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Periodical volume 12. September 1885, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Noch hatte sie die Thür nicht geschlossen, als daS tiefe 
Knixen der Wärterinnen im Vorzimmer sie aufmerksam machte 
und zur Seite treten ließ. Sichtlich bemüht, seine hastige, 
laute Weise in Schritt und Ton zu dämpfen, hatte der Mark 
graf rasch das Vorzimmer durchschritten. Nur ein seltener 
Gast mochte er in diesen Räumen sein, denn Mignon suchte 
unbemerkt zu entkommen. Der Markgraf aber hatte sie schon 
entdeckt: „Wohin?" fragte er, scherzend ihr den Weg ver 
tretend. „Was, fortlaufen, wenn ich komme?" 
„Fortgeschickt, Hoheit!" erwiderte Mignon, schelmisch 
zu ihm ausblickend. „Unsere allergnädigste Frau will eifer 
süchtig auf mich 
werden." 
Als ob er den 
Sinn der Worte 
nicht recht ver 
standen, schaute 
der Markgraf mit 
leicht gerunzelter 
Stirn ihr nach; 
nur die Gegen 
wart der Wärte 
rinnen schien ihn 
zu hindern, ihr 
nachzueilen. Ehr 
erbietig hielten sie 
die Thür zum 
prinzlichen Ge 
mache für ihn 
geöffnet, und ein 
schneller Blick 
zeigte ihm seine 
Gemahlin, wie 
sie, den Knaben 
in sein Bettchen 
legend, sich an 
schickte, dem Ge 
mahl entgegen zu 
eilen. Anschei 
nend hatte auch 
sie dir letzten 
Worte gehört und 
den Blick beob 
achtet, mit dem 
der Eintretende 
der schnell ent 
eilenden Gestalt 
gefolgt war. Ein besorgtes Aufblicken, nicht ftei von der alten 
Unruhe, streifte ihn; aber seine Züge waren wieder heiter, wie 
zuvor, und galant beugte er sich auf ihre Hand nieder, die sie 
zur Begrüßung ihm entgegengestreckt hatte. Fast beschämt ob 
der ungewohnten Zärtlichkeit erröthcte sie, und sagte, ihn zum 
Bettchen des Kindes führend: „Sieh, wie frisch und fröhlich 
unser Knabe darein schaut!" 
Der Markgraf nickte befriedigt mit dem Kopse und 
streichelte leicht die frischen Wangen des Knaben, der mit 
großen Augen von dem soldatischen Anzuge des Vaters zu 
den bunten Soldatcnbildern auf dem Bettschirme blickte. 
„Sorgst zeitig dafür, unseren Erbprinzen zum Soldaten 
' zu erziehen," scherzte er. „Will auch mithelfen!" Und er 
legte eine zierliche kleine Flinte auf das Bett. „Ist morgen 
wieder ein Jahr, daß uns der Erbprinz geboren, — hab' 
den Tag nicht vergeffen, Sophie!" Die Markgräfin bewunderte 
die kunstvoll gearbeitete Waffe. Es freute sie, daß der Gemahl 
des Tages gedacht, und doch lagerte noch ein leichter Schatten 
über ihren Zügen. Der Markgraf hatte dem Kleinen die Flinte 
in die Händchen gegeben. „Ein wackererBursche, unser Erbprinz!" 
lachte er, indem das Kind jauchzend nach dem Spielzeug haschte. 
„Siehst Du, Sophie, es hat doch geholfen, daß ich keinen 
Storch mehr geschoffen! Hat uns den Erbprinzen dafür ge 
bracht, und Seine 
Majestät der Kai 
ser hat mich zum 
Jägermeister des 
heiligen römi 
schen Reiches er 
nannt." Dabei 
breitete er das 
kaiserliche Ernen 
nungsdekret vor 
der Gemahlin 
aus, die in stolzer 
Erregung ihn be 
glückwünschte. 
Die Wärte 
rinnen wagten 
durch erneute 
Knixe ihre Theil 
nahme auszu 
drücken. „ Auch 
die Wahl des 
Namens hat den, 
gnädigsten Erb 
prinzlein bisher 
nicht geschadet," 
bemerkte die ältere 
Wärterin mit ehr 
erbietigem Tone. 
„ Des Na 
mens? Wie?" 
forschte der Mark 
graf, von denr 
Aberglauben sei 
ner Zeit nicht so 
frei, wie seine 
Gemahlin. 
Die Frau schwieg verlegen, als ob sie ihre vorschnellen 
Worte bereute. Wußte sie doch, daß selbst für die vor- 
urtheilsfreie Herrin ein jegliches Omen besorgnißerregend 
wirkte, das im Leisesten mit ihrem Knaben verknüpft schien. 
Der strenge Blick des Markgrafen ließ der Wärterin 
keine Möglichkeit zum Ausweichen. „Man sagt, — es heißt," 
stammelte sie, „es sei nicht gut gethan, einem Kinde die gleichen 
Namen zu geben, die eines seiner verstorbenen Geschwister ge 
habt . . . Aber das ist wohl nur so bei uns gewöhnlichen 
Leuten ..." 
Die Markgräfin fühlte sich durch die unziemliche Ge 
schwätzigkeit der Frau beängstigt; ihr besorgter warnender
        
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