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Periodical volume 1. November 1884, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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dreimal so viel kosten dürste. Unterschriebener ersuchte bei dem 
Directeur generel des arte, Msr. Denon, ob diese Quadriga 
nicht könne in Ruhe stehen bleiben, allein es war kein Mittel, denn 
Msr. Denon erklärte: die Armee habe es vom Kayser gewünscht, 
daß diese Quadriga in Paris auf den Triumphbogen gestellt würde, 
in welchen der Kayser und die Armee am großen Siegesfeste den 
Einzug -alten würden. Der Kayser habe dies zugesagt und es 
befohlen derselbe nähme nie sein Wort zurück. Wenn dies Werk 
auch nicht als ein Kunstwerk betrachtet werden sollte, so könne und 
müsse es doch als Trophäe dienen und gelten. Kurtz, es muß ab 
gebrochen werden. Jury aus Potsdam ist durch Msr. Denon 
selbst hergeholt, dieser wird nach dem Antrage des Unterschriebenen 
das Abnehmen übernehmen, wahrscheinlich auch zu seiner Zeit zum 
Aufsetzen nach Paris gerufen werden. Den 19. November 1806. 
Becherer." 
Aus dem beigelegten speziellen 
Koftenverzeichnifse entnehmen wir, daß 
die Herstellungskosten der Quadriga sich 
auf 20 640 Thlr. 18 Gr. beliefen. 
Erst im Frühjahr 1807 erfolgte 
die Wegführung des Kunstwerkes; doch 
Napoleons Vorsatz, sie auf dem 
Triumphbogen des Carousiel - Platzes, 
zwischen dem Louvre und den Tuilerien 
in Paris, aufzustellen, kam nicht zur 
Ausführung. Ueberdies wäre jenes 
Bauwerk, von weit kleineren Verhält - 
nisien als diejenigen des Brandenburger 
Thores, wohl schwerlich dazu geeignet 
gewesen, das herrliche Kunstwerk zur 
rechten Geltung zu bringen. 
So stand nun das Brandenburger 
Thor seines Hauptschmuckes beraubt; 
nur die mächtige Helmstange ragte 
noch empor — auf ihrer Spitze den 
Vögeln kurze Rast gewährend. 
Zu jener Zeit des schweren Druckes 
zogen die Berliner oft hinaus durch das 
Thor, um in der Waldeinsamkeit des 
Thiergartens an der Natur und ihren 
bescheidenen Genüssen sich zu erfreuen, 
während seine Erdbeer- und Himbeer 
sträucher der Jugend eine reiche Aus 
beute gewährten. 
Auch Jahn wanderte mit seinen 
„ungebleichten Rackern," wie man seine 
Turncrschaar nach ihrer Leinwandbeklei 
dung spöttisch benannte, oft durch das 
Brandenburger Thor. Bei einer dieser Wanderungen, als der 
Krieg zwischen Frankreich und Rußland schon zur Gewißheit ge 
worden war, frug der Turnvater angesichts des Thores einen aus 
der Schaar: „Woran denkst Du jetzt?" Als keine Antwort erfolgte, 
gab ihm Jener einen Backenstreich mit den Worten: „Daran sollst 
Du denken, wie wir die vier schönen Pferdestatuen, die einst aus 
diesem Thore standen und von den Franzosen nach Paris geschleppt 
worden sind, von dort wieder holen sollen!" 
Auf die „Jahnsche Dachtel" folgte das Wiederholen der 
Quadriga. Blücher fand sie, nachdem die Alliirten am 31. März 
1814 ihren Einzug in Paris gehalten, auf dem Hofe eines Staats 
gebäudes im Faubourg Poissonniere, unter einem Bretterschuppen 
aufgestellt. 
Die einzelnen Theile der Gruppe wurden nun in fünf 
zehn mächtigen Kisten auf sechs der größten, von 52 Pferden 
gezogenen, Lastwagen nach Berlin zurückgeschafft. Vierzig Mann 
vir „Victoria" des Srandrnburgrr Thors 
in ihrer unsirrünglichrn Gestalt. 
Infanterie, unter dem Commando des Lieutenants v. Mag ui, 
bildeten die Bedeckung des Transportes. Nach Ueberwindung von 
mancherlei Hindernisien, die der stellenweis aufgeweichte Boden den 
Lastwagen bereitete, gelangte man endlich am 11. Mai auf sechs 
Fähren glücklich über den Rhein. In Düsieldorf erfolgte der fest 
liche Einzug unter Glockengeläute und Kanonendonner; und von 
da ab glich die Fahrt einem ununterbrochenen Triumphzuge. Aus 
allen Städten und Ortschaften brachten patriotische Männer, Frauen 
und weißgekleidete Jungfrauen ihre Blumenspenden, Gedichte und 
Inschriften auf seidenen Bändern dar. 
Gleich „wandelnden Blumenhügeln" gelangten die Wagen 
über Elberfeld, Hamm, Soest und Bielefeld nach Blinden; von 
dort, über Hannover und Braunschweig, nach dem Werder bei Pots 
dam, wo auch Meister Jury mit Freudenthränen die Sieges 
göttin zurückkehren sah, welche er sieben 
Jahre zuvor von ihrer Höhe hatte her 
abnehmen müßen. 
Auf dem Hofe des Jagdschlosses 
„Grunewald" wurde dann einige Tage 
gerastet, und ein Theil der Kränze und 
Inschriften zur Ausschmückung der dor 
tigen Gemächer verwendet. Dann ging 
es weiter, nach Berlin, wo der feier 
liche Einzug am 1. Juni erfolgte. 
Der Transport, von den Pariser 
Boituriers Cochard und Simon über 
nommen und durch ftanzösische Fuhr 
leute ausgeführt, hatte die Summe von 
— 21,000 Franks erfordert. 
Die Enthüllung der Quadriga sollte 
am Tage des projektirten festlichen 
Empfanges Friedrich Wilhelms des 
Dritten erfolgen. Der Monarch aber, 
ein entschiedener Gegner jeglichen Ge 
pränges, vereitelte die seiner Person 
zugedachte Feierlichkeit durch sein un- 
vermuthetes Eintreffen am 5. Juli. 
Dagegen entschloß er sich später, mit 
Rücksicht aus das tapfere Kriegsheer und 
dessen Führer, den Einzug der rück 
kehrenden Truppen auf glänzende Weise 
zu begehen. 
In nächtlicher Stille wurde die 
Quadriga auf der Attika des Thores 
wieder aufgestellt und durch eine zelt 
artige Ueberdachung verhüllt. Am 
7. August sollte der Einzug erfolgen. 
Und als dann der Monarch an jenem 
Tage, von Charlottenburg kommend, sich unweit des Thores an 
die Spitze seiner Truppen stellte und ein brausendes „Hurrah" 
ihn bewillkommnete, fiel wie durch einen Zauberschlag die Um 
hüllung droben — und im Angesichte des Heeres wie des Volkes 
stand die Siegesgöttin in neuerrungenem Glanze, der Stadt 
zugewendet und im Eichcnkranz das eiserne Kreuz, über 
welchem der gekrönte Adler sich aufschwingt, als preußisches Palla 
dium tragend. 
Iiiterbock. 
Von K. Srlnius. 
Als die Stadt Jüterbock fertig gebaut war, wußte man nicht, 
welchen Namen man ihr geben sollte. Kopfschüttelnd stand die 
junge Bürgerschaft auf dem Marktplatz und berathschlagte hin und
        
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