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Periodical volume 19. September 1885, Nr. 51

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Grh. Regicrungsrath Franr Rrulcaur. 
Seit der Ausstellung zu Philadelphia hat das von 
Reuleaux am die Deutsche Industrie angewandte Wort „billig 
und schlecht" als ein Schlagwort die Runde durch die Welt gemacht 
und überall dort viel Staub aufgewirbelt, wo man den Sinn 
desselben nicht richtig erfaßte. Schon vor neun Jahren konnte es 
nicht zweifelhaft sein, daß es einem Manne in so hervorragender 
Stellung nie beigekommen sein würde, die Deutsche Industrie als 
solche herabzusetzen und anzugreifen; gegentheilig vielmehr sollte 
die prägnante Kennzeichnung einer bedenklichen Tendenz auf einen 
Umschwung, auf gesundere Verhältnisse hinwirken. Das Wort hat 
gewirkt. Reuleaux selbst hatte nachher oft genug Gelegenheit als 
Commissar des Deutschen Reiches über die Wendung zum Besseren 
zu berichten und in fremden Ländern der heimischen Industrie zur 
wohlverdienten Anerkennung zu verhelfen. Die Stellung, die er 
dadurch mit der Zeit errungen, hat ihn mit den Beziehungen des 
Auslandes so vertraut gemacht, daß ihm bei der Dampser- 
subventionsvorlage letzthin die schwierige Aufgabe zufiel, als 
Beauftragter der Reichsregierung den bekannten Entwurf im Reichs 
tags zu vertreten. Nicht nur handelspolitische Fragen kamen dabei 
zur Sprache, sondern — insbesondere bei dem Bau und der Ein 
richtung der Dampfer — auch technische Gesichtspunkte, und Reuleaux 
ist durch und durch Techniker. Von Hause aus ist er Maschinen 
bauer und hält an der Technischen Hochschule zu Berlin seit mebr 
als zwanzig Jahren Vorträge über Maschinenbau, Kinematik und 
andere Zweige seiner speciellen Wissenschaft, die ihn zu den be 
deutendsten Vorkämpfern ihrer Fortentwickelung rechnet. Als 
Reuleaux von Zürich (1864) her als Docent an die Gewerbeakademie 
zu Berlin berufen wurde, galt cs, dort einen strebsamen energischen 
Lehrer zu gewinnen, als den er sich in seiner keineswegs leichten 
Stellung denn auch jederzeit erwiesen. Nach dem Scheiden Notte- 
bohms wurde ihm als Direktor die Leitung der gewaltig auf 
blühenden Anstalt übertragen, die 1870 ihr fünfzigjähriges Bestehen 
feiern konnte. Während seiner Direktion ist manche wohlthätige 
Reform durchgeführt und dem ehemaligen Gewerbeinstitut eine 
hervorragende Stelle neben den deutschen Schwesterinstituten ange 
wiesen worden. Die Entwickelung des technischen Unterrichtswesens 
in Preußen führte in der Mitte des letzten Jahrzehntes zu dem 
Plane einer Vereinigung der Bauakademie und der Gewerbeakademie 
zu einer einheitlich organisirten technischen Hochschule, die gegen 
wärtig weit draußen vor der Stadt, am Hippodrom — angrenzend 
an Charlottenburg — ihren Palast längst bezogen hat. Bei der 
Durchführung dieses Planes wurde die Direktorstelle an beiden 
Anstalten aufgehoben und Professor Hermann Wiebe, bis dahin 
Direktor der Königlichen Bauakademie, als erster Rektor der 
Technischen Hochschule ernannt. Reuleaux hat seine Professur 
in der Abrheilung für Maschineningenieurwesen beibehalten, wiewohl 
oftmals ihn ehrende Aufträge zu umfassenden Reisen nöthigten. Die 
; Ergebnisse der letzteren sind theils in amtlichen Berichten, theils in 
kleineren Arbeiten niedergelegt, die als Ausstellungsbriefe oder 
Reiseschilderungen ihren Weg in die Presse gesunden haben. 
Interessant ist eine kurze Abhandlung über das Signalwesen der 
Alten, die vor nicht langer Zeit in der Nationalzeitung erschienen 
! ist. Cr stellte darin ganz neue, lichtvolle Hypothesen auf, die zur 
Erklärung der in Deutschland noch vielfach vorhandenen Römer 
wälle dienen sollten, die aber gleichwohl nicht unbestritten geblieben 
sind. Außer seinen Fachschriften, unter denen „der Maschinen- 
constructeur", und die „Theoretische Kinematik" epochemachend ge- 
j worden, hat Reuleaux jetzt die Herausgabe des bei Otto Spamer 
! (in VIII. Ausl) erscheinenden „Buches der Erfindungen" über- 
j nommen, ein Unternehmen, zu dessen Leitung seine vielieitigen 
Kenntnisse auf dem Gebiete der Industrie in Theorie und Praxis 
ihn berufen erscheinen lassen. Eben dieselben Beziehungen sind es, 
die ihn seit vielen Jahren dem Kunstgewerbe näher gebracht haben. 
