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Volume 1. November 1884, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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wenn's eine ist, nicht auch wird eingetragen in's große 
Schuldbuch dort oben?" 
„Sie wird ausgelöscht, Vater! Dein ganzes Leben löscht 
sie aus!" 
Einen Augenblick blickt er wie erleichtert zu ihr auf, dann 
sagt er: „Und wenn ich dir nun schuldig geblieben wär', 
Jrie — würdest du den Schuldschein zerreißen?" 
„Gewiß," sagt sie und schaut ihn an, als sorge sie, er 
rede irre. „Du bist mir nichts schuldig geblieben und Nie 
mand, Vater. Ich habe nur Gutes von dir empfangen, 
mehr, als ich je danken kann." 
„Bist du's gewiß?" fragt er und seine Hand tastet nach 
dem kleinen Schlüssel zu seiner Kassette, den er neben dem 
Ledertäschchen mit der heiligen Erde verborgen auf der bloßen 
Brust trägt, als er ihn ihr reichen wollte. 
„In unsern letzten Stunden schaut sich Manches anders 
an, als zuvor — ich meint' nur zu geben, indem ich nahm. 
Nein, nicht ich, Jrie! Ein Anderer that's .... Ruf' mir 
Ben Abraham, ich muß mit ihm reden . . . ." 
„Nein, noch nicht," wehrt er, als Jrie bereitwillig auf- ; 
gestanden ist, noch ist es nicht so weit! Aber wissen sollst du 
nun Alles, Jrie, und in meinem Testament sollst du nicht 
vergessen sein." 
„Laß Vettel all sein Erbe, Vater! Ihn macht das Geld 
glücklicher als mich." 
„Gold ist ein gleißend Ding. Veracht' es nicht! Es 
schlägt Brücken überall und ebnet alle Wege . . . ." 
„Zum Herzen nicht," sagt sic leise, „und manche Kluft 
scheint nie zu überbrücken!" 
Er richtet betroffen den müden Kopf zu ihr empor. 
„Hast Recht, Jrie! Doch vergiß nicht, wenn Eines, vermag 
die Treue Brücken zu schlagen und die hab' ich gehalten 
mein Lebenlang! Sei treu, Jrie, treu in Allem!" - 
„Jehova selbst ist treu; er verläßt sein Volk nicht." 
„Ich hätt' dich gern in sicherem Schutz gewußt, Jrie, 
ehe ich gehe. Wenn nun der Beitel dich möchte . . . ." 
„Nein, Vater, nein! Wir paffen nicht zusainmen. Ich 
paß zu Veite! so wenig, wie zu Daniel Zacharias," unter 
bricht sie ihn heftig. 
„So sag' denn, wen du möchtest?" forscht er nach einer 
Weile, während der sie seinen Blick traurig forschend auf sich 
ruhen fühlt. „Du strebst hoch hinaus. Soll er der Sohn 
des reichen Gumpertz sein oder ein Gestudirter, wie der Moses 
Mendel, oder von Breslau meiner Tochter Sohn, der Ephraim 
Kuh, der dir die schönen Briefe schrieb? Du brauchst's nur zu 
sagen. — Du sollst nicht freien brauchen, als wen du willst." 
„So bleib ich ledig, Vater! Darf ich?" sie hat bittend 
seine Hand erfaßt. „Ich wär's zufrieden, nur immer bei 
dir zu bleiben." 
Er lächelt schwach. „So sprichst du jetzt; bald magst 
du anders denken. Ein unbeschütztes Mädchen ist ein elend 
Ding! . . . ." 
„Und eine Frau, die ohne Neigung freien mußte, noch i 
hundertmal elender!" sagt sie tonlos leise. „Ich hab' dein 
Wort, daß ich nicht freien brauch', als wen ich will." 
„Jrie! Wenn es wahr wär', was sie sagen," schreit er 
jammernd auf. „Wenn du untreu werden könntest?! Mein 
Schuldbrief wär' zerrissen! aber du — wärst verflucht für I 
immer!" 
