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Periodical volume 8. November 1884, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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die Gebetbücher und Thorarollen auszumalen, die er abschrieb, 
um nur der vielgeliebten Frau die schlieren wirthschaftlichen 
Sorgen zu erleichtern. Ja, wahrlich, wer die Ehre unserer 
Frauen antastet, kennt das Glück nicht, das unserem Volk 
allein nur in seinem Familenleben ward!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Jüterbock. 
Von fl. fftinius. (Schluß.) 
War Jüterbock früher ein Versammlungsort geistlicher Würden 
träger gewesen, so wählten jetzt deutsche Fürsten öfters die Stadt, 
um wichtige Beschlüsse zu fassen und vertrauliche Besprechungen 
abzuhalten. Da inzwischen das Schloß allmählich ver'allen war, 
die Fürsten aber der Stadt die Pflicht der Gastfreundschaft auf 
zwangen, so sah sich endlich der Bürgermeister Gröbitz bewogen, 
1505 sein am Markt belegenes Haus in einen stattlichen Gasthos 
umzuwandeln, dem er dann den Namen „Zu den sieben Chur 
fürsten" verlieh. Solch prachtvolles Haus hatte Jüterbock, solch 
stolzen Gasthof ganz Deutschland noch nicht gesehen. Ec war drei 
Stockwerk hoch und trug an der Vorderseite das kaiserliche Wappen 
nebst denen der sieben Churfürsten abgemalt. Große Tage hat er 
dann oft gesehen. Der Aus seiner Güte verbreitete sich bis zu 
den Alpen. 
Im Frühjahr 1604 trafen die Kurfürsten von Sachsen und 
Brandenburg nebst Herzog Kasimir von Gotha hier zusammen, 
um aus dem Rathhause die erste Vorbesprechung über die bevor 
stehende Jülich'schc Erfolge vorzunehmen, und als dann letztere 
wirtlich eintrat, ward 1611 vom 1. Februar bis 21. März, also 
volle sieben Wochen, in Jüterbock ein Fürflentag darüber abge 
halten. Solche Pracht hatte die Stadt wohl noch nie in ihren 
Mauern erblickt. 
Anwesend waren: Kurfürst Christian II. von Sachsen und 
Sigismund von Brandenburg, jener mit 312, dieser mit 300 Pferden. 
Ferner des Ersteren zwei Kinder, Johann Kasimir und Johann 
Ernst mit 150 Pferden, ebenso die beiden Markgrafen Christian 
und Joachim Ernst von Brandenburg mit gleicher Anzahl Pferde. 
Nach sechswöchentlicher Verhandlung ward der Vertrag feierlichst 
vollzogen. Hand in Hand gingen dann die beiden Kurfürsten die 
Stufen des Rathhauses hinan, hinauf in das Erkerzimmer. Hier 
setzten sie sich, und ihnen gegenüber die Vermittler, an die Tafel 
Ein Rath der letzteren hielt Vortrag, ein kursächsischer und branden- 
burgischer antworteten, dann ward der Vergleich vorgelesen, durch 
Handschlag bestätigt und in drei Exemplaren von elf Betheiligten 
unterschrieben und versiegelt. Darauf ward zur Tafel geblasen. 
Nach Aushebung derselben reisten die Kurfürsten endlich ab, die 
anderen Herren aber blieben noch zurück und wohnten alle im 
Gasthose „Zu den sieben Churfürsten." 
Der ausbrechende 30 jährige Krieg sollte auch über Jüterbock 
seine düsteren Schatten werfen. 2000 landesherrliche Soldaten 
waren im Winter 1625 in die Stadt gelegt worden. Am 6. Januar 
1626 wurden dieselben plötzlich von dem kaiserlichen Reiteranführer, 
Herzog Albrecht von Sachsen - Lauenburg, mit 13 Schwadronen 
Kroaten überfallen. Ein Theil der fliehenden Besatzung ward in 
den Wiesengründen nahe der Stadt niedergemacht, ein anderer 
floh feige in das Innere der Stadt und ward hier in einem 
schmalen Gäßchen von den nachfolgenden Kroaten jämmerlich zu- 
sammengehauen, so daß das Blut der Gemordeten wie ein Bäch 
lein die Gasse hinabrann. Seit jenem Schreckenstage heißt dieselbe 
das „rothe Meer" und die Jüterbocker von 1884 genießen noch 
heute das jüdische Glück, täglich trockenen Fußes durch ihr rothes 
Meer pilgern zu können. Durch diesen Sieg aber ward Jüterbock 
fortan als eroberte Stadt betrachtet und die Last der auferlegten 
Schatzungen und Steuern steigerte sich bald zur Unerträglichkeit. 
