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Periodical volume 26. September 1885, Nr. 52

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Herz wachsen. Es ist dem Meister oft der Vorwurf gemacht 
worden, daß bei diesem Standbilde die Person des großen Preußen- 
königs nicht so unmittelbar auf den Vorübergehenden einwirken 
könne, wie dies z. B. bei dem Meisterwerke Andreas Schlüters 
auf der Langen Brücke der Fall ist. Man muß zugeben, daß 
dieser Vorwurf nicht unbegründet ist. Wir dürfen jedoch auch 
keineswegs vergessen, daß auch die von Rauch angewandte Art 
der Darstellung ihre großen Vorzüge hat. Hat er doch mit seinem 
Werke nicht allein dem großen Friedrich ein Denkmal gesetzt, son 
dern auch seine hervorragenden Feldherren, die Künstler, Dichter 
und Gelehrten des Friedericianischen Zeitalters verherrlicht. Dieses 
populärste Werk Rauchs, das in der Kunst der Neuzeit wohl kaum 
seinesgleichen hat, ist im Museum bis in die kleinste Einzelheit 
vorhanden. Wir finden nicht nur eine Kopie des zur Ausführung 
gelangten Standbildes; auch die herrlichen Reliefs am Piedestal 
und die Eckfiguren der Weisheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und 
Stärke sind im Modell vertreten. Rauch hat mehr als zwanzig 
Jahre an diesem Werke 
gearbeitet. Von den Ent 
würfen aus früherer Zeit 
sei hier eine Säule mit 
Reliefs und Neitcrstatue 
als Friedrichsdenkmal er#' 
wähnt. Auch besitzt das 
Museum eine Skizze, in 
welcher Rauch den König 
zu Fuß dargestellt hat. 
Diese Art der Darstellung 
scheint ihm jedoch nur vor 
übergehend vorgeschwebt 
zu haben, da die übrigen 
Entwürfe sämmtlich die 
Neitcrstatue gemeinsam 
haben. 
Eine eingehendere Be 
handlung der zahlreichen 
anderen Statuen, deren 
Modelle im Rauch - Mu 
seum vereinigt sind, würde 
den Rahmen dieses Auf 
satzes ivcit überschreiten. 
Es können hier nur einige 
der hervorragenderen 
Schöpfungen des Meisters, 
wie die Erzbilder Dürers 
zu Nürnberg, Kants zu Königsberg, Thaers zu Berlin, König 
Max I. zu München, die Gruppe der Polenkönige Miecislaus 
und Boleslaus namhaft gemacht werden. In ihnen allen ist eine 
bewunderungswürdig feine Charakteristik und außerordentlich lebens 
volle Auffassung ausgeprägt. Herrlich ist auch die Mvsesgruppe, 
die nach dem Tode Rauchs für die Vorhalle der Friedenskirche 
zu Potsdam von Albert Wolfs in Marmor ausgeführt ist. Sie 
zeigt uns den greisen Gottesstreiter im Gebet während der Schlacht 
gegen die Amalekiter; Hur und Aaron sind zur Unterstützung 
seiner gen Himmel erhobenen Arme herbeigeeilt, da die Seinigen 
der Sieg verläßt, so bald diese ermattet niedersinken. 
Wie sehr Rauch bei seinein hohen und ernsten Streben doch 
auch den Sinn für das Naive und Liebliche erhalten hat, erkennen 
mir an der Grabstatue der Prinzessin Elisabeth von Hessen- 
Darnlstadt. Ein Gefühl der Wehmuth schleicht sich unwillkürlich 
in unser Herz, wenn wir unsere Blicke auf die ihren Eltern im 
zartesten Kindesalter entrissene Gestalt richten, die der Schlaf über 
rascht zu haben scheint, als sic im Begriff war, in den un 
vollendeten Kranz, den ihre rechte Hand hält, mit der linken eine 
Schwierige Heimkehr. 
Scene aus dem Berliner Straßenleben. 
Blume zu flechten. Dieser Statue steht an Lieblichkeit die der 
Jungfrau Lorenzen von Tangermünde auf dem Rücken eines Hirsches 
nicht nach, die einer Legende zufolge im Walde sich verirrt halte 
und auf ihr inbrünstiges Gebet von einem Hirsch auf den Markt 
platz ihrer Vaterstadt getragen wurde. 
Ein höchst lehrreiches Stück Zeitgeschichte bietet die sehr um 
fangreiche Büstensammlung dar. Mehr als siebzig Portraits von 
hervorragenden Kriegshelden, Staatsmännern, Dichtern, Künstlern, 
Gelehrten und fürstlichen Persönlichkeiten veranschaulichen uns das 
Kulturleben in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Bei den 
intimen Beziehungen, die Rauch während seines ganzen Lebens 
zu unserem Herrscherhause hatte, ist es natürlich, daß das Museum 
eine große Anzahl von Bildniffen aus der königlichen Familie 
enthält. So sind z. B. sämmtliche Kinder der Königin Louise 
und Friedrich Wilhelms III. mit Ausnahme des Prinzen Karl 
vertreten, von den königlichen Eltern selbst finden wir ebenfalls 
mehrere Portraits. Eigenthümliche Empfindungen ruft die Büste 
des Prinzen Wilhelm, des 
jetzigen deutschen Kaisers, 
in uns wach. Wohlschwcr- 
lich hat der Künstler bei 
der Modellirung derselben 
geahnt, daß das Schicksal 
den jugendlichen Prinzen 
zur Wiederausricbtung des 
deutschen Kaiserthrones 
ausersehen habe. 
Haben wir so im 
Museum die mannig 
fachste Gelegenheit, Rauch 
in seinen Portraitgestaltcn 
zu bewundern, so hat er 
doch auch in Jdealdar- 
stellungen Erstaunliches 
geleistet. Dies tvird uns 
klar bei der Betrachtung 
seiner berühmten Victoria- 
Statuen, die in ihren ver 
schiedenartigsten Variatio 
nen eine überwältigende 
Fülle der Schönheit dar 
bieten. Leider sind nicht 
alle im Museuin vereinigt; 
die vorhandenen genügen 
jedoch, um die geniale 
Schöpferkraft Rauchs bei Werken idealen Charakters darzuthu». Zu 
welchen Leistungen er in dieser Beziehung befähigt war, erkennen wir 
auch an den Statuetten des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, 
die der Künstler seiner Vaterstadt Arolsen zum Geschenk machte. 
Diese Werke zeigen uns so recht, wie Rauch bei seiner realistisch- 
historischen Künstthätigkeit der Sinn für antike Formcnschönheit 
nicht abhanden gekommen war. Wir können diesen Schönheits 
sinn auch an seiner decorativen Plastik und an seinen herrlichen 
Reliesdarstellungen bewundern. Es sei hier nur auf eins der 
idealschönsten Werke der 'Neuzeit, an das Basrelief erinnert, in der 
zwei Bacchantinnen und ein Genoffe einen Panther tränken. 
Mit einem Gefühl der Befriedigung verlaffen wir das Rauch- 
Museum; hat sich doch vor unseren Blicken ein Künstlcrleben 
entfaltet, dessen schöpferische Kraft mit der Thorwaldsens, des 
größten Bildhauers dieses Jahrhunderts, verglichen werden kann. 
Es drängt sich uns unwillkürlich der Gedanke auf, daß kein 
anderes Denkmal Rauchs 'Namen der 'Nachwelt in würdigerer 
Weise hätte aufbewahren und zugleich lehrreicher sür sie hätte sein 
können, als diese Vereinigung seiner Werke. —
        
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