„Es wird mich Niemand untreu finden, Vater; nur soll 
auch Niemand ein Versprechen von mir fordern, das ich nicht 
halten möchte. Daß ich um eines irdischen Vortheils willen, 
unserem Glauben nicht untreu werde, das kann ich dir schon 
jetzt versprechen." 
Jehovah sei Dank!" athmet er tief auf. „Geh', ich hör 
Beitel kommen und hab' init ihnr zu reden. Nimin dein 
Tuch, geh' in den Garten. Die frische Luft wird dir gut 
thun. Hernach komm mit Ben Abraham, dann — sollst du 
Alles wissen!" 
Nur zögernd und nachdem sie ihm die Kissen neu geordilet, 
gehorsamt sie. 
Hart an der Thür stößt sie auf Beitel lind Daniel 
Zacharias. 
„Die Gelegenheit ist günstig!" hört sie Beitel flüstern. 
„Du kennst das alte Recht, mach' nur von ihm Gebrauch!" 
Seit Kurzem haben die Beiden beständig mit einander 
zu reden; sie hat es nicht arg, das Geschäft mag es erfordern; 
nur überrascht es sie, daß Daniel, statt Veitel's anscheinend 
eiligen Auftrag auszuführen, ihr in den Garten nachfolgt 
und mit lang vermißter, fast knabenhafter Vertraulichkeit nach 
ihrem und des Vaters Ergehen forscht. 
Daniel ist ein kleiner, neben Jrie fast unansehnlicher 
Mensch, wenig anziehend durch seine eckigen Bewegungen und 
seine unschöne, volksthümliche Sprache. Zu dem schmächtigen 
Körper wollen die großen Hände und Füße nicht recht passen; und 
das röthlich braune Haar, daß unter der zurückgeschobenen 
Mütze kraus und zudringlich in die Stirn hinabfällt, stimmt 
wenig zu dem orientalischen Schnitt des Gesichtes. 
Interesse möchten dem aufmerksamen Beobachter allein 
die Augen wecken, schon durch den schnell wechselnden, sich 
widersprechenden Ausdruck derselben. Während sie unter den 
überhängenden Brauen meist unruhig beobachtend umher 
schauen, blicken sie weich und treuherzig, sobald sie Jric's 
Blick begegnen. 
In anderer Stimmung, und wäre sie nicht — wie wir 
Alle, bei Menschen, mit denen wir von jeher zusammenlebten 
— zu sehr an sein Aeußeres und seine Bewegungen gewöhnt, 
möcht er ihr einen fast komischen Eindruck wecken, besonders 
jetzt, wie er, in ungeschickter Galanterie den Schnee fort 
scharrend, einige verfrühte erste Schneeglöckchen für sie zu 
finden sucht. 
„Laß', Daniel!" wehrt sie ihm. „Für jetzt blühen uns 
keine Blumen. Erst muß die Sonne uns wieder scheinen; 
und wenn die „guten Tage" wiederkehren und .... wir dann 
Alle noch beisammen sind — zum Passahfeste, dann . . ." 
„Zum Seder-Abcnd, Jrie?" unterbricht er sie erfreut. 
„Was sollt' uns trennen wollen, Jrie? Willst dll, sind am 
Seder-Abend wir Beide Mälec und Malca, König und Kö 
nigin, Jrie! Willst du? O, dann will ich Dich besser 
schmücken als mit den langweiligen Schneeblumen." Er ist 
dicht zu ihr herangetreten. „Ich weiß mir schon einen seinen 
Perlenschmuck für Dich, als meine Königin . . . ." 
„Und vergißt, daß nur der Hausherr der König sein 
mag, und daß sein Ornat sein schneeweißes Sterbehemde ist," 
sagt sie traurig. 
„Wir Männer tragcn's öfter's, Jrie; bei allen großen 
Festen! Das stört die Freude nicht. Die Gedanken laß' im 
Krankenzimmer. Sag', welchen Schmuck möchtest du?"
	        
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