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Periodical volume 5. September 1885, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Ewald Christian von Kleist. 
Von JBmirr ünsm. 
Auf dem Rittergut Zeblin bei Köslin wurde Ewald Christian 
von Kleist am 7. März 1715 geboren, der jüngste Sohn des Hauses. 
Eine körperlich, wie geistig kräftige Natur wuchs er heran. Es lag 
nicht in der Idee seiner Eltern, daß ihr Sohn sich dereinst dem 
Militärstande hingeben sollte. Man dachte, besonders auf Anlaß 
der Mutter, die, eine geborne von Manteuffel, aus Polen (dem da 
maligen Königreich Polen) stammte, daß ihr Sohn zu einer Civil- 
stellung am sächsisch-polnischen Hose gelangen möchte. In diesem 
Sinne sollte für seine Bildung ein möglichst allgemeiner Grund 
gelegt werden. Die Ansangsgründe des Wissens wurden ihm auf 
der Jesuiten-Schule zu Eron in Polen mitgetheilt; vierzehnjährig 
kam er auf das Gymnasium zu Danzig. Er machte daselbst in 
leichter heiterer Weise Fortschritte. Glicht, daß er ernsthast und 
absichtlich fleißig gewesen wäre. 
Siebzehn Jahre alt, bezog er die Universität Königsberg und 
hörte hier, seinen Neigungen folgend, Vorlesungen über Physik, 
Mathematik, Jura und Philosophie. Sein Geist ging mit Vor 
liebe ins Weite und Allgemeine. Geflissentlich nahm er an den 
Universitäts-Disputationen theil, opponirte bei der Behandlung der 
verschiedensten Thesen, schrieb selbst Dissertationen, nicht zu einem 
praktischen Zweck, sondern zur Befestigung seiner Gedanken: „über 
den Widerstreit der Verstandes- und Sinnenneigungen und Ab 
neigungen; über die Auferstehung der Todten" und dergl.. Alles 
in lateinischer Sprache. Auch in poetischer Form folgte er früh 
zeitig der Eingebung zu manchem kunstlosen Scherz. 
Er wäre wohl der rechte Mann für eine Stellung an einem 
glänzenden Hose gewesen: geistreich unterhaltend, ohne Pedanterie 
ins Tiefe gehend. Aber es war ihm anders bestimmt. Der polnisch 
sächsische Hof war für seine Wünsche nicht zugängig. 
Verwandte seines Vaters, die in Dänemark hohe militärische 
Stellungen bekleideten, besdrgten dem zwanzigjährigen Jüngling 
die Einstellung ins dänische Militär. Fünf Jahre war er daselbst 
gewesen, als 1740, bei seinem Regierungsantritt in Preußen, 
Friedrich II. ihn in den Unterthanenverband zurückforderte. Kleist 
erhielt das Lieutenantspatent mit der Anciennetät seines dänischen 
Patents und wurde dem Regiment des Prinzen Heinrich in Pots 
dam beigegeben. 
Von den Feldzügen des ersten schlesischen Krieges blieb Kleist fern. 
Das Militärleben bot ihm, wie vormals in Dänemark, so 
nun in Preußen nicht rechtes Genüge. Er besaß wohl die Kraft 
und Geschicklichkeit, um Alles, was der Dienst forderte, befriedigend 
zu leisten. Aber die Bedürfnisie, die von seiner Bildung her 
stammten, kamen nicht zu erwünschter Berücksichtigung. Er holte 
oft die Bücher der Schule und Universität, die Dichter und Geschicht 
schreiber der Griechen und Römer, hervor, um seinem Geist die 
gewohnte Spannung zu geben. Aber da er es allein und ohne 
Zweck fürs Leben thun mußte, geschah es mehr zum Schmerz als 
zur Auiheiterung. 
Und noch ein anderer Zug, eine starke Empfindung von dem 
Gegensatz zwischen Land und Stadt, zwischen der ewigen Schön 
heit der Natur und der Vernichtung derselben durch die Civilisation 
der Menschen, wurde heimisch in ihm: eine elegische Stimmung um 
unerreichbare Güter, ein Sehnen nach Verklärung in Schönheit 
und Reinheit. Nicht, daß er sich weichlichen oder träumerischen 
Gefühlen hingab! Davor schützten ihn ebenso die Kraft und Ge 
sundheit seiner Naturanlage, wie die Heiterkeit und Weile seiner 
Bildung im klassischen Geiste des Alterthums. Aber ein Grund 
zug, der Allem, was er trieb, Ernst verlieh und ihn gewöhnte, 
auch an Kleines und Gelegentliches den Maßstab des Großen und 
Unwandelbaren zu legen, erwuchs daher. 
