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Periodical volume 29. August 1885, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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höheren Platz inmitten der Nation beanspruchen und bewahren 
wolle. 
In seinem Ideal, der Erhöhung des Glanzes der preußischen 
Krone, verharrte der Fürst durch die Uebernahme des Minister- 
portefeuilles. Pflichttreu und streng gegen sich selbst, war er doch 
wohlwollend gegen Alle. Wer ihm näher trat, verehrte seine 
mustergültige Persönlichkeit und rühmte ihm nach, wie dankbar er 
für jeden Rath und guten Willen war. Auch seine Genossen, 
Auerswald, Patow, Bethmann-Hollweg, Schleinitz, Bonin und 
Pückler, galten für Männer der gemäßigt liberalen Richtung, und 
zum erstenmale seit langer Zeit befand sich die große Mehrheit des 
Bolkes in Uebereinstimmung mit der Regierung. Sie erwartete 
einen maßvollen Fortschritt und begrüßte diesen Zustand als den 
der „neuen Aera" — ein Name, der für jene Zeitperiode allgemein 
üblich blieb. 
In diplomatischen Angelegenheiten hatte sich Karl Anton 
schon öfter ausgezeichnet. Mehrfach war er thätig gewesen, Miß- 
helligkeiten zwischen dem Norden und Süden Deutschlands zu 
schlichten. Manche glaubten zwar, daß em Fürst wie er, der 1848 
so manches Trübe erfahren, der liberalen Richtung nicht allzu 
große Zugeständnisse machen werde; Andere hingegen schöpften für 
die Ausführung ihrer Ideen Hoffnung aus der liberalen Gesinnung, 
die Karl Anton in manchen Punkten bewiesen hatte. Was aber 
auch verfehlt sein und wünschcnsiverth bleiben mochte: Der Cha 
rakter einer gemäßigten Haltung blieb dem Ministerium Hohen- 
zollcrn bis zu seinem Ende aufgeprägt. Allerdings konnte der 
Fürst nur genau so lange in dieser Stellung bleiben, als sich die 
Dinge seinen Wünschen und Neigungen gemäß entwickelten, und 
zunächst waren es Einzelerscheinungen auf dem Gebiete des neueren 
Staatslebens, die ihn zu v-rhältnißmäßig baldigem Rücktritt be 
stimmten. Schon 1862 wurde das Ministerium entlasten, weil es 
die Reorganisation des Heerwesens beim Abgeordnetenhause nicht 
durchsetzen konnte, und nach einem kurzen Ministerium Hohenlohe- 
Jngelfingen trat Otto von Bismarck an die Spitze des neuen 
konservallvcn Ministeriums. 
In einem schönen Briefe sagte König Wilhelm dem Fürsten 
Dank. Mit den schmerzlichsten Gefühlen, schrieb er, habe er ihm 
die Entlassung ertheilt: „denn nicht nur stehen Sie als Ver- 
Ivandter und Freund meinem Herzen gleich nahe, sondern ich werde 
auch die Entbehrung Ihres Beistandes in den Staatsgeschäften 
schwerer empfinden, als ich es auszudrücken vermag." Wenig 
später zum Militairgouverneur der Provinz Westfalen und der 
Rheinprovinz ernannt, »ahm Karl Anton seinen Wohnsitz wieder 
in Düsseldorf. Dort führte ihm sein Sohn Leopold die Infantin 
Antonia Maria Ferdinand« als Gemahlin zu. Sie war eine 
Schwester des Königs von Portugal, der sich mit Karl Anton's 
Tochter Stephanie vermählte. Ihr früher Tod schlug Eltern und 
Geschtoistern eine tiefe Wunde, und Leopold's Vermählung mit 
ihrer Schwägerin war dem Fürstenhause ein großer Trost. Fünf 
Jahre später wählten die Rumänen seinen Bruder Karl zu ihrem 
Fürsten. Während des Krieges mit Oesterreich befand er sich auf 
der Reise dorthin, und drei seiner Brüder kämpften im Felde. Einer 
von ihnen, Anton, der als Lieutenant beim ersten Garderegiment 
stand, fiel bei Königgräy. „In allen Gefechten hat er seinem 
'Namen Ehre gemacht, war Liebling der Soldaten", telegraphirte 
König Wilhelm an den Fürsten. „Er ist unglaublich gefaßt und 
sagt ruhig, es sei gut, daß ein Hohenzoller blute", fügte er brief 
lich hinzu. Nach langen Qualen starb der Prinz in den Armen 
der Mutter, während der tiefgebeugte Vater als Oberkomman- 
dircnder und Militärgouverneur für Westfalen und Rheinprovinz 
fest auf seinem Posten stand. Seine Umsicht und schneidige Ent 
schlossenheit belohnte der König mit dem Orden p»ur Io mörite. 
