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Periodical volume 26. September 1885, Nr. 52

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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klopfende Herz gedrückt, trat sic unwillkürlich in den Schatten 
eines Pfeilers- Von der andern Seite nahte der alte Kammer 
diener des Markgrafen, der ihn erwartet haben mochte, um 
ihm beim Auskleiden behülflich zn sein. Er hatte die ge 
räuschlos enteilende Gestalt im flatternden Mantel gesehen und 
blickte ihr entsetzt nach. „Die weiße Frau!" flüsterte er mit 
bebendem Munde. Durch das Erschrecken des Andern auf 
merksam gemacht, leuchtete der Mohr nach der Richtung, 
wohin die Gestalt verschwunden war- 
In dieser Weise die Aufmerksamkeit der Diener abgelenkt 
sehend, trat Mignon hastig auf den Markgrafen zu. „Hoheit, 
ich bitte um eine kurze Unterredung," flüsterte sic kaum hörbar. 
Der Markgraf erkannte dennoch die Stimme. 
„Endlich, kleine Hexe!" sagte er leise, um alsdann, sich 
zum Mohren wendend und ihm die Leuchte aus der Hand 
nehmend, laut fortzufahren: „He, was giebts dort! Schaut 
ja drein, als ob Ihr ein Gespenst gesehen! Wie? Die weiße 
Frau? Hahaha! setzt ihr nach! Kann allein fertig werden zur 
Nacht, — fort mit Euch!" 
Dabei leuchtete er den Seitcngang hinab, bis die zaghast 
gewordenen Diener im Dunkeln verschwunden waren. Eine 
Weile noch horchte er, bis jedes Geräusch verhallt war; dann 
wendete er sich hastig zu dem zitternd im Hintergründe harren 
den Mädchen. „Wie, die kleine Hexe fürchtet sich auch?" 
lachte er und schlang seinen Arm um sic; doch unwillig ent 
wand sie sich ihm. 
„Nun was soll's? Hab' geglaubt, die kleine Hexe hätte 
wirklich ein kleines Jntercsie für mich! Wie?" 
„Ein Interesse, Hoheit? Ein großes sogar, wie ein dank 
barer Mensch es empfindet für Jeden, der ihm Gutes gethan 
hat. Wie sollt' ich es nicht für den Gemahl einer Dame 
haben, die mich mit Güte überschüttet hat." 
„Und von der Schwärmerei für die Gattin fällt dem 
Gemahl auch ein Brosämlcin ab, — wie?" 
«Was meine Dankbarkeit betrifft, so wissen Hoheit, daß 
Sie in Allem auf mich zählen dürfen, soweit Ehre und Sitte 
es gestatten, und iveil ich glaubte, auch auf die Ehrenhaftigkeit 
Euer Hoheit rechnen zu dürfen, darum allein habe ich es 
gewagt, in dieser späten Stunde vor Euer Hoheit hinzutreten. 
Ich habe eine Bitte, die keinen Aufschub duldet-" 
„Eine Bitte, kleine Hexe? In dieser Stunde ist sie im 
Voraus gewährt!" 
„Meinen Dank, Hoheit! Nur bitte ich um Nachsicht, 
wenn ich .... Es ist so einsam und dunkel hier; lasten 
Hoheit uns dort auf den Erker hinaustreten, — da kann ich 
leichter reden." 
Mignon stieß die Glasthür eines der beiden Balköne 
auf, die von den Korridoren ins Freie führten, und trat mit 
dem Markgrafen auf den engbcgrcnztcn Raum hinaus. Ihr 
Unwille war verflogen; der Gebieter, der von dein drohenden 
Unheil nichts ahnte, that ihr leid, und es schmerzte sie, daß 
gerade sie ihm so trübe Kunde übermitteln sollte. 
„Nun," drängte er, ihr Zögern bemerkend,, „heraus mit 
der Bitte!" 
„Hoheit," sagte sie, sich schnell fastend, und darauf bedacht, 
die Gelegenheit zu benutzen, „der Junker von Scydlitz ist noch 
immer in ungariicher Kriegsgefangenschaft." 