Daß Kleist für diesen Andrang edler und reiner Stimmungen 
sich der Beschäftigung mit der Poesie zuwandte, geschah nicht un 
willkürlich von ihm selbst aus. Vielleicht deswegen nicht, weil er 
in früheren Jahren auf allerlei leichte Anlässe sich der poetischen 
Formen bedient hatte, ohne davon befriedigt zu sein. Eine per 
sönlich starke Anregung trat hinzu, um ihn in dieser Richtung ge 
wissermaßen zu erwecken. 
Es war im Jahre 1743, als er um einer Wunde willen, die 
er im Zweikamps erhalten hatte, das Zimmer hüten mußte. Der 
Arm war verbunden, starker Blutverlust hatte ihn entkräftet. Da 
fand sich Gleim, der junge Dichter, auf Anlaß des Oberst von 
Schulze, in dessen Hause er Erzieher war, bei Kleist ein, um sich 
nach seinem Befinden zu erkundigen. Gleim fand den Kranken matt 
auf dem Bette liegen. Auf dem Tisch daneben war Cäsars de 
bello gallico aufgeschlagen. Kleist hatte der Anstrengung wegen 
von der Lektüre abstehen müssen. 
Gleim wünschte den einsamen Kranken zu unterhalten, zu er 
heitern. Bald kam die Rede auf die Poesie. Und Gleim las ihm 
eines seiner anakreontischen Lieder, die damals die vorherrschende 
Neigung der poetischen Jugend ausmachten, vor. Das Lied übte 
eine so heitere Wirkung auf Kleist, daß er laut lachen mußte. Die 
Folge davon war, daß die Wunde ausbrach und eine starke Blutung 
eintrat. Der Wundarzt wurde schleunig gerufen. Bei der Unter 
suchung ergaben sich Spuren vom Brande. Es war ein glücklicher 
Zufall, der rechtzeitig zur Wahrnehmung derselben geführt hatte. 
„Die Dichtkunst, die Sie mir freundlich zutrugen", sagte Kleist zu 
Gleim, „ist es, der ich meine Gesundheit verdanke." 
Gleim und Kleist, jener 4 Jahre jünger als dieser, wurden 
innige Freunde. Und Gemeinsamkeit der Beschäftigungen, das echte 
Merkmal der Freundschaft, trat sogleich unter ihnen ein. 
Schon im Dezember desselben Jahres sandte Kleist, nachdem 
er einiges Mißglückte still bei Seite gelegt hatte, ein Gedicht an 
Gleim zur Beurtheilung. „Was kann man," so hieß es in dem 
— französisch abgefaßten — Begleitschreiben, „was kann man von 
Einem verlangen, besten Geist brach liegt?" 
Kleist fühlte sich seitdem in der Uebung der Poesie heimisch. 
Es war nicht ein leichtes, üppige Früchte tragendes Schaffen, 
sondern ein gewistenhaftes Erarbeiten unter gedankenvoller Umschau 
nach den Gründen des Empfehlenswerthen und des Verwerflichen. 
Auch während der Feldzüge des zweiten schlesischen Krieges, da 
er zuerst in Prag, dann in Brieg stationirt war, fand er Stimmung 
und Gelegenheit dazu. 
Sein Vertrauter dabei war lange Zeit ausschließlich Gleim. 
„Unter Offizieren," schrieb er, „ist es eine Art von Schande, ein 
Dichter zu sein." Kleist dagegen meinte, ohne die Dichtkunst würde 
er sein Leben stumm oder nur jammernd hingebracht haben. 
Seit dem Sommer des Jahres 1746 beschäftigte ihn die 
Arbeit, welche Kleist im besten Sinne populär gemacht hat, „Der 
Frühling." Kleist wollte die Dichtung zuerst „Das Landleben" 
nennen. Es war sogleich ein groß empfundenes Werk, bei dem er 
sich selbst erst durch die Arbeit zur Klarheit emporringen mußte. 
„Es wächst ziemlich an," schrieb er im Juli 1746 an Gleim, der 
Potsdam unterdessen Verlusten hatte, „es ist aber bisher noch so 
finster, qu’on n’y voit goutte. Ich bringe es gewiß zu Stande. 
Aber Zeit werde ich mir dazu nehmen." Ein Jahr daraus war 
es noch nicht fertig. Die Nöthe des Dichters drangen hart auf 
ihn. „O, wer doch jetzt nicht alle Tage zweimal exerzieren müßte!" 
schrieb er, „bald wird mir Angst, daß es nie fertig werden wird." 
Alles in seiner Lage sing an, ihn zu beängstigen. „Wenn Apoll 
mir auch einmal erscheint: er wird von den Schnurrbärten verjagt, 
die mich alle Augenblicke überlaufen." „Ich muß mir Alles selber 
sein und — was ist das für ein enges Alles!"
        
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