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Volume 26. September 1885, Nr. 52

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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lung, die ich aber für diesmal noch ausschlug, und für die ich 
einen auswärtigen Freund mit Erfolg empfahl. Sie kennen 
meine Natur und wissen, daß ich auch gerne einmal für ein 
Paar Tage im vollen Strudel des Lebens umhertreibe, daß aber 
dann die Sehnsucht nach friedlicher Stille mit Macht in mir 
lebendig wird. So geschahs auch in Berlin." 
Geibel fuhr nach Weimar, aber auch dort wurde er festlich 
aufgenommen und die zu seinen Ehren veranstalteten Vergnügungen 
fanden kein Ende; nachdem er dort drei Wochen verlebt, kehrte er 
nach Berlin zurück. „Aber da fing", wie er mittheilt, „der Früh 
ling eben an, die blauen Augen hell aufzuschlagen und mit 
Sonnenschein und Blüthen zu winken und zu locken. Ich war 
der ewigen Geselligkeit satt; der Poet siegte über den Politiker 
und eines schönen Morgens saß ich zu Potsdam auf dem Dampf 
schiff und fuhr die blaue Havel hinunter." — 
Im Winter 1847 wohnte Geibel längere Zeit in Berlin, 
aber auch diesmal gefiel ihm nicht so recht das bunte Leben und 
Treiben der wachsenden Großstadt. In einem vom 6. Januar 
datirten Briefe an eine der Malsburgischen Damen heißt es: 
„Ich kann Ihnen kein so freundlich stilles Bild zeichnen, 
wie Sie es mir von Ihrem Leben mit wenigen Strichen ent 
warfen. Sie haben Ihr Lebensschiff in eine friedliche Bucht 
gesteuert, das meine treibt noch auf dem hohen Meere, wo 
der Sturm losgelaffen ist und die Wogen hochgehen. Es ist 
schön, ein Dichter sein, aber es ist schwer, unendlich schwer; und 
doch fühle ich cs jeden Tag deutlicher, daß ich nie von dem 
Berufe laffen kann, denn er hat mich, nicht ich ihn erwählt. 
Aber denken Sie sich ein Gemüth voll vielseitiger Empfänglich 
keit, voll innerer rastloser Sehnsucht, voll verhaltenen Feuers, 
wie das Gemüth jedes echten Poeten es sein muß, denken Sie 
sich das im wechselnden Verkehr mit Tausenden, einsam hin 
gerissen in den Strudel blendender Geselligkeit, bewegt und durch 
schüttelt von den Pulsschlägen der Zeit, bezaubert von dem ! 
Glanze, abgestoßen von der Hohlheit neuer sich vor ihm aus 
schließender Lebenssphären, heute in kühner Jugendlust auf 
jauchzend, morgen durch bittere Enttäuschung gekränkt, und fühlen 
Sie dann mit mir, wie schwer es sein muß, in diesem hastig 
stürmischen Leben, in all' der blühenden Verworrenheit immer 
das rechte Gleichgewicht zu bewahren, immer rein von Eitelkeit 
und Sinnlichkeit, frei von Selbstbetrug, Uebermuth und Ver 
zagtheit zu bleiben." 
Im Frühling wanderte Geibel wieder aus Berlin heraus, 
aber noch später gedenkt er seines Aufenthaltes in der Residenz, 
und wie schön ist das Urtheil, welches er damals, genau vor acht 
unddreißig Jahren, über unseren Kronprinzen fällt. Er 
schreibt: 
„In Berlin wird mein Leben immer stiller und begrenzter. 
Ich zog mich mehr und mehr aus den bunten Kreisen der 
weiten Geselligkett zurück und beschränkte mich zuletzt fast aus 
schließlich aus den Umgang mit Kugler und seiner Familie. 
Nur der Verkehr am Hofe der Prinzeß von Preußen, die für 
mich ein eigenthümliches Wohlwollen zu hegen scheint, brachte 
öfters Abwechselung in jene Einförmigkeit. Zu ihrem Sohne, 
dem Prinzen Friedrich Wilhelm, der einst König von 
Preußen sein soll, gewann ich allmählich ein fast freundschaft 
liches Verhältniß. Er ist eine einfache sittliche edle Natur, von 
klarem Geiste und voll eingeborener Achtung vor geistigen 
Dingen. In Manchem erinnert er an seinen Großvater; aber 
die weise Erziehung, die ihm zu Theil wird und deren erster 
Grundsatz es ist, daß er nicht in fürstlicher Absonderung, sondern 
menschlich mit Menschen aufwachse, läßt erwarten, daß er einst 
noch mehr als jener alte würdige Herr ein Schmuck des Thrones 
sein werde." 
