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Volume 5. September 1885, Nr. 49

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Die kleine Hand zuckte, als ob sie dem kräftigen Drucke 
sich entziehen wollte- „Auf gute Kameradschaft deun!" sagte 
das junge Mädchen endlich. 
„Auf gute Kameradschaft, schöne Vertraute der Frau 
Markgräfin und fortan auch die meine! Und nun auf bal 
diges Wiedersehen im Schwedtcr Schlosse." 
Nach ehrerbietiger Verneigung schritt der Junker dem 
Ausgang des Gartens zu, während Mignon hastig in's Jagd 
schlößchen eilte. 
11. 
Der Markgraf hatte sein Unwohlsein längst überwunden 
und dachte nicht mehr daran; nicht vergcsien waren aber die 
Klagebriefe, die von allen Seiten über die markgräfliche Willkür 
im königlichen Kabinet zu Berlin eingelaufen. „Wenn Ew. 
Liebden nicht Dero Konduite changiren," lautete der eigen 
händige Bescheid des königlichen Vetters, „so werde ich Blich 
necessirt sehen, Dero --chour in Schwedt ein Ende zu machen!" 
Der schmeichclndsten Bitten hatte es von Seiten der Mark 
gräfin bedurft, den Gemahl an einer unziemlichen Antwort 
zu verhindern. Er sei persönlicher Besitzer und Erbherr seiner 
Markgrafschaft; die Kurfürstin Dorothea habe sie für seinen 
Vater und dessen Nachkommen aus eigenem Seckel gekauft, 
polterte der Markgraf; Niemand solle ihm den Aufenthalt in 
seinem Erbe wehren, Niemand seine souveränen Rechte ihm 
schmälern. Wäre Alles gekommen, wie Dorothea es für ihre 
Rechte, wie nach ihr der Fürst von Dessau es für ihn geplant, 
er säße vielleicht jetzt an Friedrichs Statt; und jetzt wolle 
dieser starrköpfige Schwager, den der eigene Vater einst von 
der Thronfolge auszuschließen gedacht, wie zu dem Geringsten 
seiner Unterthanen mit ihm reden! Wohl habe der Große 
Kurfürst einst bestimmt, daß die Herrschaften Schwedt und 
Wildenbruch an die Krone zurückfallen, wenn der letzte männ 
liche Nachkomme Dorotheens gestorben; aber noch sei es nicht 
so weit; noch lebe er, und wenn das Söhnchen auch ge 
storben, ein anderes könne ihm geschenkt werden, und dann 
bleibe die Herrschaft, für deren landwirthschastliche Ver 
besserung und Verschönerung er so viel gethan/ seinem Stamme 
erhalten. 
Die Hoffnung auf den erwarteten Erben war dem Mark 
grafen der beste Trost, ein erneutes Band zwischen ihm und 
seiner Gemahlin- Seltener denn sonst hatte sie von seiner 
Verstimmung zu leiden, und Mignon von Grumkowska wußte 
mit ihrer munteren Laune messt jeder Unbill zu wehren- 
Wohl ahnte der Markgraf, daß die Beschwerde des Junkers 
von Seydlitz mit Anlaß geworden zu dem königlichen Bescheide; 
aber auch gegen den unentbehrlichen Günstling war der Zorn 
verraucht, und äußerlich verkehrten beide in der geivohnten 
Weise mit einander- 
Wie er versprochen, hatte der Junker seiner neuen Kame 
radin ausführlich von dem Rezepte seines königlichen Arztes 
berichtet und ihr fröhlich mitgetheilt, daß nun auch das er 
sehnte Patent für ihn eingetroffen und er als Körnet dem 
markgräflichen Regimente zugewiesen sei. 
„Und so ist's auch mit der Kameradschaft schnell ge,lug 
vorbei," sagte sie traurig, während sie in den schattigen Gängen 
des Schloßgartens unbeobachtet mit einander plauderten. 
„Das Regiment verläßt in den nächsten Tagen seine Garnison, 
und Sie gehen mit ihm.* 
„Mademoiselle sind gut unterrichtet," erwiderte Seydlitz. 