Er wollte sich nicht daran genügen lasien, kritisch den Bewegungen 
der Gegenwart gegenüber zu stehen; er hat vielmehr seit 1876 
zahllose Vorträge über fast alle Zweige der Industrie gehalten und 
ist vor wenigen Jahren als Vorsitzender an die Spitze des „Ver 
eins für deutsches Kunstgewerbe" zu Berlin getreten. Dort 
ist es unermüdlich sein Bestreben, durch Heranziehung tüchtiger 
Kräfte für gediegene Vorträge und für die regelmäßige Ausstellung 
der besten Erzeugniffe des Kunstgewerbes Sorge zu tragen, um 
dadurch das Kunsthandwerk heranzuziehen und zu heben und auch 
den kleineren Gewerbetreibenden durch Veredelung der Arbeit soweit 
als möglich concurrenzfähig zu machen. Der Verein hat unter 
seiner Leitung an Zahl und Ansehen gewonnen und vor Allem die 
Vereinigung der deutschen Vereine zu einem gemeinsamen Verbände 
ins Werk setzen können. Selbstlos und ausdauernd schafft Reuleaux 
in einem Wirkungskreise, der durch das Patentamt, durch seine 
Thätigkeit im Handelsministerium, durch seine Stellung als 
Sachverständiger, durch das Berliner Vereinsleben und andere 
Beziehungen mit der Zeit ein sehr ausgedehnter geworden ist. 
Reuleaux ist am 30. September 1829 in Eschweiler, Regierungs 
bezirk Aachen, geboren. 
— W. — 
Misceutn. 
pic Entwickelung Moabits. Die Teutsche Bauzeitung beschäftigt 
sich in einer ihrer letzten Nummern mit den Verdiensten der Ballgesell 
schaft „am kleinen Thiergarten", deren Vorgängerin vor etwa 
13 Jahren Professor Johannes Otzen ins Leben ries. Ihrem zielbe 
wußten Vorgehen, — so etwa beißt es da — ist es in erster Linie zu 
verdanken, wenn das bis dahin übel beleumundete und unansehnliche 
Moabit in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu einem blühenden, gesunden, 
wohl bevölkerten Stadttheil sich ausgestaltet hat, der in Bezug aus Be 
liebtheit und Schönheit der äußeren Erscheinung unter den Außenbezirken 
Berlins höchstens von der Westvorstadt übertrosfen wird. Sie und ihre 
Nachfolgerin haben den Beweis geliefert, wie werthvoll die Wirksamkeit 
einer derartigen Erwerbs-Gesellschaft sich entfalten kann. 
Im Jahre 1872 erstand die erstgenannte Genoffenschaft das bis 
herige Gelände der Pulvermagazine und ein anliegendes den Spicker- 
mann'schen Erben gehöriges Landstück von zusanimen etwa 6,89 Hektar 
(27 000 Quadratruthen) Größe. Die Pulvermagazine wurden beseitigt 
und die erforderlichen Straßen mit Gasleitung und Entwässerungs-An 
lagen hergestellt, so daß schon im Jahre 1873 mit dem Verkauf und der 
Bebauung einzelner Grundstücke begonnen werden konnte. 
Natürlich ging dieser Verkam anfangs nur langsam vor sich. Es 
waren gewaltige Anstrengungen und ein gewisser Zeitraum erforderlich, 
ehe es gelang, das gegen den Stadttheil vorhandene Vorurtheil allmäh 
lich zu beseitigen und die Blicke der Bauunternehmer, wie der nach 
Miethswohnungen suchenden Bevölkerung auf ihn zu lenken. Nicht wenig 
trug hierzu einerseits das auf jede nur mögliche Hebung Moabits ge 
richtete Bestreben der dort ansässigen Einwohnerschaft, andererseits 
die Unterstützung bei, welche der Staat und die Stadlgemeinde diesen 
Bestrebungen theils unmittelbar, theils mittelbar zu Theil werden 
ließen. Der Staat errichtete am Eingänge des Stadttheils, an der Ecke 
von Alt-Moabit und der Rathenowerstraße die großartige Anlage des 
Kriminalgerichts-Gebäudes, an Stelle des ehemaligen Pulver-Labora 
toriums jenseits des Exerzierplatzes die Kaserne des I. Garde-Feld-Ar- 
tillerie-Regiments und zwischen Ulanenkaserne und Zellengefängniß das 
Gebäude für die Oberfeuerwerker-Schule. Für das Schulbedürfniß der 
Bevölkerung sorgte er durch die Errichtung eines neuen Gymnasiums, 
des Luisen-Gymnasiums an der Thurmstratze, während die Stadt die 
erforderlichen neuen Gemcindeschulen aufführte. Bereits i. I. 187172 
war von ihr ein neues, zunächst für Epidemien bestimmtes Krankenhaus 
nach dem Baracken-Shstem zwischen Thurm- und Birkenstraße angelegt 
worben; sie machte endlich dem Stadttheile das werthvollste Geschenk, 
indem sie den wüsten, mit kümmerlichen Bäumen bewachsenen Sandfleck 
zwischen Alt-Moabit und Thurmstraße, der im Volke den Spottnamen 
„Kleiner Thiergarten" führte, in einen prächtigen Park verwandelte. 
Aus Privatmitteln geschah das Gleiche mit dem bis dahin wüsten Fleck 
zwischen Kriminalgericht und Thurmstraße, während der Ererzierplatz und 
die Ulanenkaserne schon längst mit einem Streifen Parkland eingehegt sind. 
Mock einmal das Lieölingslied der Königin Touile. Zu der 
Mittheilung in Nr. 46 des „Bär" erfahren wir durch die Redaktion des
        
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