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Volume 19. September 1885, Nr. 51

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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ist durch den Anbau der Tabakspflanzen viel Gutes entsprosien 
ilnd der Name Teufelskraut will auch nicht stimmen. Die 
Italiener nennen es heiliges Kraut und die Franzosen beibe 
du grand pieux; die französischen Mönche und Geistlichen 
sollen seine besonderen Verehrer sein, und die Franziskaner, 
die keine Taschen haben dürfen, die Tabaksdose gar in der 
Achselhöhle versteckt tragen." 
Der Markgraf lachte. „Hat Er das Alles auch aus 
seinen frommen Büchern herausgelesen, he?" 
„Aus ihnen nicht. Der Geistliche darf sich aber wohl 
auch um andere Dinge kümmern, besonders wenn sie seinem 
Lande Wohlstand bringen; und hier, soweit das Auge reicht, 
sieht es die Felder meist 
mit der breitblättrigen 
Tabaksstaude bepflanzt." 
„Vernünftige Ant 
wort ! Möchte nicht 
leben ohne Tabak — 
habe im dicksten Ta 
baksdampf die fro 
hesten Stunden verlebt! 
O, das Tabaks-Kolle 
gium . . . Weißt Du 
noch, Sophie, als ich 
um Dich warb? Hab's 
hernach mit dem Seyd- 
litz hier nachahmen 
wollen, hatte aber die 
rechte Art nicht. Apro 
pos der Seydlitz, den 
hat Er ja auch unter 
seiner Fuchtel gehabt. 
Mag auch unsern Erb 
prinzen einst in die 
Schule nehmen, — ein 
paar Jahre später. Der 
Seydlitz hat Herz und 
Kopf an der rechten 
Stelle, können's für den 
Erbprinzen auch brau 
chen! Nicht Sophie, he?" 
Die Markgräfin war 
aufgestanden, ihm dank 
bar die Hand zu reichen. 
„Weiß schon, der Schwarzrock da hat's Dir angethan," 
sagte er, und sich der seltsamen Situation erinnernd, in der 
er sich befand, bot er galant der Gemahlin den Arm, um sie 
zu dem von ihr bewohnten Theile des Schlosses zurückzugeleiten. 
Der Geistliche folgte ihnen in gemessener Entfernung. Fröh 
liche Stimmen und der Ton einer Geige, die aus einem ent 
fernten Gemache gedämpft herttberklangen, hießen ihn stehen 
bleiben. 
Auch der Markgraf hatte die Töne vernommen. „Aha, 
sind in voller Arbeit!" ries er. „Sollt' mich nicht wundern, 
wenn auch die kleine Hexe ihr Wesen dabei hätte." Damit 
winkte er dem Geistlichen, ihm zu folgen, und schritt schnell 
dem Schalle nach. Die Thür war nur angelehnt, und von 
der Portwre gedeckt, schauten bald alle Drei dem bunten 
Treiben im Gemache zu. 
Die Prinzessinnen Dorothea und Luise standen in steifer 
Haltung vor einem lebhaften kleinen Manne, der ihre Be- 
wegungen mit der Geige in seiner Hand zu lenken und die 
begangenen Fehler durch einen Schwall von französischen 
Worten zu korrigiren sich bemühte. 
„Hier hast Du auch das andere Geschenk, Deinen lang 
ersehnten Tanzmeister, Monsieur de Laurier," flüsterte der 
Markgraf seiner Gemahlin zu; „Deine Mädchen wollen auch 
ihre Freude haben!" 
Alles beobachtend hastete sein Blick doch vorzugsweise an 
dem Spinett und an der graziösen Mädchengestalt, die vor 
demselben saß. Den lockigen Kopf zurückgewendet, um bequemer 
die Tanzübungen beob 
achten zu können, be 
gleitete Mignon von 
Grumkowska die Ue 
bungen der Prinzessin 
nen und die Bogen 
striche des Tanzmeisters 
mit den drolligsten Im 
provisationen. 
Der Tanzmeister 
neigte und wiegte das 
zierlich frisirte Haupt 
und tänzelte mit den 
leichtbeschuhten Füßchen 
flink daher. „Plus de 
gräce, Mesdames 
flehte er dabei; „derTanz 
ist eine Kunst, la plus 
ancienne et la plus 
noble de toutes!“ 
„SchonDavid tanzte 
vor der Bundeslade," 
sagte neckend Mignon, 
indem sie die Ein- 
leitungs - Accorde eines 
feierlichen Marsches an 
schlug, und schnell zu 
einer Trauermrlodie 
überleitend, fügte sie 
in düsterem Tone hin 
zu : „ Und Johannes' 
lockiges Haupt fiel zur 
Belohnung für einen anmuthigen Tanz. N’est ce pas, 
Monsieur?“ 
„Allez Madame, vous badinez?“ zürnte der Franzose. 
„Vous vous moquez de moi et de mon art.“ 
„Behüte Gott, Monsieur! Denken Sie nur an das alte 
Bild in unserer Kirche, wo der Chevalier mit Hippe und 
Stundenglas Jung und Alt zum letzten Tanze auffordert." 
„Ayez pitie de moi!“ wehrte das kleine Herrchen ab. 
„de ne veux rien de la mort!“ 
„Nun denn, Monsieur, lassen Sie es für heute genug 
sein! Für eine erste Lektion ist es auch genug!" erwiderte 
lachend das junge Mädchen, und ohne des Tanzmeisters Er 
laubniß abzuwarten, erfaßte sie eine der jungen Prinzessinnen 
und schwang sie, lustig eine Melodie trällernd, im Kreise 
umher. 
Geheimer Regierungsrath Franz Reuteaur, 
Professor an der technischen Hochschule zu Berlin.
	        
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