„das Regiment ist in der That bestimmt, in dem neuen Kriege 
um Schlesien mitzukämpfen, und da gilt's denn, alle Liebe 
und Treue zu bewähren, die ich gelobt ..." 
„Der Fahne und dem Vaterlande! Ich entsinne mich 
genau, — das ist ja genug für ein junges Soldatenblut!" 
Das Wort hatte heiter klingen sollen, wider Willen aber tönte 
doch eine leise Wehmuth hindurch. 
„Auch sonst wird die Treue gehalten werden," erwiderte 
Seydlitz mit Wärme, „im Kriege zumal. Wir Beide, Sie 
und ich, werden uns noch in harten Kämpfen bewähren müssen, 
und des guten Kameraden, den ich hier zurücklasse, werde ich 
mich stets erinnern." 
Er hatte im Auf- und Nicderwandcln von einem der 
blühenden Orangenbäume ein Zweiglein gepflückt, und Mignon 
griff darnach, als er es bald darauf achtlos zur Seite warf. 
„Sie werden des unbedeutenden Fräuleins bald vergessen 
haben," sagte sie, „genau wie des blühenden Zweiges, den 
Sie soeben erst gepflückt. Nun, so soll er denn mir ein An 
denken bleiben an Sie, und wenn Sie längst ein berühmter 
Kriegsheld geworden sind, mich an die Stunden erinnern, die 
ich hier mit Ihnen verlebt. Bei Ihrem tollkühnen Muthe 
wird cs Ihnen an schnellem Avancement nicht fehlen." 
„Gleichwie es Ihnen, Mademoiselle, nicht an guten 
Freunden fehlen wird, die Sie den Jugendgenossen kaum 
werden vermissen lassen. Ueberdies ist, — der gnädigsten 
Frau Markgräfin zu persönlichem Dienst und Schutz — heute 
Seine Excellenz, der General von Meyer, von Seiner Majestät 
mit unumschränkter Vollmacht ausgerüstet, im Städtchen ein 
getroffen; er ist genau der Mann, um die Rechte unserer 
gnädigsten Frau — und ihrer Freundinnen — auf's Nach 
drücklichste zu vertreten. Aber dennoch, wenn Sie, Made 
moiselle, je tröstlichen Rathes und Zuspruches benöthigen 
sollten, während ich fern bin, so vergessen Sie niemes Wilden- 
^ brucher Freundes nicht; ich bin gewiß, daß er sich auch Ihnen 
als ein treuer Freund bewähren wird. Doch Sie werden 
desselben kaum bedürfen; der Markgraf ist Ihnen gnädig ge 
sinnt, und wer weiß, wie bald Mademoiselle die Stelle einer 
unserer älteren Hofdamen einnehmen mögen, die sich der mark 
gräflichen Gunst weniger erfreut ..." 
„Ich? Nie, nie!" Unwillig warf Mignon den Kopf zurück. 
„Ich trachte nach so einseitiger Glinst nicht; mein ganzes 
Verlangen ist, daß mir die Liebe meiner hohen Frau erhalten 
bleibe!" 
„Und die der Markgrafen?" Er blickte sie fest und 
forschend an. 
Gleich fest, wenn auch erröthend, hielt sie den Blick aus. 
„Es ist eine gefährliche Gunst; ich glaubte, Sie sollten mich 
besser kennen." 
„Recht so, und herzlichen Dank! Ja, Ihnen, Mignon, 
mögen Gefahren bevorstehen, wie mir; aber sie sollen uns 
fest und muthig finden!" 
Mit treuherzigem Drucke erfaßte er ihre Rechte, und 
Hand in Hand schritten sie still dem Ausgange zu. Erst 
hier blieb der Junker stehen, als ob er sich verabschieden 
müsse; sein Blick siel dabei auf den Zweig in Mignons Hand. 
„Und solch Zwciglein soll Ihnen ein Andenken sein? Ich 
fürchte, es wird nur allzu früh verwelken." 
(Fortsetzung folgt.)
	        
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