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Periodical volume 16. August 1885, Nr. 46

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Glanz zu vermehren; so findet man doch nicht, daß er so, wieder 
erstere, vorzügliche Köpfe besonders beehrte, ihnen Würden, Titel 
und Orden gab, bei seiner Person und am Hofe den Zutritt ver 
stattete, und dadurch, wie es in Paris geschah, ihr Genie mehr 
und mehr anfeuerte, sowie durch sie auch andere aufmunterte, ihre 
'Nachahmer zu werden und eben die Ehre zu erlangen, die so 
reizend und erhebend war, und oft mehr als baare Belohnung bei 
einem Manne von Gefühl wirkt. Am Preußischen Hofe galt damals 
Geburt und Rang mehr, denn Kunst und Wifienschaft, welche man 
diesen für untergeordnet ansah. Dies konnte denn nicht anders 
als niederschlagend für einen Meister in der Kunst sein, der es 
einsah, daß Schmeichelei mehr gelte, als sein Verstand. Eben 
dadurch (?) gelang es dem Eosander von Göthe, einen Schlüter zu 
stürzen, weil er sich als ein Edelmann mehr Anhang zu verschaffen 
wußte, leichteren Zugang bei dem Könige und den Großen des 
Reiches fand, selbst in Staatsangelegenheiten gebraucht wurde und 
also de» fleißigen Schlüter, der in seinem Beruf mit größter 
Emsigkeit arbeitete und dachte, auch weniger bei Hose erscheinen 
konnte, weder Schmeichler noch Speichellecker war, leicht verdunkeln 
und endlich ausstechen und stürzen konnte. Ohne dies als gewiß 
und wahr anzunehmen, wird es sich schwer begreifen lassen, wie 
dieser geschickte Mann, deffen Meisterwerke vor aller Augen dastanden, 
hätte in Ungnade bei dem König fallen können, und einem Neben 
buhler hatte weichen müssen, der ihm doch in der Kunst so weit 
nachstand. 
Aus den noch vorhandenen Sachen kann man leicht entdecken, 
daß die mehrere Bekannrwerdung der bildenden Künste sich auch 
auf die ihnen nahe stehenden Handwerker ausdehnte, und ihre 
Arbeiten, die noch vor uns liegen, verrathen schon mehr Sauber 
keit und beffern Geschmack, als die aus älteren Zeiten, die plump 
und unförmlich sind. Dies war schon ein großer Vortheil sür 
eine Residenzstadt, die im Begriff war, sich gegen andere große 
Städte zu messen und einen Werth zu behaupten. Die damaligen 
Berlinischen Kunstprodukte fanden auch außerhalb Beifall und 
Absatz. Der Adel verzierte seine Schlöffer und Wohnungen nach 
nnd nach damit, und verwechselte den gothischen und schwerfälligen 
Hausrath mit besseren Meubles, die sich dem neuern Geschmack 
näherten. Daß dies Einfluß auf Gewerbe und Erhaltung der Künstler 
und geschickten Meister haben mußte, ist wohl unleugbar; und 
dieser äußerte sich damals nur in dem Verhältnisse der Zeit und 
der inneren Kraft des Staates, welches man bei Beurtheilung der 
Produkte dieser Zeit ja nie aus den Augen verlieren muß. Man 
wirkte in Berlin Tapeten, auf welchen Vorstellungen aus der 
Mythologie und Geschichte angebracht waren, wozu man die besten 
Dessins, die man nur haben konnte, wählte. Man stickte mit 
lebendigen Farben auf eine so künstliche als mühsame Art, davon 
man noch hier und da in Familien Ueberbleibsel findet. Die 
Arbeiten der Drechsler, Tischler, Schlosser, Sattler, Stellmacher 
und mehrerer anderer Handwerker nahmen verbesserte Gestalten 
und gewähltere Ausführungen an, welche sie mehrcntheils nur allein 
der Kunst zu verdanken hatten, die sie dabei thätig unterstützte 
und ihnen richtigere Ideen mittheilte. 
