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Volume 1. November 1884, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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her. Es war eine schwere, sorgenvolle Stunde. Endlich beschloß 
man hinaus vor das Thor zu gehen und abzuwarten, bis Jemand 
käme, nach diesem wolle man die Stadt benennen. So geschah 
es denn auch. Nicht lange sollte es währen, so schritt eine Krügers- 
srau Namens Jutte durch das Thor, ihr zur Seite aber folgte 
ihr weißer Lieblingsbock. Groß war nun der Jubel. In heiterster 
Laune kehrte die Bürgerschaft wieder heim, malte einen kräftigen 
weißen Bock in das Wappen der Stadt und nannte letztere fortan 
Jüterbock. — Zum Ehrenwächter und nicht zum Gärtner hatte sie 
den Bock gemacht und herzhaft hat derselbe fortan gar manchmal 
die Hörner gezeigt. 
Das hat der Teufel sogar einmal erfahren müssen, daß Jüter 
bock nicht mit sich spaßen läßt. Denn die deutsche Sage erzählt 
nicht nur von dem unerschrockenen, gesinnungstüchtigen Schmied 
von Ruhla allein, auch in dem Schmied von Jüterbock hat sie ! 
eine prächtige Gestalt geschaffen, welche in ihrer derbknorrigen 
Schelmenlaune noch lange wird ein Liebling des deutschen Volkes 
bleiben. 
Der Schmied von Jüterbock war ein frommer Mann, liebreich 
und gastfteundlich zu Jedermann. Ganz spät kam noch eines 
Abends einmal ein Mann zu ihm, der gar heilig aussah, und bat 
bescheiden um ein Nachtlager. Willig nahm ihn der Schmied in 
sein Haus auf. Am andern Morgen, als der Gast von dannen 
gehen wollte, dankte er herzlich und sagte dem Wirth, er solle nur 
drei Bitten thun, die wolle er ihm erfüllen. Der Schmied kraute 
sich zuerst etwas verlegen hinterm Ohr, dann aber bat er erstlich, 
daß sein Stuhl hinterm Ofen, auf welchem er des Abends nach 
der Arbeit zu ruhen pflegte, die Kraft bekäme, jeden ungebetenen 
Gast fest zu halten, bis der Schmied ihn selbst wieder loslaffe. 
Zweitens, daß sein Apfelbaum eben dieselbe Kraft erhielte. 
Niemanden wieder ohne seinen Befehl herunterzulassen und drittens, ! 
daß aus seinem Kohlensacke Niemand herauskönne, sofern er es 
nicht wünsche. Alle drei Bitten gewährte der fremde, stille Mann 
und ging darauf von dannen. 
Nicht lange sollte es währen, da klopft eines Abends der Tod 
bei dem Schmied an und will ihn gleich mitnehmen. Dieser aber 
bat den ungerm'enen Gast, er möge doch erst auf seinem Sorgen- - 
stuhl ein wenig ausruhen, er wäre gewiß von der weiten Reise 
ermüdet. Das that denn auch der Tod, doch als er sich wieder erheben 
wollte, saß er fest. Das war eine schlimme Geduldsprobe. Aber der 
Schmied blieb hart und unerbittlich. Endlich willigte er in die Befrei 
ung ein, sofern ihm der Tod noch zehn Jahre Lebensfrist wolle schenken. 
Letztere war froh, solch leichten Kaufes los zu kommen und ver 
sprach alles. Da löste ihn der Schmied und aufathmend setzte ! 
der böse Gevatter seine Wanderschaft durch das Land fort. Nach 
zehn Jahren aber stand er pünktlich wieder vor dem Schmied, j 
Doch dieser ward nicht verlegen. Freundlich hieß er ihn erst auf 
den Apfelbaum steigen, um sich einige Früchte zu holen, welche 
ihm gewiß nach solch weiter Reise munden würden. Und abermals 
ging der Tod in die Schlinge. Nun aber fiel der Schinied mit 
seinen Gesellen über ihn her und bearbeiteten ihn mit schweren 
Eisenstangen so gewaltig, daß der Aermste Ach und Weh schrie 
und den grimmen Peiniger flehentlich bat, er möge ihn nur ftei 
geben, er wolle auch nie wiederkommen. Das behagte dem Schmied. 
Er gebot seinen Gesellen Einhalt und hüstlahm und ächzend hinkte 
der geschundene Tod aus dem Hause. 
Unterwegs begegnet ihm der Teufel, dem er sein großes Herz 
leid erzählt. Da lachte dieser laut auf und höhnte ihn, daß er 
sich habe so arg täuschen lassen. Einem Teufel könne das niemals 
passiren, rief er. Und richtig, er ging vor des Schmiedes Haus 
und bat mit sanfter Stimme um ein Nachtquartier. Dieser aber 
merkte die Absicht. Es war schon spät am Abend und so sagte 
er ihm denn, die Hausthür könne er nicht mehr öffnen, wolle 
er aber durch das Schlüsselloch fahren, so sei ihm dies unbenommen. 
