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Periodical volume 12. September 1885, Nr. 50

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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erfreuen und fördern könnten. Gute alte Gemälde schmückten 
die Wände, die Bildnisse der preußischen Helden zumal- Oft 
stand die Mutter mit dem Knaben davor und freute sich, 
wenn er die Händchen ausstreckte nach den kriegerischen Ge 
stalten, gleich als ob er sie lebend vor sich hätte. Wer konnte 
wissen, welches Geschick ihm noch beschieden war, und von 
früh auf sollte er heranwachsen in der Hoffnung, es dereinst 
jenen Helden gleich zu thun. Allerlei niedlich Spiclwerk 
stand umher, wohl geeignet, auch eines so jungen Knaben 
Aufmerksamkeit zu fesseln. Der hohe, lichtgrünc Bettschirm, 
der seine Lagerstätte umgab, war mit den ausgeschnittenen, 
buntbemallen Soldatenbildern aller preußischen Regimenter 
beklebt. 
Die Markgräfin zeigte dem Knaben auf ihrem Schoße 
die bärtigen Figuren mit dem bunten Wasienschmuck und den 
riesigen Bärenmützen, und fröhliche Hoffnung verklärte ihre 
messt so kalten Züge- Eine Mutter ist immer schön, wenn 
sie mit ihrem Kinde kost- „Sophie ist nicht schön," hatte ; 
schon ihre Schwester Wilhelmine von ihr gesagt, „oft aber 
spricht ihre Sanftmuth, ihr guter Charakter sich in ihren 
Zügen aus." Eine solche gute Stunde ward ihr heute. 
Ihren Knaben selbst zur Ruhe zu betten, war ihr eine süße 
Pflicht, die sie ungern den Wärterinnen überließ: doch hielt 
es heute schwer, ihn zur Ruhe zu bringen; immer wieder , 
griff er nach Mignons krausem Lockcnhaar, während diese 
sich tändelnd über ihn beugte und ihm allerlei neckische Worte 
vorsprach, die der ungeschickte kleine Mund nachzubilden strebte. 
„Ich werde noch eifersüchtig aus Dich werden und Dich 
fortsenden müssen, Mignon," drohte lächelnd die Markgräfin, 
fernerem Spiele zu wehren. 
„Eifersüchtig auf mich, Hoheit?" Die junge Dame 
schüttelte energisch den hübschen Kopf. „ Eifersüchtig auf 
mich? Ei, das müßte drollig sein, auch einmal Jemand so 
recht eifersüchtig auf mich zu wissen. Wie das wohl thun mag? 
Aber recht eifersüchtig müßte dieser gewisse Jemand sein. —" 
„Wünsche Dir's nicht, Kind; es ist ein böses Ding um 
solch Gefühl, und schlimmer ist's wohl noch um den, der cs 
weckt." Heimlich hatte sich eine Wolke über der Markgräftn 
Züge gelagert, um jedoch nach einem Blicke in das offene, 
ehrliche Gesichtchen vor ihr schnell wieder zli verschwinden. 
„Rein, Mignon, erhalte Dir Gott Dein harmloses, fröhliches 
Herz! Run aber geh', daß ich meinen Knaben endlich zur 
Ruhe bringe!" 
„ Also fortgeschickt werde ich doch! " rief das junge 
Mädchen und huschte wie ein Wirbelwind zur Thür hinaus, 
um in irgend einen anderen Theil des Schlosses, in die Zimmer 
der Prinzessinen vielleicht, „etwas mehr Leben zu bringen," 
wie sie zu sagen pflegte. 
Von dem platten Dach des Hauses aus ließen wir gegen Sonnen 
untergang — die für das Eintreffen der russischen Kaiserin bestimmte 
Zeit — unsere Blicke auf die sanft bewegte See schweifen, auf der die 
hohen Geschwister sich begrüßen wollten. Ehe aber der Königliche Damvfcr 
den Hafen verlassen, nahte majestätisch das russische Kriegsschiff „Kam- 
schatka" und vernehmlich trug uns der Wind den Ausruf des Königs 
herüber: „Nun, den langen Handt sehe ich schon auf Deck." 
