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Periodical volume 5. September 1885, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Im Jahre 1749 war endlich die Dichtung soweit gediehen, 
daß an den Druck und die Herausgabe gedacht werden konnte. 
Nun aber fehlte der Verleger. Auch Gleims Fürsprache blieb 
erfolglos. Kleist mußte sich entschließen, auf eigene Kosten eine 
Ausgabe zu besorgen. 
Sie wurde der Wendepunkt seines Lebens, — nicht sowohl 
des äußeren, als des inneren, seiner Stimmung und Zuversicht. 
Die Dichtung erwarb ihm auserlesene Freunde in den höheren 
Kreisen der gelehrten und schönwissenschaftlichen Bildung. Schon 
im Jahre darauf konnte eine neue Auflage besorgt werden. Im 
folgenden Jahre wieder eine, nun mit einem Anhange von Ge 
dichten, und so fort. Er war ein Liebling der poesieliebcnden 
Deutschen geworden, neben den Ersten des Auslandes, Thomson u. a., 
neben dem großen zu gleicher Zeit aufgehenden Sterne, neben 
Klopstock, genannt und geehrt. 
Ueber den „Frühling" ist in der damaligen kritischen Welt 
viel hin und her gesprochen. Man hat in ihm Ordnung des Ge 
dankenganges vermißt. Ramler ist über die Dichtung gekommen 
und hat „Verbesserungen" anbringen zu müssen gemeint. Lessing, 
der in späteren Jahren den Dichter kennen lernte, ist in ihn ge 
drungen und hat ihm die Nothwendigkeit gänzlicher Umarbeitung 
nachgewiesen, so daß, wie er berichtet, Kleist die Absicht gehabt 
habe, „aus der Reihe von Bildern, die mit Empfindungen durch 
webt sei, eine Reihe von Empfindungen, die mit Bildern durch 
flochten sei, zu machen." 
Es ist zu dieser Aenderung nicht gekommen. Und gewiß zum 
Glück des Werkes. Bilder und Empfindungen sind im „Frühling" 
in einer Weise weich durchschmolzen, daß kaum der an Abstraktionen 
gewöhnte Denker im Stande ist, das Eine vom Anderen zu trennen, 
geschweige denn das empfindende Volk, der Poesie genießende 
Leser. 
Freilich, man muß nicht das Unglück haben, eine Ausgabe 
mit den Ramlerschen „Verbeflerungen" zu besitzen. (Ramler 
besorgte nach des Dichters Tode die Herausgabe der „Sämmtlichen 
Werke" 1760.) Da finden sich allerdings Plattheiten, die den 
Schwung der Empfindung ganz vermisicn laßen. Das Beziehungs 
volle ist vereinfacht, das Kühne ausgeglichen, ganze Sätze sind 
geändert, gerade die poetisch großen, sie sind nach der Grammatik 
des Prosaikers, der in Versen schreibt, umgebildet. Der Schwung 
der Seele in den Worten ist ertödtet. 
Gerade die bedeutendsten Werke in der Geschichte der Poesie 
sind es zuweilen, die ihre Art lediglich in sich tragen, demgegen 
über die Theorie mit ihren fertigen Schematcn in Verlegenheit 
kommt. Der Dichter schafft in diesem Falle, was die Theorie erst 
hernach kennzeichnen soll und ordnen kann. Wie sehr Kleist in 
seinem „Frühling" auf dieser Höhe des dichterischen Schaffens 
stand, das deutet äußerlich schon das Versmaß an. Es sind die 
selben Jahre, in denen Klopstock sich für den Hexameter entschloß. 
und in denen Kleist, ohne von Klopstock zu wißen, eben diesem 
daktylischen Gesetz, mit der Aenderung der Vorschlagsylbe, Eingang 
zu schaffen strebte. 
Kleist war nach der Vollendung des „Frühling" unausgesetzt 
poetisch thätig: in Liedern, Oden, Epigrammen. Es war im 
3. schlesischen Kriege (Kleist war unterdeffen Major geworden) kurz 
vor dem Ausbruch seines Regiments zur Armee des Königs (1759), 
daß er die epische Dichtung „Cissides und Paches" vollendete, 
zu der ihn die Idee der Hcldenfreundschaft und des Heldentodes 
begeistert hatte. 
Die Schlacht, in der er die Wunden empfing, die ihm zwölf 
Tage darauf den Tod gaben, die bei Kunersdorf 12. August 1759, 
war die erste, an der er überhaupt theilgenommen. 
