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Periodical volume 12. September 1885, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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sie sicher auch nie gehabt. Sie wurden zu Zinszahlungen und 
Dienstleistungen verpflichtet, wie die Deutschen, auch unterstanden 
sie ordentlichen Gerichten wie die neuen Kolonisten, was unmöglich 
der Fall gewesen wäre, wenn sie überall Leibeigne der Markgrafen 
oder der Kirche geworden wären. Nur im Havellande scheint nach 
der Niederschlagung des Jaczoschen Ausstandes eine Nerdrängung 
der Wenden stattgefunden zu haben, da man solche Maßregel der 
eigenen Sicherheit schuldig war. Man wollte die Umgebung 
Brandenburgs deutsch haben, daher zog man die Wcndenreste nach 
der Hauptstadt selbst und cs entstanden zu Brandenburg nicht 
weniger als fünf wendische Kietze, deren Einwohner nun unter 
sicherer Aufsicht gehalten werden konnten. In der ganzen Mittel 
mai k zeigen sich auch nur im Havellande die Folgen eines er 
bitterten Kampfes in Spuren einer gewissen Hörigkeit. Nur hier 
gewahren wir Ende des 14. Jahrhunderts ein Beispiel zu Schonn,*) 
daß Wenden durch Kauf von Hand zu Hand gingen, sonst nirgend. 
Daher werden auch im Havellande in den folgenden Zeiten so 
selten slavische Dorfbewohner erwähnt, während man in der Nach 
barschaft im XIII. bis XV. Jahrhundert noch eine große Anzahl von 
Ortschaften kennt, von denen es sicher ist, daß sie ganz oder theil- 
weise von Wenden bewohnt waren. 
Daher endlich waren auch im Havellande die Hufen weit 
größer als in der Zauche und in den Spreelandschaften: sie waren 
nach dem Aufstande und der Verdrängung der Wenden sogleich in 
deutscher Weise vermessen worden. Die slav. Huren waren nur 
sehr klein, und es spricht für das Bestehenbleiben alter Verhältnisse 
und für ein ungestörtes Zusammenleben von Wenden und Deutschen 
in unseren Landschaften, die Beschwerde, die im 18. Jahrhundert 
— nach Einführung des Patentes von 1704, wonach jede Hufe 
8 Ggr. geben sollte — der Barnimsche Kreis führte, „weil seine 
Hu'en gegen die übrigen Kreise nur sehr klein und von schlechter 
Beschaffenheit seyen." Es ist sicher, daß unsere Wenden im Barnim 
und Teltow nicht vertrieben wurden, und das masienhaste plötzliche 
Auftreten so vieler deutschen Dörfer daselbst kann nur seinen Grund 
in der verhältnißmäßig sehr spärlichen Bevölkerung gehabt haben. 
Auch änderte die Zeit von 1190 bis 1230, in der die deutsche 
Einwanderung geschah, zunächst wohl Nichts oder nur sehr Weniges 
in den Sitten und Gewohnheiten der Slaven. Anders gestalteten 
sich die Verhältniste aber, als die Markgrafen die rechtliche Hoheit 
des Landes gewonnen hatten. Nun wurden altbestehende Verhält 
nisse, die in den neuen Rahmen nicht mehr paßten, auch nicht mehr 
geduldet. 
Die Markgrafen ordneten eben Alles, wie sie es in ihren 
alten Landschaften gewohnt waren, und daß Alles nach sicherem 
Plan ging und plötzlich ins Leben trat, davon haben wir ver 
schiedene sichere Zeugnisse. So geschah vor Allem die Vertheilung 
der Hufenzahlen an die neuen Dörfer und Städte nach gewisien 
Grundsätzen, und in diesen Plan paßte nicht die Gewohnheit der 
Wenden, in abgesonderten Höfen zu wohnen. Es ist sicher, daß 
man sie zwang, nunmehr zusammenzuziehen und wenigstens an 
nähernd die Einrichtungen der deutschen Dörfer nachzuahmen; es 
gehörte das gleich mit in den Plan der Neugestaltung. Die Mark 
grafen standen mit solchen Umgestaltungen nicht allein, in Mecklen 
burg, in Pommern geschah durchaus Aehnliches. Zeugniß davon 
giebt das merkwürdige Erscheinen der Kietze in den neucolonisirten 
Ländern. 
Das Entstehen dieser Art von abgesonderten Ortschaften kann 
nur mit der Colonisation im Zusammenhange erklärt werden. Die 
Bewohner derselben waren ursprünglich nur Wenden, die sich meist 
mit der Fischerei in den benachbarten Flüsien und Seen ihren 
Unterhalt erwarben. Die Orte bildeten ein abgeschlossenes Gemein 
wesen, waren aber doch stets mit deutschen Ackerorten verbunden. 
*) Das heutige Maquart im Osthavellande. 
