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lung, die ich aber für diesmal noch ausschlug, und für die ich
einen auswärtigen Freund mit Erfolg empfahl. Sie kennen
meine Natur und wissen, daß ich auch gerne einmal für ein
Paar Tage im vollen Strudel des Lebens umhertreibe, daß aber
dann die Sehnsucht nach friedlicher Stille mit Macht in mir
lebendig wird. So geschahs auch in Berlin."
Geibel fuhr nach Weimar, aber auch dort wurde er festlich
aufgenommen und die zu seinen Ehren veranstalteten Vergnügungen
fanden kein Ende; nachdem er dort drei Wochen verlebt, kehrte er
nach Berlin zurück. „Aber da fing", wie er mittheilt, „der Früh
ling eben an, die blauen Augen hell aufzuschlagen und mit
Sonnenschein und Blüthen zu winken und zu locken. Ich war
der ewigen Geselligkeit satt; der Poet siegte über den Politiker
und eines schönen Morgens saß ich zu Potsdam auf dem Dampf
schiff und fuhr die blaue Havel hinunter." —
Im Winter 1847 wohnte Geibel längere Zeit in Berlin,
aber auch diesmal gefiel ihm nicht so recht das bunte Leben und
Treiben der wachsenden Großstadt. In einem vom 6. Januar
datirten Briefe an eine der Malsburgischen Damen heißt es:
„Ich kann Ihnen kein so freundlich stilles Bild zeichnen,
wie Sie es mir von Ihrem Leben mit wenigen Strichen ent
warfen. Sie haben Ihr Lebensschiff in eine friedliche Bucht
gesteuert, das meine treibt noch auf dem hohen Meere, wo
der Sturm losgelaffen ist und die Wogen hochgehen. Es ist
schön, ein Dichter sein, aber es ist schwer, unendlich schwer; und
doch fühle ich cs jeden Tag deutlicher, daß ich nie von dem
Berufe laffen kann, denn er hat mich, nicht ich ihn erwählt.
Aber denken Sie sich ein Gemüth voll vielseitiger Empfänglich
keit, voll innerer rastloser Sehnsucht, voll verhaltenen Feuers,
wie das Gemüth jedes echten Poeten es sein muß, denken Sie
sich das im wechselnden Verkehr mit Tausenden, einsam hin
gerissen in den Strudel blendender Geselligkeit, bewegt und durch
schüttelt von den Pulsschlägen der Zeit, bezaubert von dem !
Glanze, abgestoßen von der Hohlheit neuer sich vor ihm aus
schließender Lebenssphären, heute in kühner Jugendlust auf
jauchzend, morgen durch bittere Enttäuschung gekränkt, und fühlen
Sie dann mit mir, wie schwer es sein muß, in diesem hastig
stürmischen Leben, in all' der blühenden Verworrenheit immer
das rechte Gleichgewicht zu bewahren, immer rein von Eitelkeit
und Sinnlichkeit, frei von Selbstbetrug, Uebermuth und Ver
zagtheit zu bleiben."
Im Frühling wanderte Geibel wieder aus Berlin heraus,
aber noch später gedenkt er seines Aufenthaltes in der Residenz,
und wie schön ist das Urtheil, welches er damals, genau vor acht
unddreißig Jahren, über unseren Kronprinzen fällt. Er
schreibt:
„In Berlin wird mein Leben immer stiller und begrenzter.
Ich zog mich mehr und mehr aus den bunten Kreisen der
weiten Geselligkett zurück und beschränkte mich zuletzt fast aus
schließlich aus den Umgang mit Kugler und seiner Familie.
Nur der Verkehr am Hofe der Prinzeß von Preußen, die für
mich ein eigenthümliches Wohlwollen zu hegen scheint, brachte
öfters Abwechselung in jene Einförmigkeit. Zu ihrem Sohne,
dem Prinzen Friedrich Wilhelm, der einst König von
Preußen sein soll, gewann ich allmählich ein fast freundschaft
liches Verhältniß. Er ist eine einfache sittliche edle Natur, von
klarem Geiste und voll eingeborener Achtung vor geistigen
Dingen. In Manchem erinnert er an seinen Großvater; aber
die weise Erziehung, die ihm zu Theil wird und deren erster
Grundsatz es ist, daß er nicht in fürstlicher Absonderung, sondern
menschlich mit Menschen aufwachse, läßt erwarten, daß er einst
noch mehr als jener alte würdige Herr ein Schmuck des Thrones
sein werde."
