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Volume 1. November 1884, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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den äußersten Flügelfedern verlängerten, vier Zoll breiten Eisen- ! Resignation fern von der Oeffentlichkeit, soweit sie nicht ex officio 
stäbe. > . . zum Empfange des Kaisers herangezogen waren. 
Die all'zeit schlagfertigen Berliner spöttelten beim Anblick Der Marschall Lese vre eröffnete den Zug an der Spitze der 
dieses ersten öffentlichen Kunstdenkmals seit Errichtung der Reiter- Kaiserlichen Garde zu Fuß; die Kürassire von der Division Nansouty 
statue des Großen Kurfürsten: die Pferde zögen den Sieg aus waren in Schlachtordnung längs des Weges aufgestellt. Zwischen 
der Stadt, und die Viktoria selbst sähe von hinten so kahl den Garde-Grenadieren und den Jägern zu Pferde ritt der Kaiser 
und steif aus. Andere wieder witzelten: der kupferne Wagen 
mit dem weiblichen Kutscher und seinen vier Pferden sei das Sym 
bol, durch welches man die Charlottenburger Korbwagen 
andeuten wolle, die vor dem Thore für zwei Groschen zu Jeder 
manns Gebrauch bereit ständen. 
So zutreffend auch die erstere Bemerkung war, ließ sich doch 
an der Aufstellung nichts mehr ändern. Dagegen trug Schadow, 
die zweite Ansicht theilend, bei dem Ober-Hofbau-Amt darauf an, 
der Figur ein fliegendes Gewand zu geben, welchem Antrage 
auch entsprochen wurde. 
Gleichzeitig hielt die „Akademie der Künste und mechanischen 
Wissenschaften" eine Veränderung des an einem Speere befestigten 
und von der Viktoria gehaltenen Siegeszeichens für wünschens- 
wcrth. Daffelbe bestand aus einem Helm und Panzer nebst zwei 
Schilden, an Stelle dessen der Bildhauer Schlott, ebenfalls nach 
Schadow's Entwurf, das Holzmodell zu dem offenen Lorbeer 
kranz fertigte, auf dem der preußische Adler sich emporschwingt. 
Diese Veränderungen erfolgten bereits im November 1794, so 
daß also nicht, wie es heißt, jene „fasces“ durch einen Gewitter- 
sturm in der Nacht zum 15. August 1806 — das hereinbrechende 
Unglück des Vaterlandes gleichsam prophetisch verkündend — von 
ihrer Höhe herabgeschleudert und zertrümmert werden konnten. 
Dann legte Jury, noch zu Ende des Jahres, durch An 
bringung des Seilzeuges zur Bespannung der Roste die letzte 
Hand an das Werk und der Monarch gab seiner Anerkennung für 
daffelbe dadurch Ausdruck, daß er dem Bildner eine Gratifikation 
von 15 000 Thaler zu Theil werden ließ. 
Die Berliner aber meinten beim Anblick der nun mit einem 
Gewände und neuem Symbol versehenen Viktoria: die heid 
nische Göttin sei bekehrt worden. 
HI. 
Z»ie Megsührung der chuadriga und ihre Metamorphose nach der 
Jückkehr. 
Das Schicksal des Vaterlandes war besiegelt durch die Jena'er 
Schlacht. 
Elf Tage nach derselben stand Davoust, welcher mit seinen 
Divisionen vorzugsweise zur schnellen Entscheidung des verhängniß- 
vollen Tages beigetragen hatte und dem daher von seinem Kaiser 
die Ehre vorbehalten war, der Erste in Berlin zu sein, vor den 
Thoren der Hauptstadt. Napoleon selbst, dem Gros seiner sieg 
reichen Armee vorausgeeilt, war am 22. Oktober (1806) in Pots 
dam eingetroffen und im Stadtschloß abgestiegen. Einige Tage 
später hielt er Revue über seine Garde ab, worauf dieselbe bis in 
die unmittelbarste Nähe von Berlin marschirte, um in den Vor 
städten und umliegenden Dörfern bis zu seiner Ankunft Quartiere 
zu beziehen. 
Am 27. Oktober, nachdem er auch die inzwischen übergebene 
Festung Spandau besichtigt hatte, begab der Kaiser sich zu Wagen 
nach dem Schloß Bellevue in das Hauptquartier des Marschalls 
Augerau, und setzte sich hier zu Pferde, um seinen Einzug in 
die Haupt- und Residenzstadt Preußens zu halten. 
Von den Kirchthürmen Berlins hallte die vierte Nachmittags 
stunde, als Geschützdonner das Nahen des Kaisers verkündete. 
