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Volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Euclides gewesen!" — „Ich bitte einzutreten!" fügte sie hinzu. 
„Es handelt sich drinnen zwar um eine Ehe; aber die Liebe 
wird darum aus derselben gewiß nicht entfliehen! Amor soll 
kein Grab, sondern eine rosengeschmückte Lagerstatt bei uns finden! 
Mit frischen, blühenden Myrthen hat er uns den Pfad bestreut! 
Sehen Sie nur! Mit Blumengewinden schmückt er heut selbst jene 
düsteren Cypressen!" 
„Ja, der holde Gott schützt heimliche Liebe!" erwiderte ich. 
„Er wird unser Schicksal segnen, Königin meiner Seele!" Doch die 
Tante hatte uns bereits gehört; sie kam uns entgegen und führte 
uns in das Zimmer, in welchem der Geistliche unserer schon wartete. 
Wir verloren die Zeit nicht mit unnützen Worten. Der 
Pfarrer überdem war kein Mann von Komplimenten; er schritt 
sogleich zur Sache! Ohne Umstände siagte er mich, wer ich wäre. 
Ich hatte einen meine Geburt und Herkunft bescheinigenden Aus 
zug aus dem Taufbuche meiner Heimath bei mir. Der Geistliche 
las ihn zuerst für sich und las ihn dann laut der Tante vor. Als 
dieselbe die Namen meiner Eltern hörte, zeigte sich eine hohe 
Freude auf ihrem Antlitze. Adelsstolz, wie sie selbst war, hätte sie 
ihre Nichte lieber dem ärmsten Edelmann als den reichsten Ge 
werbebetreibenden gegeben. Sie fragte nicht nach meinem Ver 
mögen; mein Stand galt ihr Alles! 
Auch dem wackern Pfarrer hatte ich gefallen. Er erbot sich, 
sogleich nach Verdun zu gehen, um das Aufgebot zu bestellen und 
den Dispens seiner Oberen zu erbitten. Wir verschoben das in- 
desien bis auf den folgenden Tag; der Geistliche blieb den Nach 
mittag über bei uns. Am nächsten Morgen verließ er uns. 
Ich durste bis zu seiner Rückkehr auf dem kleinen, zierlichen 
Schlosse verbleiben. Es war für mich der angenehmste Aufenthalt 
und die schönste Zeit, welche ich je verlebt habe. Tag für Tag 
und Stunde um Stunde sah ich ja den Gegenstand meiner Liebe! 
Nur, wenn die Theure in die Arme des Schlafes sank, verlor ich 
sie aus den Augen. — Welch' wonnige Tage! — 
Meine Geliebte legte wohl selbst manch' ein Mal im Haus- 
halte die Hand mit an! Dann sprach mir die Tante von ihren 
Verhältnissen: „Ich besitze zwar nur dies kleine Landgut," sagte 
sie, „auf welchem ich die Ehre habe. Sie zu empfangen; aber ich 
habe beträchtliche Summen für meine Nichte erspart! Ich bin er 
freut, daß sie einen wackern Edelmann heirathet!" — Sie konnte 
mir dann die Vorzüge Margusritens nicht beredt genug schildern, 
und von ganzem Herzen stimmte ich ihr bei. 
„Werden Sie glücklich!" so schloß sie. „Für die Geheimhal 
tung der Ehe aber stehe ich Ihnen! Ich weiß, was der Zorn einer 
Patronin, wie der Frau von Maintenon zu bedeuten hat." — 
An einem der folgenden Tage kam der Priester zurück; die 
Freude strahlte ihm aus den Augen. „Vivat!" rief er aus. 
„Ich hab' die Papiere in der Tasche!" Er hatte uns Dispens 
von dem öffentlichen Aufgebote — mit gutem Gelde natürlich — 
erkauft. „Es ist Alles in Ordnung!" sprach er sodann und brei 
tete die Papiere vor mir aus. „Das verhilft Ihnen zum Besitze - 
des gnädigen Fräuleins!" — Ich las die Papiere durch, konnte 
aber meinen Namen nicht wiedererkennen, obwohl ich ihm den 
selben doch deutlich genug aufgeschrieben hatte. Ich sagte: „Der 
Sekretair des Bischofs hat meinen Namen aber sehr unleserlich 
geschrieben!" — „Sie täuschen sich!" erwiderte er. „Ich selbst 
habe ihm die Orthographie angegeben, welche Sie dort stehen 
sehen! Wie wär's geworden, wenn ich „Langallery" geschrieben 
hätte? Der Name ist in Frankreich allbekannt! Sie aber wollen 
Ihre Ehe geheim halten! Ich habe also „Lanry" geschrieben! 
Das Wörtlein „Galle" können sie einschieben wenn es Ihnen 
beliebt; — doch möge es aus Ihrer Ehe stets ferne bleiben!" 
