Path:
Periodical volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 11.1885

61 
„Lebe wohl!" — Dann wendete sie sich zu mir: „Sie brauchen 
dem Herrn Pfarrer nicht mehr erkenntlich zu sein!" sagte sie. „Ich 
selbst habe ihn reichlich für seine Verschwiegenheit honorirt! Er soll 
fortan mein Gesellschafter sein und an meinem Tische esien; er soll 
mir endlich auch die Augen schließen!" — 
Das war der kurze Abschied für immer! Ich mochte ihn 
nicht verlängern; — stets bin ich ein Feind schwacher und weich 
licher Empfindungen gewesen! Bald darauf stiegen wir, freilich 
noch mit etwas beklommenem Herzen, in die Metzer Post ein, 
welche uns nach Paris bringen sollte. Allein unsere Liebe war 
allzu stark und zärtlich, als daß diese Traurigkeit lange hätte an 
halten können! — 
Wir kamen schnell nach Paris. Ich war zuerst darauf be 
dacht, eine männliche Kleidung für meine Frau zu besorgen. Sie 
zog die Uniform an, welche ihr sehr gut stand. Dann verließen 
wir zu Wagen mit all' unsern Sachen diese unsre erste Herberge 
und suchten ein zweites Quartier in einer völlig andern Stadt 
gegend. Bald waren auch die Handwerker gefunden, welche nach 
meinen Maßangaben die Unisormstücke für einen angeblich abwesen 
den Kameraden von mir arbeiteten. — 
Allein Marguörite war sehr ungeduldig zu erfahren, wie meine 
Eltern sie als meine Gattin aufnehmen würden; sie langweilte sich 
daher in Paris trotz all' des Ueberflusses von Zerstreuungen und 
Vergnügungen^ welche die Saison mit sich brachte. Ich mußte 
endlich der geliebten Gattin willfahren, und wir machten uns 
reisefertig. Ich kaufte eine bequeme und schnelle Postchaise; aber 
meine Frau war an das eilige Fahren nicht gewöhnt; wir konnten 
täglich mit Rücksicht auf sie nur 20 Lieues zurücklegen. Nach sechs 
Tagen aber kamen wir bei meinem Oheim, dem Bischof Nomond 
an, der sich nicht träumen ließ, daß ich ihm eine Nichte mit 
brachte. Ich stellte meine Frau auch nur als einen meiner Freunde 
von meinem Regimente vor. 
Es befanden sich damals aber grade zwei meiner Cousinen bei 
dem Bischöfe von Montauban auf Besuch. Sie waren von dem 
„Chevalier von Athis" entzückt; — denn also nannte sich meine 
Frau, die ihren Namen nicht hatte ablegen wollen. Die ältere 
meiner Cousinen faßte eine Leidenschaft für diesen schönen Offizier! 
Der Chevalier bemerkte diese Zuneigung sofort bei ihrer Ent 
stehung. Er sprach mir von derselben. Da wir jeden Hebel an 
setzen mußten, um unsere Sache zu fördern, so rieth ich dem vor 
geblichen Herrn von Athis, die Leidenschaft meiner Cousine für 
ihn zu nähren. 
So spielte denn auch der Chevalier den Liebenden; ja, er 
wagte es, meiner Cousine sein Herz zu eröffnen. Das Fräulein 
von Nömons antwortete ihm, sie sei in hinreichendem Maße die 
Herrin ihres Herzens, um ihn wieder zu lieben; aber nicht die Mei 
sterin ihres Geschickes. Sie könne ihm also nichts versprechen, 
ehe sie nicht die Einwilligung ihrer Verwandten zu einer Verbin 
dung mit ihm hätte. Diese aber hoffe sie dereinst sicher zu er 
langen! 
Die Komödie der Irrungen war also eingeleitet! Nach 
einigen Tagen reisten wir nach meiner Heimath ab; mein Oheim 
und seine ältere Nichte begleiteten uns. Die Verfügung über die 
Fräuleins stand zumeist in seiner Hand. Meine Cousine aber 
liebte ihren Chevalier zu zärtlich, um sich sobald von ihm zu 
trennen! 
Und nun möge man sich vorstellen, mit welchen Empfindungen 
ich in den Schooß meiner Familie zurückkehrte, welche ich vor fünf 
Jahren verlassen hatte! Welch hohe Freude! Welche Thränen der 
Wehmuth aber auch und wie innige Umarmungen! Mein lieber 
Chevalier wurde gleichfalls sehr herzlich und höflich empfangen; 
mein Vater besonders war bezaubert von ihm, als hätte er das 
wahre Geschlecht meines angeblichen Kameraden durch die verklei 
dende Hülle erkannt! 