Und mit diesen sympathischen Worten schließen in der vor 
liegenden Korrespondenz die Mittheilungen Geibel's über Berlin. 
Paul Lindenberg. 
Moderner Volksglaube. 
Die heutigen Nachrichten von Prozeffen, in denen der Kläger 
von einer „klugen Frau" oder einem Medizinmann oder einer Karten 
schlägerin auf das Unglaublichste betrogen würde, lassen erkennen, 
wie tief gewiffe, fast heidnische Anschauungen, die wir längst aus 
gerottet dachten, im Volksglauben noch haften. Sehr oft freilich 
sind es nur harmlose Gebräuche, die nach uralter Tradition noch 
geübt werden, ohne dabei zu denken, daß dieselben zu der heutigen 
Zcitanschauung in direktem Widerspruch sich befinden. Als charak 
teristisch für unser aufgeklärtes Zeitalter verdienen diese Ueberliefe 
rungen als Reste volksthümlichen Wesens in der Hauptstadt des 
Deutschen Reiches beachtet zu werden, da wir der Meinung sind, 
daß es sich dabei durchaus nicht immer um verdammenswerthen 
Aberglauben handelt. Ein Mitarbeiter der Blätter aus der Stadt 
mission hat im vierten Jahrgang derselben unter dem Titel 
„Aber laube in Berlin" in etwas einseitiger Weise solche 
Beispiele gesammelt, von denen einige gewiß noch nicht weiter 
bekannt geworden. Eine Auswahl möge dazu beitragen, uns 
weiteres Material zuzuführen und dadurch vielleicht die Möglichkeit 
der Herleitung und Erläuterung zu bieten. Ein Hauptcharakterzug 
des Aberglaubens ist die Furcht, welche als das Grundwesen 
heidnischer Religion sich wie ein schwarzer Faden durch das La 
byrinth aller Trug- und Wahnvorstellungen hindurchzieht. Einige 
Mittheilungen über den Aberglauben in Berlin, so weit in der 
Stadtmission Gelegenheit war, denselben zu beobachten, wobei 
hier und da Erläuterungen über die alt-heidnischen Grundlagen 
hinzugefügt werden, dürsten daher auch für weitere Kreise lehrreich 
und warnend sein. 
Kindheit. Wenn eine Familie ihren Kinderwagen verkauft 
und das jüngste Kind in einem gemietheten Wagen fährt, dann 
wird nach diesem Kinde keins weiter geboren. (!) 
Ueber die Taufe hört man die Meinung, daß durch dieselbe 
die Kinder ruhiger oder auch gesund werden. Manche sagen: 
Durch die Taufe eines kranken Kindes wendet sich die Krankheit: 
das Kind wird gesund oder es stirbt bald. — Eine Frau hatte in 
der Zeit vor Aufhebung der Gebühren in Berlin eine Freilaufe 
für ihr Kind erhalten, und es war bald nach der Taufe gestorben. 
Sie behauptete nun, daran sei die Freitaufe schuld, denn für das 
andere Kind habe sie die Taufe bezahlt, und das sei nicht gestor 
ben. — Ein Mann sagte: Meine getauften Kinder sind alle ge 
storben. Dies jüngste Kind aber habe ich nicht taufen laffen, und 
es ist gesund. — Wenn ein Kind getauft wird, dann muß im 
Augenblick der Besprengung mit Waffer es ein Mann halten, sonst 
hat es kein Glück. — Manche Leute sagen, man dürfe mit einem 
Kinde, das noch nicht ein Jahr alt ist, nicht aus den Kirchhof 
gehen, man dürfe es auch nicht Photographiren lassen, sonst sterbe es. (!) 
Trauung. Auf dem Wege zur Kirche muß das Brautpaar 
dicht neben cinandergehen, sonst kommt eine Scheidung. Auch muß 
der Bräutigam auf diesem Wege der Braut Geld geben, dann hat 
sie immer Geld. (?) 
Sehr verbreitet ist die Meinung: Wenn die Uhr plötzlich 
stehen bleibt, so bedeutet das, es stirbt Jemand in der Verwandtschaft. 
Begräbniß. In dem Zimmer, wo eine Leiche steht, verhängt 
man den Spiegel, weil sonst durch Spiegelung zwei Leichen ge 
sehen würden, was die Bedeutung hätte, daß es bald wieder eine 
Leiche im Hause geben wird. 
Begegnung. Wenn einem bei dem ersten Austritt aus dem
	        
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