„Und das läßt die kleine Hexe nicht schlafen? Aha, ich 
verstehe, die schönen Ungarinnen können gefährlich werden!" 
„Hoheit mißdeuten mein Interesse- Der Junker und ich 
haben einander gelobt, gute Freunde zu sein, — weiter nichts! 
Aber weil ich dem Pfarrer von Wildenbruch meine Fürbitte 
zugesagt habe, so wage ich ..." 
„Dem Schwarzrock? Ueberall stoß' ich auf ihn. Der 
Mensch wird gefährlich!" 
„Dem Guten nie, Hoheit. Sein einziger Fehler könnte 
seine allzugroße Hülfsbcrcitheit sein." 
„Hm, kann selber helfen! Der Körnet mag ausgetauscht 
werden; werde selbst an den König schreiben. Einen öster 
reichischen Rittmeister wiegt der Scydlitz immer noch auf." 
Dankbar beugte sich Mignon nieder, um ihm die Hand 
zu küssen, aber schnell zog er dieselbe zurück. „Rein, nein, so 
lassen wir uns nicht abspeisen," sagte er und beugte sich vor, 
die Bezahlung der Schuld von ihren frischen Lippen zu er 
haschen. 
„Hoheit," rief sie, ihn gewaltsam zurückstoßend, „zum 
Scherz ist die Stunde zu ernst! Zu ganz anderem Zweck war 
ich gekommen." 
„Eine zweite Bitte also? Für sich hat die kleine Hexe 
vermuthlich nichts zu bitten! Wie? Die nächste Hofdamen 
vakanz?" 
„Es gelüstet mich nicht danach, Hoheit, — nein um 
einer viel ernsteren Sache willen wagte ich zu so später Stunde 
Euer Hoheit Rückkehr abzuwarten; unser gnädigster Prinz ist 
erkrankt!" 
„Krank?! Den Teufel auch, — und das sagt Sie jetzt 
erst? Der Scydlitz scheint ihr mehr am Herzen zu liegen! 
Ah bah, die kleine Hexe will mich nur erschrecken, um mich 
los zu werden. Der Erbprinz war wohlauf, als ich ihn 
verließ." 
„Ich scherze nicht, Hoheit; es wäre ein grausamer 
Scherz." 
Der Ton ihrer Antwort mochte den Markgrafen über 
zeugen, denn alle Lust zu galanten Abenteriern vergessend, 
eilte er hastig von dannen. 
Aber Mignon folgte ihm nach, und alle Etiquette außer 
Acht lastend, suchte sie, die Hand aus seine Schulter legend, 
ihn zurückzuhalten: „Hoheit, unsere gnädigste Frau bedarf 
tröstlichen Zuspruches, bedarf der Liebe und Schonung, — 
vergessen Euer Hoheit das nicht!" 
Er wendete sich zurück und blickte ihr forschend in's Ge 
sicht: „Die Wahrheit, Mgnon, sagen Sic mir die Wahrheit! 
Was ist's?" 
Der ungestüme Druck, mit dem er ihre Hand zusammen 
preßte, ließ sie nur mit einem leisen Schmerzensruf antworten- 
Als ob er ein Echo weckte, so hallte es aus dem dunkleren 
Theile des gewölbten Ganges zurück. Auch der Markgraf 
blickte zusammenschreckend nach der Richtung, woher der Ton 
gekommen- Eine Fraucngestalt lehnte neben der Thür seines 
eigenen Gemaches, den Kopf an den Thttrpfciler gepreßt, als 
könnte sie sich nur so vor dem Umsinken schützen. 
Hastig eilte Mignon zu ihr hin: 
„Gnädigste, theuerste Frau, Sie hier? Steht es schlimmer 
mit dein Erbprinzen?" In gewohnter Zutraulichkeit wollte sie 
den Arm um die Fürstin schlingen, um sie zu stützen, aber 
jäh fühlte sie sich zurückgestoßen: 
„Rühren Sie mich nicht an! Fort! . . . . O Gott, dies 
neue Leid in dieser bitteren Stunde!"
        
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