Leider aber bewies sich diese Wahrnehmung als irrig. Die Majestät 
von Rußland und ihr viel genannter Leibarzt waren nicht an Bord — 
ob und wo die Kaiserin, deren zarte Gesundheit vielen Schwankungen 
unterlag, unterwegs zurückgeblieben, weiß ich nicht zu sagen. Ein Grund 
zu ernster Besorgniß kann nicht vorgelegen haben, da die königlichen Ge 
schwister sich in bester Stimmung befanden. In den für den Swine 
münder Aufenthalt bestimmten zwei Tagen geizten dieselben dem Publikum 
gegenüber durchaus nicht mit ihrer Zeit und ihrem Anblick, und schon 
am nächsten Vormittag hatten wir die Genugthuung, mit eigenen Augen 
zu sehen und eigenen Ohren zu hören, daß die Liebenswürdigkeit der 
Hohenzollern nicht ohne Grund gerühmt wird. 
Friedrich Wilhelm IV. und der Prinz von Preußen, das Urbild 
kraftvollster Männlichkeit, erschienen in ziemlich früher Morgenstunde mit 
ihrem Gefolge und natürlich einem endlosen Zuge Neugieriger vor unserem 
Hause, um die Frau Großherzogin zu begrüßen. 
Im Kreise ihrer theils brünetten, theils blauäugigen Jugend, zu 
der auch ich mich meiner aschblonden Flechten wegen rechnete, emvfingcn 
Herr und Frau Lindinger den Landesvater, der mit seinen geistvollen 
und wohlwollenden Augen die derartig besetzte Veranda überflog. 
Sehr wohl über die Berliner Firma „Lindinger und Sohn" orientirt, 
versäumte die Frau Großherzogin nicht, ihren königlichen Bruder an die 
bei verschiedene» Gelegenheiten dort gemachten Einkäufe an Teppichen 
eigenartigen Gewebes und seltener Schönheit aufmerksam zu machen. 
Dabei entwickelte sie ein Gedächtniß für die Farben und Zusammen 
stellung der Muster wie jede andere sorgsame Hausfrau, und gab dadurch 
ihren Wirthen Gelegenheit, sich über den Gang der immer noch im 
Blühen begriffenen Fabrik zu äußern. Als eine niustergültige Ehehälfte 
hatte Frau Lindinger stets allen industriellen Unternehmungen ihres 
Gatten mit Rath und That zur Seite gestanden und mit der Zunge be 
weglicher als dieser, ertheilte sie Bescheid aus jede daraus bezügliche Frage. 
Der König schien sein Interesse lebhafter der reich besetzten Veranda 
zuzuwenden, und noch sehe ich die Vaterfreude in den Zügen des Ge 
schäftsmannes aufleuchten, als er sich erkundigte, ob alle diese Blumen 
seine Töchter wären. 
„Ausgenommen die Eine", ergänzte die Mutter, auf mich zeigmd, 
die ich natürlich mit dunkelster Purpurröthe übergössen, an Agathes 
Seite stand. „Sie ist die Zwillingsfreundin dieser unserer Tochter" 
fügte sie noch erbarmungslos hinzu, und da ich röther nicht mehr gut 
werden konnte, soll ich ängstlich erblaßt sein, womit man mich nachher 
vielfach geneckt. Trotz meiner wechselnden Röthe und Blässe aber ent 
gingen mir doch einige Worte der Erwiderung nicht. 