Viele Neugierige, in denen leider die Schaulust den Patriotismus 
und die Selbstachtung überwog, hatten sich nach den Branden 
burger Linden begeben, um dem solennen Einzuge des „Empereurs" 
beizuwohnen. Die wahrhaft Edlen dagegen hielten sich in stummer 
auf seinem arabischen Schimmel, begleitet von seinem Bruder 
Hieronymus, dem Fürsten Alexander von Neuschatel, den 
Marschällen Augereau, Bessieres, Lefövre und Davoust, 
so wie von einer zahlreichen Suite seiner Generale und Offiziere 
in den glänzendsten Uniformen. Die Anzahl seiner Garde schätzte 
man auf die Zehntausend. 
In dem Pomp dieser Umgebung würde Niemand den Ge 
waltigen der Erde erkannt haben in dem unscheinbaren grauen 
Oberrock, der die grüne Chaffeur-Uniform ohne Ordensband und 
Stern bedeckte, wenn nicht die Ehrfurcht, welche seine Umgebung 
ihm auf jedem Schritte Weges erzeigt, ihn als den „Empereur" 
bekennzeichnet hätte. 
Vor dem Brandenburger Thor haftete Napoleons Adler 
blick einen Moment auf der Quadriga, welche ihm die 
Siegesgöttin entgegenführte. Rief ihr Anblick in ihm die Er 
innerung wach an die vier Preußensiege über sein Volk, bei Pir 
masens und dreimal bei Kaiserslautern, welche die Roffe da droben 
versinnbildlichen sollten . . . .? 
Durch das mittlere Portal in die Stadt eingeritten, er 
warteten ihn am „Quarre" (wie der Pariser Platz damals noch 
hieß) die französischen Verwaltungsbeamten, Marschall Duroc und 
der Kommandant, General Hulin, so wie die Beamten der könig 
lichen und städtischen Behörden — an ihrer Spitze der Bürger 
meister und Polizei-Direktor Büsch in g, welcher ihm die Schlüssel 
der Stadt überreichte. 
Der Schilderung eines Augenzeugen entnehmen wir noch 
Folgendes: „Seine Figur ist klein, sein Teint olivenfarbig; die 
Muskeln seines Gesichts sind trocken; beides giebt ihm ein finsteres 
Aussehen. Das bräunliche Auge ist zwar nicht feurig zu nennen, 
doch ist sein Blick durchdringend; erforschende Anmuth mangelt 
diesem Blicke zwar, aber nicht Haltung und Festigkeit. Sein Auge 
ist in ewiger Bewegung und spricht die immer rege, glühende 
Thätigkeit seines eigenen Ichs aus. Nur selten wird der Ernst 
seines Gesichts von einem Lächeln verwischt; aber es ist ein eigen 
thümliches, höchst seltsames, wunderbares Lächeln, das dem Nächst 
stehenden untersagt, ein Gleiches zu thun. So habe ich ihn da 
mals lächeln gesehen, als bei seinem Einzuge in den Ruf seiner 
Soltaten „Vive l’Empereur!“ auch ein Theil Berliner einstimmte." 
Vorüber! 
Drei Wochen waren seit jenen Tagen vergangen, als unser 
Schadow, am 17. November, folgende Zeilen an den Hofrath 
Becher er richtete: „Msr. Denon war vor einer Stunde bei mir 
und zeigte mir an, der Kaiser habe befohlen, dieQuadriga vom 
Brandenburger Thor abzunehmen und solche nach 
Frankreich zu schaffen. Ich mußte ihm die Adresse von Jury 
geben, er geht morgen nach Potsdam und bringt diesen wahr 
scheinlich mit, um die Gruppe abzunehmen. Außerdem wird ver 
langt, das K. Ober-Hof-Bau-Amt solle genau die Rechnung an 
geben von dein, was diese Arbeit gekostet hat, nämlich der Wagen, 
die Figur, die vier Pferde, die Modelle dazu, die (innere) Rüstung 
von Eisen re., und das Alles soll ich morgen Herrn Denon mit 
theilen. Ich bitte Sie, das Desfallsige, nämlich die Rechnungen, 
gütigst zu besorgen. Ihr ergebenster G. Schadow." 
Becher er referirte hierauf: Nach der Anlage des Herrn 
Schadow hatte das Collegium das Nöthige am 18. dieses berath 
schlagt und beschloffen: der Auszug von den Kosten wird gemacht, 
die Summe ausgemittelt und das Mundum Herrn Becher er ge 
geben. Derselbe glaubt, daß in Frankreich ein solches Werk wohl
	        
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