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Volume 19. September 1885, Nr. 51

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Hätten wir mehr Geistliche, wie ihn, so stünde es bester um 
unsere Kirchen und Gemeinden." 
„Steht gut genug d'rum! Willst mich nur neugierig 
machen! Hab' Aerger genug mit den Schwarzröcken." 
Große Wolken aus der Pfeife blasend, schritt er hastig 
im Zimmer auf und nieder, sagte aber nach einer Weile 
in ruhigerem Tone: „Sollst heut' Deinen Willen haben 
in Allem. Schaff den Schwarzrock herbei! Meine, ist noch 
im Schloß." 
„In der Stadt vielleicht; es ist noch nicht lange, seit 
das alte Pfarrmütterlcin mich verlaffen." 
Die Fürstin gab dem draußen harrenden Diener Befehl, 
den Geistlichen zu suchen, und dachte besorgt an die mög 
lichen Folgen ihres kecken Vorschlages. 
- Unerwartet schnell meldete der Lakai den Pfarrer, besten 
Ueberraschnng trotz seiner ehrerbietigen Verbeugung nicht zu 
verkennen war. Ohne des Eingetretenen sonderlich zu achten, 
setzte der Markgraf seine Wanderung fort, bis er plötzlich, 
wie es so seine Art, vor ihm stehen blieb, den Geistlichen 
scharf fixirend: „Also eine Sund' ist nicht, meint Er, auch 
am Sonntag den Esel, der in den Brunnen gefallen, heraus 
zuhelfen? he? . - . Aber laß er! Kanu ein offen Wort schon 
vertragen. Soll mir heut' sagen, was er von dem Schrift 
stück hier denkt." 
Dabei reichte er dem Geistlichen, der nur mühsam seine 
Verlegenheit verbergen konnte, das Papier, das er zuvor 
seinem Schreibtische entnommen, und schob den Pfarrer unter 
die Ampel. Prüfend betrachtete er die schlanke, doch kräftige 
Jus Mi Sommern. 
Erinnerungen von KI. rfflaiul-pieifili. 
II. 
Seit jenen Sommertagen an der Ostsee hatten Jahre heißen Kampfes 
an Welt und Vaterland, wie am eigenen Herzen, ihre Macht erprobt 
und die Bilder aus der harmlosen Jugendzeit in den Schatten gedrängt. 
Ueber unseres geliebten Königs Haupt waren die Märzslürme von 1848 
verderbenbringend hinübergeweht und ihre Spuren nicht mehr zu ver- j 
wischen. Wir schreiben das Jahr 1859. Agathe Lindinger, meine 
Zwillingsfreundin, lebte allein mit ihrer alternden Mutter, nachdem der 
Vater heimgegangen, und die Schwestern der Stimme ihres Herzens ge 
folgt waren. Ich hatte es ebenso gemacht und in Folge dessen mein j 
Vaterhaus im Herzen der Mark vertauscht mit einem Landsitz in einer 
der östlichen Provinzen unseres Vaterlandes. 
Wieder war es Spätsommer — wie damals ein klarer wonniger 
September. Da erwachte in mir die unbezwingliche Sehnsucht nach der 
Jugendfreundin und dem herrlichen Potsdam, Ivo dieselbe mit ihrer 
Mutter für den gegenwärtigen Sommer ihr Asyl aufgeschlagen hatte. 
Dort, in einem grün umrankten Häuschen, dicht an der Station Wild 
park gelegen, sahen wir uns nach langen, langen Jahren wieder. Agathe, j 
immer die überlegteste und maßvollste von uns beiden, war sich sehr 
gleich geblieben und durch ihr Leben in der Residenz eingeweiht in Welt- 
und Tagesfragen — mir war die Wandlung meiner persönlichen Ver 
hältnisse die einzige zu lösende Lebensfrage geworden. Damit will ich 
keineswegs sagen, daß mir die Theilnahme für die Außenwelt mangelte. 
Sie war nur durch mächtigere Interessen in leisen Schlummer verfallen, 
und ost genug ertappte ich mich auf der Wahrnehmung, daß sich nur 
dem Auge und Ohr etwas Neues, Großes zu bieten brauchte, um in 
lebhaften Farben und Tönen Eingang zu finden. Wir Freundinnen 
waren grundverschieden, und darum uns desto mehr. 
Schon erglänzte die Blätterpracht der Königl. Gärten, untermischt 
von dem dunkelen, ewigen Grün der Coniferen in herbstlichem Gold 
und umstrahlte die baulichen Schöpfungen des kunstsinnigen Monarchen. 
Potsdam war und ist in der Zeit, wo die Natur ihre Farbensülle über 
unsere Erde ergießt, ein wahres Paradies. Seine klassische Ruhe legt 
sich wie lindernder Balsam um ein wundes allzu erregtes Gemüth. 
Der Sommerwohnung am nächsten lag das kolossale „Neue PalaiS" 
— in seiner hehren Eigenart ein beredtes Denkmal seines Erbauers, des 
großen Friedrich. Unsere Wanderungen führten uns meist an diesem 
stolzen Bau vorüber, weil ich mir immer und immer wieder gern von 
seiner kalten Majestät imponiren ließ. Unwillkürlich aber schweiften 
wir dann ab in die Wege von Sanssouci, wo der alte Fritz nach einem 
Gestalt, deren regelmäßige Gesichfszüge von dem herabfallenden 
Lichte auf's Vortheilhafteste beleuchtet wurden. 