Die Vermählung seiner jüngsten Tochter Marie Luise mit 
dem Grafen von Flandern gewährte ihm im nächsten Jahre viele | 
i Freude. In jenen Herbsttagen, zur feierlichen Einweihung der 
renovirten Stammburg, begab er sich nach Hohenzollern. Dort 
war er mit dem König zusammen, den er noch öfter, in Berlin 
und bei Manövern, begrüßte. Ein Fußleiden, das ihn damals 
befiel, hielt ihn länger in Düffeldorf zurück, wo er die Wahl seines 
Sohnes Leopold zum spanischen König, deffen Verzicht nach Frank 
reichs Einmischung und den Ausbruch des Krieges erlebte. Mit 
ins Feld zu ziehen, verbot ihm sein Leiden; er mußte sogar wegen 
Invalidität den Abschied erbitten und nahm in Sigmaringcn stän 
digen Aufenthalt. Seine Söhne Leopold und Friedrich standen 
im Felde. Wie jubelte sein Herz beim Siegesläufe der Deutschen 
unter Führung seines Königs und Freundes! Und als dann, wie 
unsere Quelle sagt, die deutschen Fürsten König Wilhelm zum 
ersten Kaiser des neu erstandenen deutschen Reiches ausriefen, da 
gab es Niemand, den diese That mit mehr Glück, Freude und 
Genugthuung erfüllte, als den Fürsten, der seine ganze Kraft und 
all' sein Können freudig in den Dienst des Vaterlandes und des 
Königs gestellt, und der von sich selber sagen durste, daß auch er 
[ mitgearbeitet habe an diesem großen Werke. 
Sein Rücktritt als Militärgouverneur schloß seine amtliche 
Thätigkeit. Er führte ein Stillleben in Sigmaringen und Krauchen 
wies; nur wenig drang darüber in die Oeffentlichkeit, doch hörte 
man öfter, daß sein bewährter Rath in wichtigen Staatsange 
legenheiten gefordert wurde. Unser Kaiser, heißt es, überlegte 
brieflich mit ihm, was Großes in Preußen und im Reiche ge 
schehen sollte. Eine Reise nach Berlin untersagte ihm sein Leiden, 
das immer quälender auftrat und ihn völlig ans Zimmer bannte. 
Beim Blick aus dem Fenster mochte er innig bedauern, daß ihm 
die Krankheit das Jagdvergnügen ganz verbot. Von dort sah er 
den Söhnen nach, wenn sie in die Wälder zogen; alljährlich trafen 
sie mit Gemahlin und Kindern im Schlosse ein. 
Als Familienoberhaupt ertheilte er 1880 seine Genehmigung 
zur Annahme der rumänischen Krone. Mit regster Theilnahme 
verfolgte er die Angelegenheiten dieses Staates, und am Tage 
der Königsscier in Bukarest trank er im Ahnensaale seines Schloffes 
auf das Wohl seines Sohnes, König Karl. Kurz vorher hatte 
ihn der jüngste Sohn, Prinz Friedrich, durch seine Vermählung 
mit der Prinzessin Luise von Thurn und Taxis erfreut, und als 
er um dieselbe Zeit das fünfzigjährige Militärjubiläum beging, 
gab ihm Kaiser Wilhelm einen erneuten Beweis der Werthschätzung, 
hoher Achtung und Dankbarkeit. Der kaiserliche Wunsch, daß 
diesen fünfzig Jahren voll segensreichen Wirkens noch viele andere 
folgen möchten, sollte sich leider nicht erfüllen. Die Krankheit trat 
immer schlimmer auf, und schon im vorigen Jahre, bei Karl An 
tons goldener Hochzeit, zu der ihm der ehemalige Lehrer seines 
Sohnes Ferdinand eine treffliche Schrift gewidmet hat, war es 
ein trostloser Anblick, ihn gänzlich gelähmt im Rollstuhl zu er 
blicken. 
Erlösung von so schweren Leiden konnte ihm nur der Tod 
bringen, und am 2. Juni dieses Jahres hauchte er sein Leben 
aus. Diesmal waren die Kinder in Angst und Trauer herbei 
geeilt, denn der Bericht der Aerzte mußte ihnen sagen, daß sie 
den Vater auf dem Sterbelager erblicken würden. In allen pa 
triotisch-national gesinnten Kreisen rief sein Hintritt die schmerz 
lichste Theilnahme hervor. Mit Recht preist man seinen opfer 
willigen, national-deutschen Sinn und seine hohe, selbstlose, echt 
staatsmännische Denkweise. Dabei unermüdlich im Wohlthun, wo 
es galt, Noth und Bedrängniß zu lindern, ein Freund der Kunst 
und Wissenschaft, ein Förderer des Guten und Schönen, war er 
eine edle 'Natur von liebenswerthester Menschlichkeit. 
Einem Trauergottesdienst in der Stadtkirche folgte die Bei 
setzung in der Familiengruft. Die rumänische Dynastie Hohen 
zollern hat Karl Anton als ihren Stammvater, als ihren Ahn 
herrn zn verzeichnen, und unter ihm erreichte das schwäbische Haus
        
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