Auch die Liebe der Unterthanen für ihren König, die sich aus 
so mannigfaltige Art und wiederholt zeigte, machte ihnen alles 
angenehm und werth, was auf ihn Bezug hatte. Wer es äußern 
wollte, daß er ein treuer und anhängiger Unterthan des Landes 
herrn sei, bemühte sich, in seiner Wohnung von ihm ein oder 
mehrere Abbildungen zu zeigen, und daher fand man solche überall, 
entweder in Gemälden oder in Kupferstichen sehr häufig. Diese 
Aeußerung vermehrte nun bald den Verdienst der Künstler nicht 
wenig, ob sich solche gleich nach den verschiedenen Klassen derer 
modisiziren mußten, welche ihnen in dieser Rücksicht zu thun 
gaben, und wie sie ihre Arbeiten bezahlen konnten. Hieraus ent 
stand aber so viel Gutes als Schlimmes, indem sich nun auch viel 
schlechte Künstler fanden, die für die niedrige Volksklaffe arbeiteten 
und des Unterhaltes wegen viele, aber auch elende Produkte 
lieferten; daher denn der Ausdruck: sür Ehre oder für Brod malen, 
gebräuchlicher wurde. Auch wurde es schon gewöhnlicher, die 
Wohnungen mit Kunstwerken, so gut solche ein jeder haben konnte, 
zu verzieren. Hierin folgte man allmählich dem Beispiele des 
Hofes, der davon einen beträchtlichen Vorrath besaß und damit 
die Schlöffer, wo er sich aufhielt, reichlich ausschmückte. Der König 
erhielt zu der großen Anzahl von Malereien, die er bereits besaß, 
noch eine beträchtliche Vermehrung aus der oranischen Erbschaft, 
aus welcher eine Menge der trefflichsten Gemälde, besonders von 
deutschen und niederländischen Künstlern, nach Berlin kamen, die 
man, ihrer Anzahl wegen, kaum unterzubringen wußte. Und da 
man auf dem Schlöffe zu Berlin dazu nicht den nöthigen Raum 
fand, so vertheilte man sie auf die übrigen königlichen Jagd- und 
Lustschlösser, aus denen nachmals die mehrsten verloren gegangen, 
geraubt oder in unnütze Hände gerathen und verderbt worden sind. 
Herr Nikolai hat in seiner musterhaften Beschreibung Berlins 
164 Künstler bekannt gemacht, welche unter dieser Regierung hier 
lebten; obgleich noch eine Menge aus der vorigen während 
derselben vorhanden waren, welche er dazu nicht gerechnet hat. 
Diese Zahl ist aber noch nicht vollständig, und sie ist noch größer 
wie man solches in einer noch zukünftig auszuarbeiten vor 
genommenen Kunstgeschichte des Vaterlandes zu zeigen gedenkt. 
Indessen, nur oben genannte Summe angenommen, so kann man 
sich schon daraus leicht einen Begriff machen, wie thätig die Kunst 
damals verhältnißmäßig gegen unsere Zeit und gegen die jetzige 
und damalige Größe und Ausdehnung der Residenz und der 
verschiedenen Summe von deren Bewohnern sein mußte. Es haben 
sich viele von den Arbeiten der damaligen Künstler erhalten, und 
stehen zum Theil vor Jedermanns Augen da. Ohnerachtet nun 
gegenwärtig Berlin sowohl an Grüne als an vielen und bemittelten 
Einwohnern zugenommen hat, so können wir dennoch nicht so viel 
Personen, so die bildenden Künste ausüben, aufzeigen, als es 
unsere Vorfahren konnten. Dies war also ein früher Beweis gegen 
diejenigen, welche behaupten, die Künste würden nur unter einem 
gewissen Grade oder Himmelsstriche reif, und die annehmen, daß 
in den nördlichen Gegenden von Europa kein Genie thätig 
sein könne. 
Unter den Baumeistern findet man geschickte Männer, unter 
welchen sich aber besonders Schlüter, den man mit Recht den 
nordischen Michel Angelo nannte, auszeichnete. Das umfassende 
Genie dieses Mannes zieht noch gegenwärtig die Bewunderung 
der Kenner, die seine Werke mit Nachdenken betrachten, auf sich. 
Man darf nur von der Bau- und Bildhauerkunst einen blos ober 
flächlichen Begriff haben, so wird man leicht in all den Arbeiten, 
die von ihm herrühren, reiche Empfindungskraft, den Stempel der 
edlen Größe und einer erhabenen Simplizität ausgedrückt finden, 
welche demohncrachtet der Prachtliebe entspricht, die man zu seiner 
Zeit durch ihn geschmeichelt wissen wollte, und die immer eine 
aufgelegte Richtschnur für ihn sein mußte. Es bleibt eine Frage, 
was dieser kräftige Mann hervorgebracht haben würde, wenn 
man ihm freien Willen gelassen hätte, »ach eigenen Ideen und 
Einsichten zu arbeiten. Gemeinhin wird er beschuldigt, daß er 
seine Gebäude, wie besonders das Berlinische Zeughaus, welches 
doch gewiß eines der schönsten und prachtvollsten in seiner Art ist, 
zu stark mit Veizierungen überladen habe. (?) Wenn dies auch be 
gründet sein sollte, so entschuldigt ihn hier der Trieb, den er noth 
wendig fühlen mußte, um seinem Herm gefallen zu wollen, in 
dessen Dienste er stand. Ein Fall, der sich, wie wir sehen, noch 
immer wiederholt und der alles zurückwirft, was die Vertheidiger 
der Regel und eines behaupteten guten Geschmacks dagegen aus 
bringen mögen. Und es ist zu glauben, daß, wenn es die Zeit 
umstände zugelaffen hätten, und Geld vorhanden gewesen wäre, um
        
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