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Volume 4. October 1884, Nr. 1

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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gegen Andersgläubige aufhören?" sagt er sinnend; „mit dem 
Handel hat es doch wahrhaftig nichts zu schaffen! — Mag 
man sonst an ihnen zu tadeln finden; aber dem deutschen 
Handel haben die Israeliten die besten Verkehrswege geöffnet, 
und das zu einer Zeit, als noch schlechte Wege und schlechte 
Zölle nebst einer unwissenden Gesetzgebung dem Verkehr die 
größten Schranken auferlegten. Arme Schacher, fahrende 
Bettler sind sie als treue Agenten zwischen Amsterdam und 
Frankfurt, Prag und Warschau hin- und hergelaufen, Wechsel 
und Juwelen unter ihren Lumpen, ja dem eigenen Leibe ber 
gend; hier Spitzen und reiche Kirchengewänder für ihre Geg 
ner, die hohen geistlichen Herrn, zu erhandeln, dort für einen 
Landesherrn, der zum Dank ihnen kaum den nöthigen Schutz 
und die nöthige Freiheit der Bewegung gewährte, Waffen 
lind Kriegsgeräth dlirch feindliche Gebiete zu schmuggeln; zu 
frieden mit jedem Gewinn und dankbar für jede Duldung, die 
ihnen ward!" 
„Und das wollen nun künftige Kaufherrn sein?" zürnt er, 
der offenen Ladenthüre zuschreitend. „Abhängige, armselige 
Krämer bleiben sie ihr Leben lang; nur gründliches Wiffen 
schafft freieren Blick, und dieser allein ist es, der den Kauf 
herrn macht, ihm Muth und Kraft giebt, indem er für sich 
selber schafft, auch seinem Land und Fürsten zu nützen!" 
„Weg da!" herrschte er den Genoffen zu; „gebt den 
Eingang frei! Geld ist Geld und übel wär's in unseres 
Prinzipals Jntereffe gehandelt, wollten wir seine Waaren nicht 
verkaufen an Jeden, der sie begehrt!" 
. „Und sie redlich bezahlt!" ist die spottlustige Antwort. 
„Hahaha! Auf den Kopf stellen könnt Er die Beiden da, und 
kein Kreuzer fällt zur Erde." 
„Mögen die jungen Herren haben Recht," sagte der 
Fremde verlegen, indem er, dem Winke Gotzkowskh's gehorsam, 
an den Ladentisch tritt, in polnischer Sprache. „Der Beutel 
ist leer und der Brodsack noch mehr! — Der Weg war 
lang und weit und der Markt war schlecht! Dazu der 
Zoll am Thore und die Steuer, die der Marktvogt jeden 
Tag auf's neue gefordert . . . ." 
„Und doch wollt Ihr Einkäufe machen, und das gerade 
jetzt, wo alle Welt dem Seilspringer zuschaut?" 
„Soll mich der Gott Israels bewahren, daß ich Gefallen 
fänd' an so halsbrechenden Künsten! Unter Gefahren und 
Kränkungen heißt es auch für uns unserem Brodcrwerb nach 
gehen; aber fest muß sein der Boden unter unseren Füßen . .." 
„Recht so! Aber nun sagt was ihr begehrt!" 
„Wenn der gnädige Herr nur auch ein Weniges von 
meinen Waaren kaufen möchten, könnt' ich leichter einhandeln, 
was ich zur Nothdurft gebrauch' für den Abend und den 
morgenden Tag. Gleich bricht unser Schabbes an, an dem 
wir weder dürfen kaufen noch verkaufen . . . ." 
„Auch nicht, wenn ich Euch für morgen herbestellte, um 
mir von Euren Waaren etwas auszusuchen?" lacht der junge 
Mann. 
