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Periodical volume 1. November 1884, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Sohn Ben Abrahams, um seines freimüthigen Sinnes willen, 
den er trotz aller gehässigen Verleumdungen Voltaire's, wie 
auch im Streit um seinen Bart, den er gegen jüdische Sitte 
trägt, bewährt hat. Auch Ephraim Kuh, den Vetter Jrie's, ! 
der ihr von Breslau »lanch geistreichen Brief unb Verslein, 
das sie ihm zuweilen wohl gezeigt, gesandt hat — doch als 
Jrie's Gatten kann er sich Keinen von Allen denken. 
Was hat er nur, daß seine Gedanken so gar nicht von dem 
Mädchen loskommen können? Er könnte mit sich selber drüber 
zürnen. Er ist sich keines unlauteren Gedankens und Wortes 
ihr gegenüber bewußt und hat wahrlich Ernsteres zu be- 
denken. 
Den Wünschen des Kronprinzen zu begegnen, hat er den 
reichen Hoflieferanten Blume überredet, eine Sammelfabrik, 
ähnlich wie die in Genua, anzulegen; die nothwendigen Be 
rathungen haben ihn nicht allein in die Fabrik, auch in die 
Wohnräume der Familie geführt, wo Frau und Tochter ihm 
bald wie einem alten Bekannten, Erstere fast wie einem Sohne 
des Hauses begegnet. 
Klara Blume gilt als einziges Kind für eine reiche Erbin, 
ihrenr Gatten dürften dereinst die reichsteil Mittel zu Gebote 
stehen, die jetzt begonnenen Unternehmungen, wie weitere, 
größere, mühlos auszuführen, falls er nicht vorzieht, unab 
hängig voll allen Geschäften mit seiner zierlichen kleinen Frau 
sorglos das Leben zu genießen. 
Zierlich in Kleidung und allen Bewegungen, blond und 
sein gewachsen — Gotzkowsky weiß ilicht, wie es ihm kommt, 
sie immer mit Jrie zu vergleicheil — gefällt Klara durch ihr 
harmlos bescheidenes Wesen; eine tiefer eiilgeheilde Unterhal 
tung nur scheint mit ihr nicht möglich. Ihre Bildling ist 
die gewöhnliche der Frauen, ihr Gesichtskreis, wie ihre In 
teressen gehen über das Alltäglichste kaum hinaus. Ein behag 
liches Heim mag sie ihrem Gatten schaffen; eine Beratherin 
seiner Pläne und Sorgen wird sie ihm schwerlich werden. 
Gotzkowsky steht init Herrn Blume in einer der Fenster- 
nischen des einfach, doch gediegen ausgestatteten Familien- 
zimmers. Beide blicken in den beschneiten Hof hinaus, in 
dessen Hintergründe sich das neue Fabrikgebäude erhebt, und 
sehen die Arbeiter, die zum Fenster hinauf grüßen, von ihrer 
Tagcsarbeit heimgehen. 
„Statt der zehn Weber, mit denen wir anfingen, be 
schäftigt die Fabrik jetzt bereits zwanzig," sagt der Hausherr 
wohlgelauilt; er liebt bei Allem, was die Fabrik betrifft, in 
der Mehrzahl zu sprechen, als sähe er in dein juilgen Haus 
freunde bereits den berechtigten Mitberather aller seiner Unter 
nehmungen. 
„Und ihrer achtzig könnten lohnenden Erwerb drin 
finden," entgegnet dieser, „lind wie die Neuangesiedelten in 
der neuen Heimath sich wohlfühlen und eine bleibende Stätte 
finden; wenn gleichzeitig mit der Sammet- nur auch eine 
Seidenfabrik verbunden sein könnte, daß beide sich fördernd 
in die Hände arbeiteten." 
„Nein, nein; für jetzt nur keine Vergrößerung der Fa- 
brikuntcrnehmungen! Es liegen noch für über 30 000 Thaler 
unverkaufter Sammelstoffe auf Lager! Wo soll das hinaus, 
wenn gar einmal Krieg ausbricht oder der König die Einfuhr 
ausländischer Gewebe nicht verbietet?" 