Die Lektüre war schnell beendet, und mit ehrerbietiger 
Verbeugung reichte, fernerer Anrede harrend, der junge Mann 
das Schriftstück zurück. 
„Nun?" fragte der Markgraf, durch dieses Schweigen 
offenbar verletzt. 
„Königliche Hoheit haben die alten Gerechtsame be 
stätigt aber — andere Zeiten haben andere Bedürfniste. Es 
ist hierin mehr versprochen, als gehalten werden kann, und 
Manches fehlt, das noth thut. Verzeihen Hoheit, aber das 
Volk ist wie ein Kind; je mehr und künstlicheres Spielzeug 
man ihm giebt, je mehr begehrt es; des erhaltenen wird cs 
schnell müde, tastet daran herum und hat es bald zerbrochen. 
Will man cs beschenken, sollte man ihm nur geben, wofür es 
Verständniß hat." 
„Als ob das Gesindel nicht Alles hätte, was es braucht! 
zufrieden ist es nie!" 
„Hoheit halten mich der Auszeichnung werth, meine 
Meinung aussprechen zu dürfen, — da darf ich wohl auch 
offen reden. Verzeihung, Hoheit, aber drei Dinge nur sind 
es, welche Dero Unterthanen vor Allem bedürfen: freie Weide, 
freies Holz und eine Beschränkung der Dienstleistungen, zunächst 
bei Dero Jagd- und Fischzügen." 
„kurbleu. Er nimmt kein Blatt vor den Mund! Hab's 
selber von der Kanzel herab von Ihm erfahren mästen." 
„Furchtsames Schweigen ehrt den Mann nicht, noch 
weniger einen Diener des Wortes Gottes, wenn es das Wohl 
thatenrcichen Leben seine letzte Ruhe gefunden und wo für den Rest des 
gegenwärtigen Sommers der König Friedrich Wilhelm IV. mit seiner 
Elisabeth residirtc. 
„Residirte" — gemißbrauchtes Wort! Führte doch der leidende 
Monarch nur ein schattenhaftes Dasein inmitten all der Pracht und 
Herrlichkeit, in welcher sich der Geschmack verflossener Zeiten und das 
Genie der Gegenwart begegneten. 
Die letzte der Königl. Schöpsungen, das Orangeriehaus mit seiner 
erhabene», herzbewegenden Schönheit, rief besonders meine Bewunderung 
hervor, und zu de» Füßen dieses Kunsttempels, im nordischen oder 
sizilianischen Garten, saßen wir manche Stunde in beschaulicher Ruhe. 
Oft auch, um ungestörter zu sein, suchten wir die entlegeneren Wege des 
weiten Parks auf, in dem manche sinnig angebrachte Schönheit uns 
überraschte. 
Auch heut — die Sonne war im Verschwinden — verließen wir 
den breiten Hauptgang, der von der eben zur Ruhe gebrachten großen 
Fontaine nach dem „Neuen Palais" führt, um uns fernab in die Ge 
büsche zu schlagen. Noch einmal warfen wir einen forschenden Blick an 
den Hunderten von Stufen hinauf »ach dem Schlosse von Sanssouci, 
vor dem zwei stattliche Krön - Gardisten inmitten bliihender Ros.. Wache 
hielten. Es war schon still geworden in den Parkwegen, und daS mochte 
wohl die Stunde sein, in welcher der Herr all' dieser Pracht Umschau 
hielt in seinem blühenden Reich. Mit solchen Gedanken beschäftigt,'bogen 
wir in schmälere, dunkelnde Gänge, und hinter uns lag die lange Reihe 
der Fenster von Sanssouci stillglänzcnd im Abendschein. 
An der feuchten Neptunsgrotte und der historischen Mühle vorüber, 
gelangten wir bald in einsame, bisher von uns nicht betretene Wege, 
die nach dem Ruinenberge sühren mußten, wo das große steinerne Reservoir 
zur Speisung der Fontaine» in blühender, romantischer Umgebung cin- 
gcmauert ist. 
Noch nicht allzuweit von der Hinterfront des Schlosses entfernt, 
sahen wir von Weitem einen Königl. Lakaien auf uns zukommen, was 
uns zu der Annahme veranlassen wollte, als seien wir auf verbotenen 
Wegen. Schon beschlich uns ein häßliches Gefühl der Verlegenheit, ob 
gleich wir uns unschuldig fühlten, da keine warnende Tafel, kein vorge 
zogenes Seil unsere Schritte gehemmt hatte. Statt des gefürchteten 
Verweises aber richtete der Diener in bescheidenstem Tone eine höchst 
unerwartete Frage an uns: — „Sind die Damen vielleicht Sr. Majestät 
dem König begegnet?" fragte er sichtlich unruhig; „Ihre Majestät die 
Königin sind in großer Sorge um Höchstdensclbcn". 
Wir konnten dem Alaune keilten erwünschten Bescheid geben, nur in 
schmerzlicher Verwunderung vermochten wir dem weiter Eilenden nach 
zuschauen. War er, der geist- und lebensprühende König, derartig elend 
geworden, daß er so ängstlicher Sorge und Bewachung bedurfte? Das 
hatte Agathe trotz ihres Lebens in der Residenz auch nicht gewußt, und
	        
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