Ich billigte lächelnd die Vorsicht des trefflichen Greises und 
beruhigte die erregte Tante über diese eigenthümliche Art von 
Svncope, die vorgefallen war! — 
So konnte also im Jahre 1675 unsere Eheschließung statt 
finden. Der Geistliche gab uns den Segen. Ach leider! — der 
selbe sollte uns nicht lange schützen! Da ich nie zuvor geliebt 
hatte, war ich der Glücklichste der Sterblichen, als ich nun meine 
Theure besaß! An die Zukunft dachte ich nicht! Ich fürchtete 
nichts; — ich hatte in meinem Glücke auch nichts mehr zu hoffen! 
Doch erzähle ich weiter! — 
Ich hatte an dem Orte meiner Zurückgezogenheit hinterlaffen, 
man möchte mir meine Briefe nach dem Schlöffe der Madame du 
Fah, jetzt meiner lieben Tante, nachsenden. Nach einiger Zeit traf 
unter diesen Briefen ein Schreiben von meinem Obristlieutenant 
ein, welches mir rieth, ich möchte mich nach dem Engoumais be 
geben, da unser Regiment für den Kampf in Catalonien bestimmt 
sei, ich also in meiner Heimath demselben ganz nahe wäre. Da ich 
dem Kommandeur meine Verheirathung schließlich doch verheimlicht 
hatte, so konnte ich ihn zu meiner Freude jetzt ohne Anstand um 
Geld angehen. Ich bat ihn also um 50 Pistolen; dann eilte ich, 
daß ich in mein Asyl zurückkam. Meine Vorsicht war auch durch 
aus wohlangebracht; denn kaum war ich in meinem Asyle ange 
langt, als ein Kammerdiener erschien, um mir die verlangte Summe 
zu zahlen. Derselbe brachte auch einen noch nicht verschloffcnen 
Brief meines Kommandeurs an meinem Vater mit, in welchem ich 
die Einzelheiten meines Streites mit dem gefallenen Kapitäne 
aufgezeichnet fand. Der Brief war durchaus zu meinem Vortheile 
verfaßt. Ich durfte mit ihm daheim und bei meinem Oheim 
Nömond einen guten Empfang erwarten! 
Wie mochte man aber zu Hause über meine Ehe denken? — 
Doch gleichviel! — Ich war fest entschloffen, meine Gemahlin 
mitzunehmen, und hatte sie auch bereits auf die Trennung von 
ihrer geliebten Tante vorbereitet. Jetzt aber hielt ich mich wieder 
ein klein wenig zurück! Ich sprach meiner Gattin zunächst nur von 
meiner eigenen Abreise. Sie war darüber im höchsten Maße be 
stürzt. „Wie?" erwiderte sie. „Sie erwähnen meiner mit keiner 
Silbe? — Wollen Sie ohne mich reisen? Bin ich Ihnen schon so 
gleichgültig geworden, daß Sie ohne mich leben können? Wiffen 
Sie nicht, daß es eine tödtliche Wunde für mich sein würde, 
welche Sie mir dann zufügen, wenn Sie allein reisen?" Das 
aber sagte sie ernst und fest, ohne sich im Geringsten des rührenden 
Mittels der Thränen zu bedienen. 
Ich wußte nun, daß ich eine andere Sprache mit ihr zu reden 
hatte; — ich hatte dies Herz genügend geprüft! „Glauben Sie," 
fragte ich lächelnd, „ich könnte wirklich so unbeständig und thöricht 
sein, um für diese Reise jene Hand zurückzuweisen, welche ich mir 
für mein ganzes Leben mit so glühendem Eifer erbeten habe? — 
Nein, Theuerste, ich laffe Dich nicht; — mir fehlt die Ruhe und 
das Glück, sobald ich nicht in diese holden, edlen Züge blicke!" — 
Wie aber nun, wenn meine Eltern meine Heirath miß 
billigten? — Ich mußte ein Mittel suchen, jeder Unannehmlichkeit 
zuvorzukommen, und bald war daffelbe auch gefunden! — „Sie 
begleiten mich," so schlug ich ihr vor, „in Frauenkleidern nach 
Paris! Dort aber ziehen Sie die Uniform an und bleiben bei 
mir als einer meiner Kameraden, bis ich eine günstige Gelegenheit 
gefunden habe. Sie bei den Meinen zunächst als Freund und 
dann als meine Gattin einzuführen!" Meine Gattin lachte an 
fangs, billigte aber endlich meinen Plan ganz und gar! 
So hatte ich denn nun meine Maßregeln zu treffen! Beim 
Regimente hatte ich noch 500 Franks zu stehen; der Zahlmeister 
schickte mir mit Avance auf das Winterhalbjahr deren 600; die 
gute Tante aber schenkte mir eine Börse mit 200 Pistolen und meiner 
Gattin eine mit 100. „Sie sind mein Schatzmeister und Wirth- 
schafter!" sprach lachend meine Frau und übergab mir das Geld. 
Es kam nun zum Scheiden. Die Frau du Fay übergab meiner 
Gemahlin ein nach allen Regeln des Gesetzes versiegeltes Packet. 
„Das ist Deine Erbschaft!" sprach sie mit Thränen in den Augen.
	        
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