Von den letzteren ging denn auch ihr Name aus, über bessert Ur 
sprung viel gestritten worden ist. 
Der Name muß niederdeutschen Ursprungs sein, Noch heut 
heißt im Englischen Kik der Fußtritt, to kik einen Fußtritt geben. 
Das niedcrdculschc Wort diente in unseren Mittelmärkischen Gegen 
den auch sonst als Ortsname. 
Im Havellande liegt nördlich Brandenburg auf einer ehe 
maligen Bruchinsel das heutige Rittergut Kiek, auch der Kiek ge 
nannt, der schon 1173 als dörflicher Ort genannt wird. Abgesondert 
und ausgestoßen erschien der Ort, aber sein Name blieb im Havel- 
lande unverändert, weil die Wenden fehlten. 
In anderen Gegenden war der Kietz auch der Ort, wo sehr 
bezeichnend die wohnten, die gleichsam einen Fußtritt von den 
Deutschen erhalten hatten, die Ausgestoßenen, Fremden, die wie 
die Juden in ihrem Ghetto wohnen mußten. 
Die Wenden nahmen das Wort, das ihnen dem Sinne nach 
unverständlich blieb, auf und gestalteten es nach ihrer Sprache um. 
Wie aus rik — Fluß rietz entstand so aus kik — Kietz, und 
noch heute schreibt der Pole z. B. Kwileky und spricht den Namen 
Kwiletzky. Wir glauben, daß weder im Sinne, noch in der Sprache 
sich gegen unsere Deutung gewichtige Einwendungen erheben lassen (?). 
Ueber das Alter der Kietze sei bemerkt, daß schon 1187 der 
vicus Woltitz bei Brandenburg erwähnt wird, der, wie folgende 
Urkunden zeigen, ein Kietz war, das Wort selbst ist uns zuerst 
wieder bei Brandenburg 1249 als locus kitz genannt. Man sieht, 
die Kietze führten bei den Wenden noch zuweilen besondere Namen. 
Woltitz bedeutet Erlengebüsch und Tornow, wie einer der Kietze Freien 
waldes genannt wurde, bezeichnet verwachsenes Dornengebüsch. Auch in 
diesen Bezeichnungen kennzeichnet sich das Abgelegene, Vernachlässigte. 
Man hat zwar bisher angenommen, daß die Ortschaften jünger 
als ihre Kietze seien; es ist möglich, ja bei manchen Orten sicher, 
daß daselbst schon, als die Wenden noch frei waren, ihre Wohn 
stätten bestanden, ihre Pfahlbauten in den Fluß oder See gerückt 
waren, doch waren solche immer nur vereinzelt, dagegen entspricht 
das mehr oder weniger gradlinige Nebeneinanderliegen der Gehöfte 
in den späteren Kietzen, die größere Zahl der zusammenwohnenden 
„Erben," die ganze Organisation einer Kictzen-Gemeinde durchaus 
deutscher Art und Weise. 
Ein ähnliches Verhältniß wie die Kietze zu den mittelmärkischen 
deutschen Ackerorten, bilden die Hühncrdörser zu den altmärkischen 
deutschen Gemeinden, auch gab es z. B. im Lebus'schen Fischer 
gemeinden bei Ackerdörfern, die nie Kietze genannt wurden. Es 
ist das ein Zeichen, daß in der Altmark und in Lebus eine deutsche 
Bevölkerung mit anderem Dialekt die herrschende war, als in den 
märkischen und pommerschen Gegenden, wo die Kietze erscheinen. 
Wir sagten, daß die Wenden, wie die Juden abgesondert 
wohnen mußten, wie die Juden scheinen sie auch unmittelbar unter 
dem landesherrlichen Gericht gestanden zu haben, denn noch 1409 
hatten die Wenden auf dem Kietz bei Spandow nicht vor dem 
Richter in der Stadt, sondern vor dem markgräflichen Richter auf 
dem Damme zu antworten. 
Außer den Kietzen gab es jedoch noch andere Gemeinden, in 
denen sich die Wenden sammeln mußten. Wir berücksichtigen hier 
nur unsere Spreelandschasten. 
1. Ackergemeinden mit Feldmark. 
a. Selbstständige. 
Buch im Barnim, ehemals Wendisch Bach, bei welchem das 
Landbuch noch den Acker Wendeostuke anführt. Der Ort wurde, 
den häusigen slav. Lokalnamen der Umgegend nach zu schließen, 
in einer Gegend begründet, die in der Wendenzeit stärker bevölkert 
war als die Nachbarschaft. Wendisch Woltersdorf im Barnim, 
Wendisch Wilmersdorf im Teltow, Beuten, einst Groß Beuten, 
noch früher Wendisch Beuten im Teltow, Stolpe, 1299 Wendisch 
Stolp im Teltow bei Potsdam. (Schluß folgt.)
        
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