in welcher er sich beklagt, daß ihm ein Glasmacher Lam 
bert heimlich aus dem Dienst entlaufen sei und sich nach dem 
Harz begeben habe, er wolle ihn verfolgen, bedürfe dazu aber 
einer Vollmacht des Kurfürsten, welcher alle Obrigkeit anweise, ihm 
hülfreiche Hand zu leisten. Diese Eingabe*) ist ganz von Kunkel's 
Hand geschrieben, selbst die Unterschrift des Jobst Ludewig. 
Die Vollmacht erfolgte darauf unterm 5. Dezember 1684 und be 
weist, wie viel dem Kurfürsten an dem Potsdamer Glashütten- 
Betrieb gelegen war. Daß diese Erfindungen und Verbesserungen 
auch Kosten verursachten und daß Kunkel diese von seinem Gehalte 
nicht alle bestreiten konnte, ist Wohl natürlich. So erhielt denn 
Kunkel auch manches Geschenk, wodurch der gegen Sachsen so 
bedeutend geringere Gehalt ausgeglichen werden sollte. Daß er 
mit der Bitte um Vorschüsie für noch zu machende Erfindungen 
nicht karg gewesen, geht aus den Akten seines späteren Prozesses 
hervor. Jedenfalls müffen sie nicht so unverschämt gewesen sein, 
daß sie den Unwillen des Kurfürsten erregten, denn dieser blieb 
ihm bis an sein Ende gewogen. Aus dieser ganzen Zeit finden 
sich nur sehr vereinzelte Spuren seiner eigentlichen Thätigkeit; erst 
nach dem Tode des Kurfürsten kam sie zur Sprache, freilich unter 
wenig erfreulichen Verhältniffen. Zum Ankäufe des Hauses in der 
Klosterstraße hatte der Kurfürst ihm 1 500 Thlr. geschenkt, ließ ihn 
verschiedene Reisen zur Erkundung auftauchender Erfindungen und 
Experimente machen und wies alle Alchymisten und Tausendkünstler, 
die sich an den Hof drängten, zu vorheriger Prüfung an ihn. 
Dahin gehört auch Wohl eine Reise nach Großenhahn, wo ein ge 
wisser Balduin 1675 entdeckt hatte, daß der Rückstand von in 
Scheidewasser aufgelöster Kreide Luft einsaugt und im Dunkeln 
leuchtet, also ein Konkurrent für den Kunkel'schen Phosphor! 
Das Alles sind Beweise von Gunst und Vertrauen, — Neid und 
Gegnerschaft also leicht erklärt, die indeffen erst unter dem Nach 
folger seines gnädigen Herrn Macht gewinnen sollten. 
*) Königliches Geheimes Staats-Archiv, Repositur 9 Litt. N, Nr. 16.
        
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