In der ersten Zeit unterhielten wir uns natürlich nur von 
meinem Regimente und meinem Dienste, sowie über die Belagerung 
von Namur, über die hohe Protektorin unseres Hauses, die Frau 
Maintenon u. s. w. Mein lieber Chevalier hatte fteilich Befferes 
zu thun, als mir zuzuhören! Während ich erzählte, traf er mit 
meiner Cousine zusammen, welche er ganz für sich einnahm. Wie 
stets, fanden sich auf unserm Schlöffe die Edelleute der Nachbar 
schaft zusammen. Bald hatte meine Cousine daher Mitbewerbe 
rinnen um die Liebe des vorgeblichen Chevaliers. Diesem aber 
war es nur darum zu thun, ihre Zuneigung zu ihm noch inniger 
werden zu lassen. So that denn der Chevalier, als bemühe er 
sich auch um andere Damen, namentlich um ein reizendes Fräulein 
von Tallouit, welche für die schönste und geistreichste Dame der 
Provinz galt. Meine Cousine bemerkte dies; sie ward eifersüchtig 
und tiesbetrübt. Da brachte der Chevalier, um ihre Leidenschaft 
noch zu verstärken, ihr ein anscheinend großes Opfer: er gab all' 
die andern Damen auf! Durch diese zarte Rücksicht hatte er ihr 
ganzes Herz gewonnen! 
Mein Oheim, der schon früher wieder nach Montauban heim 
gekehrt war, rief nach 14 Tagen meine ältere Nichte zurück; sie 
mußte diesem Ruse folgen. Der Abschied von dem Chevalier 
kostete viele, viele Thränen; — aber man tröstete sich mit einem 
baldigen Wiedersehen. 
Es ward jetzt etwas stiller in meinem väterlichen Schlosse. 
Eines Tages nahmen wir daher, mein lieber Chevalier und ich, 
den Jagdhund an die Leine und ergriffen die Gewehre, um Reb 
hühner zu schießen; in Wahrheit aber flogen wir nur darum aus, 
um uns endlich einmal ftei und offen mit einander zu unterhalten, 
was wir bei dem Zusammenströmen so vieler Menschen nicht ver 
mocht hatten. Anstatt in den Wald zu gehen, wie weniger ver 
ständige Liebende vielleicht gethan hätten, um ihre Leidenschaft dem 
Echo anzuvertrauen, welches dieselbe nur zu oft verräth, durch 
eilten wir nur Brachen und Stoppelfelder, wo wir sicher sein 
konnten, ohne Zeugen zu bleiben, und behielten Alles im Auge, 
—vermieden Alles, was uns hätte verrathen können! Dort, bald 
ruhend, bald gehend, sprachen wir von der hoffnungslosen Leiden 
schaft meiner Cousine, welcher zum Ueberflusse noch ihr Geschlecht 
die unbedingte Pflicht der Schweigsamkeit auferlegte. „Bei ihrer 
Abreise," schloß mein lieber Chevalier, ein klein wenig wehmütig 
lächelnd, „habe ich ihr versprechen müffen, ihr Nachrichten von 
meiner Familie und von meinen Vorfahren zu geben. Nicht wahr, 
Geliebter; — solche Dinge sind von Wichtigkeit auch für uns 
und für die Veröffentlichung unseres Heczensbundes?" 
Entzückt über die Anmuth, welche Marguörite in allen Din 
gen entfaltete, bekannte ich ihr, daß auch ich bereits meinen Eltern 
gestanden hätte, eine Herzensangelegenheit beunruhigte mich sehr, 
doch habe ich noch keinen Namen genannt. Meine Eltern hatten 
mir versprochen, Alles zu thun, was nur irgendwie zu meinem 
späteren Glücke in Beziehung stände und daffelbe begründen könnte. 
„Glück aus!" rief Margusrite mir zu, mich herzlich umarmend. 
„Und nun ftisch auf zur That! Nutzen wir die düstere Zeit von 
Herbst und Winter, damit unser Glück gekrönt werde, wenn der 
Lenz einzieht, gekrönt werde, noch ehe Du die Waffen wieder 
tragen mußt!" 
Es galt also vor allem, meiner Familie das Zugeständniß 
abzunöthigen, daß die Verbindung der Häuser Gentil de Langallery 
und Athis möglich und nicht unehrenvoll für uns sei. Wohl fühlte 
ich, daß die Zeit kostbar war und daß wir sie zu nutzen hätten. 
Allein, — ich schäme mich nicht, dies zu gestehen: ich fand nicht 
den rechten Muth zu einem Geständnisse. Und wenn ich mir auch 
fort und fort sagte: „Die Athis du Fay sind eines der edelsten 
Häuser der Champagne!" so klang es mir dem gegenüber immer 
wieder ermuthigend zu: „Die Gentils de Langallery haben ander 
Blut! Welch Haus im Engoumais und in Saintonge ist ihnen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.