„Thut's heut, lieber Herr, thut's heute! Ihr thut 
gutes Werk daran!" und mit hellerem Blick setzt er hir 
„Stoch ist die Sonne nicht untergegangen; aber in ei 
halben Stund' schon mag der erste Stern aufgehen und . . . 
„Für volle vierundzwanzig Stunden hört aller Har 
und Wandel für Euch auf! Wie ihr das nur crtra 
sollt?!" 
Den traurig unwilligen Blick des Knaben bemerkend, 
setzt der junge Mann begütigend hinzu: „Aber, Ihr scheint 
von Haus kein Handelsmann; und unbillig wär's, wenn Ihr 
an Eurem Ruhetage auch unfreiwillig Fasttag halten solltet! 
— Gehört der Bursch zu Euch?" 
„Nein, Herr; er fragt mich ain Thor um den Weg zum 
Rabbi Fränkel; doch ich bin selbst fremd . . . ." 
„So wißt Ihr auch Niemand, der für Euch gutsagen 
könnt?" 
„Keinen, Herr, den ich darum bitten möcht!" 
„Nun, das ist wenigstens grad ehrlich, wie man's bei 
Euren Leuten sonst nicht findet." 
Ein zweiter, gleich vorwurfsvoller Ausblick aus den großen 
Kinderaugen des blaffen verivachsenen Knaben macht den 
Kaufmann sich unwillkürlich zu ihm herabbeugen. 
„Und du? Woher kommst du, Bursch?" 
„Bon Dessau kommt er, Herr, wo sein Vater ein armer 
Lehrer und Abschreiber unserer Thorarollen ist, wie er mir 
sagte," antwortete der Pole. 
„Von Dessau, den weiten Weg — allein zu Fuße? 
Mich wundert, daß sie dich durch's Thor hereingelaffen haben." 
„Ich lief dem — Wächter fort, eh — er mich zurück 
rufen konnt'," sagt der Knabe mühsam stotternd, doch frei 
von der hebräisch und deutsch gemischten unschönen Sprech 
weise seines Stammes. 
„Und was willst bn bei dem Rabbiner?" 
„Lernen will der Moses Mendel," ist unter hohem Er- 
röthen die balb gelispelte, halb gestotterte Antwort. „Ich 
lernte schon bei ihm — in Deffau; — und als er fort 
ging da. . . ." 
„Mußtest du statt zu studiren, vermuthlich mit dem 
Bündel Hausiren gehen?" 
Der Knabe nickt unter Thränen. 
„Wenn der Rabbiner dich nun aber nicht aufnehmen 
will?" 
„Hab's ihm auch schon gesagt, Herr!" sagt mitleidig der 
Pole, „und ihn gemahnt an unsere Sage von der „Dalles" 
— das ist die Armuth, Herr! Wo die anklopft, da läßt der 
Kluge sie gar nimmer ein". 
„Aber solche Weltklugheit will erst gelernt sein; auch 
der alte Ben Abraham, der vor Euch steht, hat sie nicht 
besessen . . . ." 
Gotzkowsky winkte dem Zögernden fortzufahren. 
.... „Einst hat es auch an seine Thüre geklopft, und 
er ließ den wegcmüden Mann herein, der um ein Nachtmahl 
und ein Lager bat. 
„Am nächsten Morgen aber setzte der den Stab nicht 
weiter; er trank aus unserem Becher und aß die besten Bissen 
uns vorweg aus unserer Schüssel, Wochen um Wochen, bis 
es endlich meinem Weibe Zeit schien, ihn zum Aufbruch zu 
mahnen. 
„Da aber dehnte er sich nur bequem auf seinem Lager 
ad meint: Sein Gewand sei gar so verschlissen; wenn wir 
m ein besser Gewand machen lassen wollten, wollt' er bei 
nderen um Hilfe bitten gehen." 
„Und das Gewand . . . .?" 
„Ward ihm gefertigt, wir sagten gut dafür und darbten 
lbst darum." 
„Und dennoch ging er nicht?"
	        
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