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Periodical volume 29. August 1885, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Hohenzollern eine Bedeutung, die es trotz seines Verzichts auk die zum Heile des Gesammtvaterlandes und durch die Uebernahme 
Souveränctät in früheren Zeiten kaum besah. Als strahlende Er- der Präsidentschaft des Ministeriums der „neuen Aera" ein An- 
scheinung im Buche der Geschichte kann man ihn zwar nicht be- denken zurück, das unvergeßlich bleiben wird, 
zeichnen, doch läßt er durch die Abtretung seines Landes an Preußen \ Rcumann-Strela. 
Ein altlirrlincr Äirgermeisterhaus. 
Darüber, wie ein altberliner Bürgermeister sich einst sein Haus 
baute und wie er dasselbe ausschmückte, — darüber giebt eine alte Ur 
kunde uns eine Auskunft, welche als ein Zeugniß vortrefflichsten 
bürgerlichen Sinnes anzusehen ist. Dies Dokument befand sich 
ehedem in dem Thurmknopse unserer Nicolai-Kirche; cs ist von 
Küster in seinem „Alten und Neuen Berlin" bereits im Jahre 
1737 veröffentlicht worden, hat aber so wenig Beachtung gefunden 
und verdient eine solche doch in s o hohem Grade, daß ich dasselbe 
mit einigen Bemerkungen hier nochmals publizire. Ich halte das 
selbe für eine Kundgebung ächt bürgerlichen Sinnes, — eines 
Sinnes, den wir uns sehnsuchtsvoll zurückwünschen, nachdem der alte 
ehrsame Bürgerstand in sich zerfallen und sich in die Konglomerate 
der Beamten, Handwerker, der Industriellen und der Proletarier 
aufgelöst hat. 
Im Jahre 1671 wurde der Thurm der St. Nicolai-Kirche, 
das alte Wahrzeichen Berlins, welches man nun durch einen mo 
dernen Münsterbau zu verdrängen sich gemüßigt gefunden hat, re- 
staurirt; der Knopf wurde neu vergoldet und nach alter Sitte mit 
Silbermünzen, goldenen Schaustücken und Urkunden gefüllt, welche 
letztere uns, wie bereits erwähnt, durch die Aufzeichnungen des 
überaus fleißigen Rektors Georg Gottfried Küster vom Friedrichs- 
Gymnasium erhalten geblieben sind. Uns interessirt heute hier nur 
die eine dieser Urkunden, welche von dem damaligen Bürgermeister 
Johannes Tieffenbach niedergeschrieben ist. Dieselbe lautet: 
„Ein geschloffenes viercckigtes Schlesisches Silberstück der Löb 
lichen Land-Stände der Chur- und Mark Brandenburg habe ich, 
Johannes Tieffenbach, itziger Zeit Bürgermeister in Berlin, zum 
Gedächtniß eingelegt, und bin ich in der Stadt Neu-Ruppin anno 
1617 am Sonntage Oculi von meinem seeligen Vater, auch Bürger 
meister Johann Tieffenbach, und meiner noch lebenden Mutter, 
Frauen Katharinen Ludwigs, geboren. Ich bin anno 1644 von 
Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht selbst, nachdem ich allhier in Berlin 
und Stettin, hernach zu Königsberg in Preußen, auch folglich zu 
Frankfurt an der Oder meinen stndiis obgelegen, und des Frei 
herrn von Löwen, auch eines von Rothenburg Sohn als Ephorus 
ein Jahr lang vorgestellet, zum Kammer-Gerichts-Advokaten vo- 
ciret und habe am Sonntage Oculi deffelben 1644 sten Jahres 
durch Gottes Gnad' und die priesterliche Kopulation mir zuführen 
lasten die damalige Wohledle und Vieltugendreiche Jungfer Euphro- 
synen Margarethen Reichardtin, Herrn Benedikti Reichardts, 38jäh 
rigen Bürgermeisters in Berlin, 27 jährigen Verordneten der Land 
schaft und 37jährigen Kammergerichts-Advokaten mittelste Tochter, 
mit welcher in einer friedsamen und von Gott gesegneten Ehe ich 
25 Jahr 14 Wochen gelebet und darinnen 8 Kinder erzeuget, wo 
von 2 jung verstorben und die übrigen sechs annoch unter Gottes 
Gewalt leben, von welchen die älteste Tochter Catharina Elisabeth 
an Herrn Andream Libertum Müllern, Kurfürstlich Brandenburgi 
schen Kammer-Gerichts-Advokaten, die andere, Euphrosyna Marga 
rethe, an Herrn Thomam Böttichern, Churfürstlichcr Durchlaucht 
zu Brandenburg Hof- und Landrichtern der Ukermark, auch des 