Auch Wal lenste in kehrte später hier eil und nahm in dem be 
rühmten Gasthofe am Markte sein Hauptquartier. 
Pest, Brände, Hungersnoth und Erpressungen, bald von 
Schweden, bald von Kaiserlichen ausgeführt, führten endlich den 
völligen Ruin der Stadt herbei. Im Juni 1644 kam cs dann 
auch noch drüben auf der öden Birkhaide zu einer blutigen Schlacht 
zwischen dem kaiserlichen Oberbefehlshaber Gallas und dem Schweden- 
anführer Torstenson. An 4000 Todte bedeckten den Plan. Torstenson 
eroberte 13 Fahnen und machte viele Offiziere nebst 600 Reitern zu 
Gegangenen. Der in Jüterbock einziehende Sieger wurde kniend 
am Thore empfangen. Der Geistliche hielt das Eoangelicnbuch 
aufgeschlagen in der Hand und bat demüthig um Gnade für die 
arme, bedrängte Stadt. Torstenson zeigte sich denn auch menschlich. 
Das war der Schluß langer Leiden. Verwüstet lag die Stadt, 
ausgestorben, todt. Elend und Jammer überall. 
Durch dm Prager Frieden war das Land Jüterbock an 
Sachsen übergegangen. Es sollte kein Glück für die Stadt sein. 
Die sächsischen Fürsten hatten kostchnl'ge Passionen und bctrachieten 
vor ollem die neue Provinz als einen Schwamm, den man, so 
gut es eben noch ging, auspressen müsse, die eigenen Neigungen 
und Launen dadurch zu befriedigen. Auch für den Türkenkrieg 
mußte das arme Städtchen 1663 scin:m neuen Landesherrn zwölf 
Rekruten stellen. Das war ein herzzerreißender Abschied. Am 
Schluß des nächsten Jahres kehrte die betreffende Compagnie, 
welcher jene Jüterbocker Stadtkinder eingereiht wordm waren, 
nach Sachsen zurück und einem Kranken derselben entnahm der 
Bürgermeister Aland den folgenden nicht uninteressanten Bericht 
über die fortgezogenen Helden. Er lautet: 
„1. Der Schlöffer ist Korporal worden, hat in Qucrfurt eine 
Dirne genommen, welche in sechs Wochen ein Kind bekommen und 
solches auf dem Wagen umgebracht, darüber sie und er geschlossen 
fortgeführt worden. Während des Türkenkrieges ist sie davon ge 
kommen, ihm aber ist von einem Türken der Kopf mit eins weg 
gehauen worden, am Wasser, die Muhr genannt. 
2. Kuse ist Gefeiter worden, hat sich allezeit tollköpsig ge 
halten und mit den Burschen geschlagen. Bei dem Treffen ist er 
nicht gewesen, da ihm vor den Türken gegrauelt, vielmehr in den 
Weinbergen gewesen. Doch ist er des anderen Tags wieder zu 
den Anderen gekommen und hat gesagt, er sei dabei gewesen. Er 
ist geschlossen worden, weil er Karreten visitirct. 
3. Starke, der Pfänder, ward Gefreiter. Ihm wurde beim 
Treffen der Hals von hinten halb abgehauen, so daß er schon 
Maden darin bekommen, ward aber in Fürstenfelde geheftet. Bei 
seiner Heimkunft konnte er durch glücklichen Zufall zu seiner zurück 
gebliebenen Frau ins Quartier gelegt werden. 
4. Naumann lebte. 
5. Engel war krank im Lager zurückgeblieben und gestorben. 
6. Bauernieind blieb vor dem Feinde von einem Schoß. - 
7. Deuffel ging vor dem Treffen durch. 
8. Wendel ging erst nach dem Treffen durch; während des 
selben hatte er die Wache bei des Capitains Wagen gehabt. 
9. Der Schneider von Stülpe ist vor dem Feinde geblieben, 
doch überhaupt wie nicht recht klug gewesen. 
10. Laube mußte zu Saatz in Böhmen als krank abgedankt 
werden. 
11. Fischerhans zog lieber gar nicht mit, sondern machte 
sich nach Halle los." 
So weit der tragikomische Bericht. Der zwölfte Mann ist aus- 
gelaffen. Man muß gestehen, der Schneider von Stülpe ragt 
wie ein Held über die meisten seiner Kameraden empor, wenn 
auch der böse Vorwurf der Tollheit seinen Glorienschein etwas 
verdunkeln möchte.
        
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