Und mit diesen sympathischen Worten schließen in der vor
liegenden Korrespondenz die Mittheilungen Geibel's über Berlin.
Paul Lindenberg.
Moderner Volksglaube.
Die heutigen Nachrichten von Prozeffen, in denen der Kläger
von einer „klugen Frau" oder einem Medizinmann oder einer Karten
schlägerin auf das Unglaublichste betrogen würde, lassen erkennen,
wie tief gewiffe, fast heidnische Anschauungen, die wir längst aus
gerottet dachten, im Volksglauben noch haften. Sehr oft freilich
sind es nur harmlose Gebräuche, die nach uralter Tradition noch
geübt werden, ohne dabei zu denken, daß dieselben zu der heutigen
Zcitanschauung in direktem Widerspruch sich befinden. Als charak
teristisch für unser aufgeklärtes Zeitalter verdienen diese Ueberliefe
rungen als Reste volksthümlichen Wesens in der Hauptstadt des
Deutschen Reiches beachtet zu werden, da wir der Meinung sind,
daß es sich dabei durchaus nicht immer um verdammenswerthen
Aberglauben handelt. Ein Mitarbeiter der Blätter aus der Stadt
mission hat im vierten Jahrgang derselben unter dem Titel
„Aber laube in Berlin" in etwas einseitiger Weise solche
Beispiele gesammelt, von denen einige gewiß noch nicht weiter
bekannt geworden. Eine Auswahl möge dazu beitragen, uns
weiteres Material zuzuführen und dadurch vielleicht die Möglichkeit
der Herleitung und Erläuterung zu bieten. Ein Hauptcharakterzug
des Aberglaubens ist die Furcht, welche als das Grundwesen
heidnischer Religion sich wie ein schwarzer Faden durch das La
byrinth aller Trug- und Wahnvorstellungen hindurchzieht. Einige
Mittheilungen über den Aberglauben in Berlin, so weit in der
Stadtmission Gelegenheit war, denselben zu beobachten, wobei
hier und da Erläuterungen über die alt-heidnischen Grundlagen
hinzugefügt werden, dürsten daher auch für weitere Kreise lehrreich
und warnend sein.
Kindheit. Wenn eine Familie ihren Kinderwagen verkauft
und das jüngste Kind in einem gemietheten Wagen fährt, dann
wird nach diesem Kinde keins weiter geboren. (!)
Ueber die Taufe hört man die Meinung, daß durch dieselbe
die Kinder ruhiger oder auch gesund werden. Manche sagen:
Durch die Taufe eines kranken Kindes wendet sich die Krankheit:
das Kind wird gesund oder es stirbt bald. — Eine Frau hatte in
der Zeit vor Aufhebung der Gebühren in Berlin eine Freilaufe
für ihr Kind erhalten, und es war bald nach der Taufe gestorben.
Sie behauptete nun, daran sei die Freitaufe schuld, denn für das
andere Kind habe sie die Taufe bezahlt, und das sei nicht gestor
ben. — Ein Mann sagte: Meine getauften Kinder sind alle ge
storben. Dies jüngste Kind aber habe ich nicht taufen laffen, und
es ist gesund. — Wenn ein Kind getauft wird, dann muß im
Augenblick der Besprengung mit Waffer es ein Mann halten, sonst
hat es kein Glück. — Manche Leute sagen, man dürfe mit einem
Kinde, das noch nicht ein Jahr alt ist, nicht aus den Kirchhof
gehen, man dürfe es auch nicht Photographiren lassen, sonst sterbe es. (!)
Trauung. Auf dem Wege zur Kirche muß das Brautpaar
dicht neben cinandergehen, sonst kommt eine Scheidung. Auch muß
der Bräutigam auf diesem Wege der Braut Geld geben, dann hat
sie immer Geld. (?)
Sehr verbreitet ist die Meinung: Wenn die Uhr plötzlich
stehen bleibt, so bedeutet das, es stirbt Jemand in der Verwandtschaft.
Begräbniß. In dem Zimmer, wo eine Leiche steht, verhängt
man den Spiegel, weil sonst durch Spiegelung zwei Leichen ge
sehen würden, was die Bedeutung hätte, daß es bald wieder eine
Leiche im Hause geben wird.
Begegnung. Wenn einem bei dem ersten Austritt aus dem