Stolpischcn Kreises und Bürgermeistern in Prenzlo, an demselben 
Tag und Ort des jetzigen Wohnhauses verehelicht worden, da vor 
51 Jahren beide Groß - Schwiegereltern vertrauet gewesen. Die 
dritte Tochter Catharina Sabina ist 3 U Jahre nach der Mutter 
Tode an Herrn Caspar Lietzmann, Jom Utriusque Licentiaten 
und Kammer-Gerichts-Advokaten, aus Neuen-Ruppin bürtig, auch 
am Sonntage Oculi anno 1670 vertrauet; die jüngste aber, Maria 
Elisabeth, mit den beiden Söhnen sind bishero unvcrhcirathct 
blieben, und weil die jüngste Tochter die hiesige und die Blanken- 
burgische Haushaltung (im Dorfe Blankenburg) wohl verstanden, 
so ist auch.erfolget, daß ich deßwegen unvcrheirathet und in's 
dritte Jahr in dem Wittwer- Stand verblieben. Anno 1648 hat 
ein Ehrenvcster Rath zu Berlin mich vor Ihren Syndico ver 
machet und dazu vociret. Anno 1653 habe ich das halbe Dorf 
Zesto im Havelland gekaufft. Weil cs aber wegen meiner beiden 
Aemter zuweit entlegen gewesen, so habe ich solches wiederum ver 
kauft, und hat mein lieber Herr Schwieger-Vater, Bürgermeister 
Benedikt Reichardt, wegen seines Alters und Unvermögens mir 
seine jura auf das proavitum*) praedium Blankenburg, eine Meile 
von Berlin gelegen, gegen das Versprechen einer 8umma Geldes 
noch bey seinem Leben, und daß ich die Straubischen Vettern son 
derlich abfinden müsten, cedirct, welches Dorf ich darauf von den 
sämmtlichen Vettern wiederkäuflich erkaufet und auch einige mehr 
Pertinentr-Stücken im Dolffe noch darzu erhandelt. Anno 1657 
bin ich auf des Raths zu Berlin einhelligen Wahlschluß zum 
Burgermeister-Amte und anno 1666 von den Mittel-, Ilckcrmärki- 
schen und Ruppinischen Städte-Deputirten durch einen Gevollmäch- 
tigten Schluß zum Verordneten des engern Ausschusses bei der 
Landschaft Bier-Gefällen mitdeputiret, auch von Sr. Kuriürstl. 
Durchlaucht dazu gnädigst confirmiret worden. Weil aber dem 
höchsten Gott gefallen, daß er am Tage Johannis 1669 meine ge 
treue Ehegattin durch den zeitlichen Tod von meiner Seite weg 
nehmen lasten, so ist dieselbe auf ihr Begehren in die Marien- 
Kirche bei ihren vorhingesandten Kindern, als Karl Friedrichen und 
Margaretha Benedikta, eingesenket, auch ihr zum Gedächtniß ein 
Epitaphium bei der Orgel aufgerichtet und zum Ueberfluß ihrer 
Voreltern Begräbniß in der St. Nikolai-Kirche durch ihr und ihrer 
beiderseits Eltern - Wappen gezieret worden. Woferne mein Gott 
mir aus dem schweren, noch währenden Bau gnädigst helffen wird, 
so bin ich durch besten Beystand noch schlüssig, ein sonderliches Ge 
wölbe vor meiner Frauen und meiner Kinder Gebeine verfertigen 
zu lasten. 
Denn wir haben in und bey unserm Leben Gott vor Augen 
gehabt und dahero durch besten verliehenen, reichen Segen so viel 
von ihm erlanget, daß unsere Kinder zur Gottesfurcht und allen 
Tugenden erzogen, und daher der Segen des Herrn und unserer 
Vorfahren guter Wunsch dergestalt fortgepflanzet worden, daß wir 
in das vierte Glied das Dorf Blankenburg und das große Eckhaus 
an der langen Brücken, wenn man aus Berlin nach Kölln über 
die lange Brücke gehet, zur rechten Hand pro tertia ererbet, die 
beiden übrigen Tertien aber den beiden Mitgeschwistern heraus 
gegeben und also beyderseits auff Oculi anno 1669 das Haus be 
zogen und dasselbe in Posession genommen haben. Ob nun zwar 
meine getreue und mit aufrichtigem Gemüthe begabte Euphrosyna 
Margaretha, geb. Reichardtin, nicht lange in diesem von ihren 
Eltern und Vor-Eltern ererbten und gesegneten Hause gelebet, so 
haben wir doch alsobald in dem ersten Jahre zu dem an der Spree 
mit rothen Steinen und Werkstücken gantz neu ausgebautem Hintcr- 
Hause das Fundament legen und die beide Keller am Waster ge- 
wölbet aufführen lasten. Indem aber anno 1701 ich 
') Altväterliches Landgut.
        
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