Das kam dem Teufel ganz gelegen, er huschte flugs hindurch, doch 
wehe! in den Kohlensack, welchen der Schmied innen vorge 
halten hatte. 
Als er den Höllenfürsten drinnen wußte, band er den Sack 
zu, warf ihn auf den Ambos und lieh unter schallendem Gelächter 
seine Gesellen frisch drauslosschlagen. Das war nun ein Festtag 
im Hause. Jämmerlich und erbärmlich klang das Winseln und 
Flehen des Teufels, doch nicht eher ruhten die Hämmer, als bis 
die starken Arme der Burschen ermüdet niedersanken. Dann zeigte 
sich der Schmied gar gnädig. Der Teufel mußte zu demselben 
Loche wieder hinausfahren, wo er hineingeschlüpst, ist fortan auch 
nicht wiedergekommen. 
Jüterbock hat zwar seinem tapferen Helden kein Denkmal in 
Stein oder Erz gegeben, aber in Vieler Herzen lebt die That des 
! unerschrockenen Schmiedes noch heute fort. 
Ein weißer Bock hat, wie schon bemerkt, einstmals Pathen- 
stelle bei der jungen namenlosen Stadt übernommen. Die Ge 
lehrten haben es freilich anders ausgeklügelt und endlich heraus 
gefunden, daß hier einst an der Stelle, wo heute der etwas er- 
j höhte Stadttheil Neumarkt liegt, ein Tempel der Verehrung für 
den wendischen Gott der Morgenröthe sich erhob. Denn Jutre 
bedeutet Morgen und Bog ist gleich mit Gott. Daher auch die 
noch heute zwischen Christen- und Heidenthum schwankende Schreib 
weise von Jüterbock oder Jüterbog. Freilich hat die gelehrte An 
nahme viel für sich. Es ist bewiesen, daß jener Tempel noch lange 
bestanden hat und ist auch von Augenzeugen vielfach beschrieben 
worden. Zu seinem Hügel wallsahrtete ehemals ein jeder wendische 
Hochzeitszug, um nach dargebrachten Opfern den Brauttanz aus 
zuführen. Jetzt heiße derselbe Tanzberg und noch heute hat sich 
! eine uralte Sitte des Brauttanzes hier und da in Jüterbock er 
halten. 
Dennoch bleibt das Wappenthier der Stadt ein weißer Bock, 
das Wahrzeichen aber eine Keule. Wie in Müncheberg und noch 
manch anderen märkischen Städten bewahrt auch Jüterbock jenen 
: merkwürdigen Zeugen mittelalterlicher Rechtsanschauung und Ge- 
sctzesstrenge noch heute. Die Satzungstafel daneben trägt die 
Inschrift: 
„Wer seinen Kindern gibt das Brod 
Und leidet nachmals selber Noth, 
Den schlägt man mit dieser Keule todt." 
Nicht einem bestimmten Vorfall in der Stadt entstammt diese 
Gesctzestafel, sondern einer im Anfang des 15. Jahrhunderts auf 
tauchenden deutschen Sage, der ein ähnlicher Inhalt zu Grunde 
liegt und welche damals tief auf die Gemüther der Zeitgenossen 
wirkte. Auch Luther gedenkt in seinen Tischreden ihrer einmal. 
„Man predigte, sagt er, vor Zeiten wider die undankbaren 
Kinder von einem Vater, der sein Testament hatte gemacht, welches 
er heimlich in seinem Kasten verschloß und legte einen Zettel dazu 
sammt einer Keule mit diesen Worten: Welcher Vater das Seine 
gibt aus der Gewalt, den soll man todtschlagen mit der Keule 
j bald." 
Die Keule von Jüterbock hängt an der Außenseite über dem 
Zinnaer Thore. Außer letzterem besitzt die Stadt noch das 
Damm- wie Neumarktsthor. Alle drei sind noch sehr gut erhalten 
und bilden mit ihrer schmucken, hochstrebenden Ziegelarchitektur 
und den finster daneben Wache haltenden Thorthürmen ein hübsches, 
fesselndes Bild. Die Mauern freilich sind fast ganz gefallen, doch 
außer den Thorthürmen ragen noch immer eine Anzahl trutziger 
Wartthürme rings um die freundliche, grünumbuschte Stadt in 
die Höhe und leihen ihr ein äußerst malerisches Relief. 
Stolz und Hauptanziehungskraft der Stadt aber bilden ihre 
Kirchen und die Fülle jener mittelalterlichen, meist klösterlichen 
Bauten: Conventshäuser, Abtsgebäude, Hospitäler und Kapellen, 
mit steil emporsteigenden, Ziegel gedeckten Satteldächern, Dach-
	        
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