Kleist war eine der edelsten, harmonisch in sich geschloffenen 
Naturen. Etwas Unreines kam in ihm nicht auf. Der Gedanke, 
Ruhm zu erlangen, fand wohl einen Ansatz in seiner Seele, aber 
nicht einen starken. „Zu etwas Großem werde ich nie kommen," 
schrieb er an Gleim, „es sind nur wenige, denen so etwas auf 
gehoben ist. Dabei tröstet mich aber Ihre Freundschaft, die mir 
mehr werth ist als aller Ruhm." 
Ein „ehrlicher Mann" wollte er sein. Er freute sich, daß 
man ihn als solchen kannte. 
Als er einstmals in dienstlichen Geschäften (Aushebungs 
angelegenheiten) 1752 in der Schweiz war und dort der Bekannt 
schaft mit Bodmer, Breilinger und Andern entgegenging, mit denen 
(wie aus Klopstocks Erfahrungen bekannt war) das Umgehen für 
norddeutsche Naturen nicht ganz leicht fiel, schrieb er: „Ich habe 
Herz genug, den Alpengöttcrn meine Schwachheiten selbst zu sagen. 
Wem ein gutes Herz nicht gefällt, dem kann auch ich niemals 
gefallen. Ich werde mich aber deswegen nicht verstellen, weil ich 
sonst sehr unglücklich wäre und mich nur selten zeigen dürfte." 
Der Schmerz, der durch Deutschland ging, als man erfuhr, 
daß Kleist seinen Wunden erlegen sei, war ein ganz außerordent 
licher. Lessing, mit dem er während eines nur wenig unterbrochenen, 
fast zweijährigen Aufenthalts in Leipzig (1757 und 1758) innig 
befreundet worden war, konnte lange Zeit seiner Stimmung nicht 
Herr werden. „Manchmal verleitet mich," so schrieb er an Gleim, 
„der Schmerz, auf den Mann selbst zu zürnen, den er angeht. Er 
hatte schon drei, vier Wunden. Warum ging er nichts Es haben 
sich Generale mit wenigeren und kleineren Wunden unschimpflich 
bei Seite gemacht. Er hat sterben wollen. Vergeben Sie mir, 
wenn ich ihm zu viel thue." 
Kleffts Grab auf dem Kirchhof zu Frankfurt a. d. O. schmückt 
ein Denkmal, das die Freimaurerloge „zum auftichtigcn Herzen" 
ihm setzen ließ. 
Gleim veranlaßte Bernhard Rode, den Geschichtsmaler, zu 
einem Ehrenbild aus Kleist. Mit des Königs Genehmigung wurde 
daffelbe der Garnifonkirche zu Berlin geweiht. 
Die Ulenden in -er Mark 
mit vorzugsweiser Berücksichtigung der unteren Spreclandschaft. 
I. Die Menden zur Zeit ihrer Kreihcil. 
Die slavischen Völkerstämme in den Marken gehörten einer nörd 
lichen und südlichen Gruppe an. Es wurden die mittelmärkischen 
Landschaften von den Milzen, einem der Sprache nach polnischen 
Stamme bewohnt, die südlichen und hauptsächlich südöstlichen 
Gegenden des Landes nahmen die Sorben ein, ein Stamm, besten 
böhmischer Dialekt uns auf eine Einwanderung von Süden her 
schließen läßt, während die Milzen von Osten her über die untere 
Oder gekommen waren. Die Grundverschiedenheit beider Stämme 
macht die Feindschaft erklärlich, in welcher sie allen Ueberlieferungen 
nach bis zu ihrem beiderseitigen Untergange mit einander lebten. 
Der bei den Deutschen übliche Gesammtname aller Slavensiämme 
Venedi wird schon von Plinius gebraucht und war ihm wahr 
scheinlich durch deutsche Vermittlung zugegangen, denn man hält 
den Namen vielfach für ein deutsches Wort, die „Wei 
denden" bedeutend. Der Name Wenden blieb auch im Munde der 
Deutschen bis noch auf unsere Zeit sowohl für die mittelmärkischen 
als auch für die lausitzer Slaven üblich. Die Allgemeinheit des 
Namens wird auch durch die Sage gekennzeichnet, denn das im 
Meere versunkene Vineta bedeutet nichts anderes als „Wendenstadt". 
Ueber die Kulturzustände der Wenden in den Marken, bevor 
die Deutschen ihr Land gewannen, berichten uns die gleichzeitigen
        
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