„Beides wird nicht ausbleiben. Wegen des Verbotes 
habe ich das Versprechen des Kronprinzen und will ihn daran 
erinnern, sobald ich Gelegenheit finde, königliche Hoheit zu 
sprechen." 
„Thun Sie das, Gotzkowsky! Aber die Seidenfabrik? 
— Meinen sie wirklich, daß die Anlage einer solchen in unserem 
Lande lohnen könnte?" 
„So gut wie in irgend einem anderen; das Land ist 
freilich nicht reich, und die Bedürfniffe des Bürgers beschränken 
sich auf das Nothwendigste. Wird aber der Hof nicht mehr 
aus allzu großer Sparsamkeit jeden Luxus meiden sollen, wird 
auch der Bürger bald wieder in reicherer Kleidertracht ihm 
nachzuahmen streben und Handel und Gewerbe werden blühen, 
schon weil der künftige Landesherr durch Begünstigung aller 
einheimischen Fabrikate jedes neue Fabrikunternchiuen unter 
stützen wird." 
„Wie gewiß Sie deffen sind! — Aber die rechten Leute 
zu solchen Unternehmungen, wo sie finden?" 
„Der geeignetste Mann ist in ihnen schon gefunden, 
Herr Blume. Sic werden hier mehr Glück darin haben, als 
David Hirsch oder Posener, der Sohn Ben Abraham's, eines 
hiesigen achtbaren alten Israeliten, den ich kenne, in einem 
andern Theile Deutschlands mit seiner Anlage einer ersten 
Sammetfabrik hatte*)." 
„Zu solchen Unternehmen gehören bedeutendere Mittel; 
sie fehlten ihm: doch seine Erfahrungen und Geschäftskenntniß 
könnten vielleicht Ihrer neuen Fabrik nun zu Nutzen kommen." 
„Hirsch? Ein Israelit? Nein, junger Freund! Ich ar 
beite nicht mit Jsraeliteir zusammen. Ich ivarne auch Sic; 
ich kann Ihre freisinnigen Ansichten in diesem Punkte nicht 
theilen. Wenn ich mir einen Gehülfen und Berather für 
meine Unternehmungen wünsche, so muß es — ein gleich 
berechtigter Theilhaber meiner Firma sein, so sind — Sic es!" 
Ein bedeutsamer Wink zu seiner Frau hinüber, die neben 
der Tochter nähend am Fenster sitzt, macht diese schnell zum 
Schlüffelkorbe greifen und Beide das Zimmer vcrlaffen. 
„Wir sind allein, Gotzkowsky. Lasten Sie mich offen 
sein! — Ich scheine ein rüstiger Mann; oft aber ist mir, als 
sei ich es nicht! — Sterbe ich, so stehen Frau und Tochter 
ohne Berather, und ein großer Theil meines Vermögens steckt 
in dein neuen, vielleicht allzu kühnen Unternehmen." 
„Ein verhältnißmäßig kleiner Theil nur. Sie sind ein 
reicher Mann, Herr Blume. Ich — lasten Sie mich Offen 
heit durch gleiche Offenheit vergelten — bin von Hause durch 
aus unbemittelt. Ein kcnntnißlvser armer Bursche kam ich 
hierher; was ich mir an Kcnntniffen angeeignet habe, erwarb 
ich mühsam durch Selbststudium in den wenigen freien 
Stunden, die mir während meiner Lehrlingszeit verblieben; die 
bescheidenen Mittel, über die ich jetzt verfüge, danke ich allein 
dem Handelsglück meines Bruders, in deffen Geschäft ich ein 
trat und das . . . ." 
„Und das durch Ihre Umsicht lind Treue aufblühte, wie 
er es nie zuvor zu hoffen gewagt. Nein, keine falsche Bescheiden 
heit, Gotzkowsky! 
Grade, weil Sie aus eigener Kraft geworden sind, was 
Sie sind, ein trotz Ihrer Jugend überall geachteter lind ge 
suchter Mann, das macht Sie für mich um so begehrcns- 
werther!" 
*) 1761 hatte thatsächlich David Hirsch die erste Sammetfabrik in 
Deutschland ohne sonderlichen Erfolg angelegt. Vermuthlich derselbe, der 
später den Bartstreit, auch die Differenz mit Voltaire hatte.
        
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