„Das ist ja ein blühender kräftiger Jahrgang", scherzte Friedrich 
Wilhelm IV. mit gewinnender Freundlichkeit, und oft noch, in weniger 
glücklichen Zeiten, habe ich mich dieser harmlosen Schmeichelei auS König 
lichem Munde erinnert. Habe ich doch auch vielfach in meinem späteren 
Leben Gelegenheit gesunden, die Mitgabe meines Schöpfers an Kraft 
und Widerstandsfähigkeit zu erproben und dankend anzuerkennen! Am 
nächsten Tage, so berichtete uns die freundliche Kammerfrau, beabsichtigten 
die Herrschaften einen Ausflug nach dem Golm, einem waldigen Aus 
sichtspunkt in der Nähe von Heringsdors, zu machen, und vor unserem 
: Hause solle Bei sammlungspunkt sein. Damit uns nun keine Einzelnhcit 
von diesem Ereigniß Mitgehe, belagerten wir zu der festgesetzten Stunde 
! den Balkon des oberen Stockwerks, über dessen Brüstung gelehnt wir 
i jedes Wort, jeden Blick der unteir Stehenden auffangen inußtcn. Diese 
Wißbegier war vielleicht nicht ganz correct, aber in manchen Punkten 
bleiben ja Frauen Kinder ihr Leben lang, wenn dieses nicht gerade in 
j besonders ernste Bahnen gelenkt wird. Dazu waren wir speziell erst 
scchszehn Jahre alt! 
Heut zog vor allem der ritterliche Prinz von Preußen, der mit gar 
freundlichen, beinahe übermüthigen Blicken den klaren Septemberhimmel 
musterte, unsere Blicke auf sich. Was mochte er wohl denken, als ein 
kleiner leichter Gegenstand vor ihm niederfiel wie, um seine Aufnrerksam- 
keit von der Ferne abzulenken! Es war keine Rose aus dem Haare oder 
von der Brust einer der Gestalten des Söllers, welcher ein gefälliger 
Zufall in Romanen so gern eine Stelle zuertheilt — nur ein prosaisches 
Handschuhpaar war dem Prinzen zu Füßen gefallen. 
Ob es zum Verdruß oder zur Freude der Eigenthümerin den Weg 
nach unten gemacht — wir haben es von Frau H., der hübschen schwarz 
äugigen Freundin des Lindingerschen Hauses nicht gründlich erfahren. 
Wohl aber konnten wir feststellen, daß diese sich mit aller ihr eigenen 
Grazie dankend gegen den galanten Prinzen verneigte, als dieser lächelnd 
das eorpus delicti aushob und es durch seinen Jäger nach oben schickte. 
Diese kleine Unthat, wenn es wirklich eine solche war, wollte den 
ehelichen biedern Hausvater zu einer kleinen Strafpredigt veranlassen, zu 
der es aber unsere warme Vertheidigung und die allgemeine Heiterkeit 
nicht kommen ließen. 
Diese Stimmung hielt noch lange Zeit vor, trotzdem uns der in 
mecklenburgischen und preußischen Farben beflaggte Dampfer „Borussia" 
die interessanten Gäste in früher Morgenstunde des nächsten Tages wieder 
entführte. Noch sehe ich das Hohenzollern-Kleeblatt aus Deck, und uns mit 
vorschriftsmäßigen und naturwüchsigen Knixen die huldvollen Abschieds- 
grüße erwidern, die Friedrich Wilhelm vom Hafen aus hinüber winkte. 
Noch einige Wochen fesselten uns warmer September-Sonnenschein 
und kräftiger Wellenschlag an Swinemünde — dann kehrte auch die 
Familie Lindinger mit Anhang in die Residenz zurück, und das Berliner 
Haus lag verödet und lautlos dem Hafenleben gegenüber. 
Mich setzte inan nach der Fahrt über das Haff in Stettin auf die 
Eisenbahn, und mit dankbarem, übervollem Herzen fuhr ich der stillen 
Heimath zu, wo ich meinem guten Vater nicht genug erzählen konnte 
von den Königstagen an der Ostsee. So hatte ich diese kleine Episode 
des Swinemünder Aufenthaltes in meinem, damals vo>r einer Sechzehn 
jährigen schwer zu trennenden Tagebuche, verzeichnet. Als Freiheits 
kämpfer, freiwilliger Jäger von 1813, trug er in treuem Herzen Preußens 
Königshaus — sein Aufgehen in das deutsche Kaiserreich hat er nicht 
mehr erlebt.
        
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