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Periodical volume 1. August 1885, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Die Stadtverordneten aber lehnten das Projekt ab. Ebenso, 
unterm 20. April 1826 einen Antrag des Kuratoriums der städti 
schen Rathswaagen, den Land-Heumarkt aus der Spandauer- 
straße hierher zu verlegen. Dieselben motivirten ihren Antrag damit, 
daß, da die Erbauung einer Schnellwaage beliebt worden, die 
Wirkung und Zweckmäßigkeit einer solchen Anstalt am besten auf 
dem begehrten Platz erprobt werden könnte. Denn hier sei die 
größte Benutzung am wahrscheinlichsten, weil durch die nahe ge 
legenen Thore das meiste Heu eingeführt werde. 
Unter diesen Umständen hielt der Magistrat die Durch - 
legung der Schießgasse über das ehemalige Kirchhofsterrain 
am gerathensten. Er theilte den Stadtverordneten unterm 23. Fe 
bruar 1828 mit, wie er dies Projekt durch Zeichnung von frei 
willigen Beiträgen der Ausführung näher gebracht habe. Außerdem 
erklärte der Stadtrath Keibel sich bereit, sämmtliche Unkosten zur 
Eröffnung der Passage aut so lange vorzuschießen, bis dieselben 
durch die freiwilligen Beiträge gedeckt sein würden. In Folge 
dieser Offerte konnte dann die bisherige Sackgasse, von welcher 
aus die direkte Kommunikation mit der Alten Schützenstraße nur 
erlaubnitzweise über das Strumpfwirker Rauch'sche Grundstück zu 
ermöglichen gewesen, noch in jenem Jahre eröffnet werden. 
Zwei Jahre später erfolgte dann die Errichtung des Schul 
gebäudes (Nr. 31 und 32), und 1834 bewilligte der König aut 
Antrag der Kirchenbehörde, als Entschädigung für das seiner Zeit 
zum Exerzirhausbau entzogene Kirchhofsterrain, die Summe von 
2034 Thlrn. 11 Gr. 3 Pt. 
Anno 1835 petitionirten die dortigen Anwohner, mit Rück 
sicht aus die Verdienste Keibels, der Gasse den Namen „Keibel- 
straße" beizulegen. Das Gesuch wurde vom Ministerium abge 
lehnt, „weil dergleichen Vorschläge zur Veränderung von Gassen- 
in Straßennamen Allerhöchsten Ortes unberücksichtigt geblieben 
seien". Eine zweite Petition im Jahre 1845, die Gasse wenigstens 
in eine „Schieß-Straße" umzuwandeln, hatte dasselbe Schicksal. 
Diesmal aus dem Grunde, weil die Hausbesitzer sich nicht bereit 
finden ließen, für die Verbesserung des Zustandes dieser Gaffe 
etwas Erhebliches zu thun, insbesondere die zur Trottoirlegung 
erforderlichen Mittel nicht zusammen gebracht hätten. 
Die Petenten ließen sich dadurch nicht abschrecken; sie gaben 
ihrem Bittgesuche, 1857, einen patriotischen Anstrich und glaubten 
so des Erfolges sicher zu sein. „Blücherstraße" sollte die 
Schießgasse fernerhin heißen. Da kam der niederschlagende Bescheid: 
Die Theilnahme der Kurfürstin Elisalreth vei 
Vor kurzem wurde im „Bär" der Vorschlag erwähnt, in 
Spandau dem Kurfürsten Joachim II. ein Denkmal zu setzen, zu 
deffen Enthüllung der 350. Jahrestag der Einführung der Re 
formation in der Mark ausersehn werden sollte. Dieser Mit 
theilung wurde eine Beschreibung der kirchlichen Feier am 1. No 
vember 1539 beigefügt und dabei besonders die Thätigkeit der 
Mutter des Kurfüsten, der glaubenstreuen und energischen Gemahlin 
Joachim's I. hervorgehoben, Elisabeth, einer geborenen Prinzessin 
von Dänemark. Die Anwesenheit derselben, die in den meisten 
Büchern als erwiesen angesehen wird, hat auch der Herausgeber 
der urkundlichen Geschichte der Stadt und Festung Spandau an 
genommen, wie aus dem Wortlaute des damals zum Abdruck ge 
brachten Auffatzes hervorgeht. Der Umstand, daß die Kurfürstin 
mutter Elisabeth bei dem Uebertritt in Spandau zugegen gewesen, 
wird nun von anderer Seite bestritten, weshalb in Folgendem 
einige Anmerkungen zum Abdruck kommen, die aus den Original 
studien des Zahlmeisters Julius Schmidt in Spandau zur Ver 
fügung gestellt worden sind. 
Demzufolge hätte nicht im Jahre 1528 sondern schon am Oster 
feste 1527 die Kursürstin Elisabeth sich das Abendmahl in 
' für einen so ruhmwürdigen Namen sei die Schießgasse 
nicht bedeutend genug. 
Nun wurde nach Jahresstist der Name des verstorbenen 
Oberbürgermeisters Bärensprung in's Feld geführt. Das Polizei- 
Präsidium verwarf auch eine „Bärensprung-Straße", weil 
sie zu schwierig und im Verkehr zu unbequem auszusprechen sei. 
„Schulstraße," wie fünftens mit Bezug auf die 84. Gemeindeschule 
in Vorschlag gebracht wurde, erfreute sich gleichfalls keiner Berück 
sichtigung, sintemal bereits auf dem Wedding eine solche existirte. 
Endlich fühlte das Polizei-Präsidium ein menschliches Rühren, 
indem es den zuerst gemachten Vorschlag beim Ministerium befür 
wortete, worauf denn auch der damalige Prinz-Regent, durch 
Kabinetsordre ä. 6. London, 24. Januar 1858 den Namen 
„Keibelstraße" sanktionirte. 
Keine zweite Straße resp. Gaffe Berlins hat bei der Namens 
taufe mit gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt! Freilich 
begann damals zuerst die Neigung sich zu äußern, für das althoch 
deutsche „gazza“ (gasse, Gate) das tönendere Wort „Straße" 
eingeführt zu sehen, welches die Römer zuerst als „via atrata" auf 
die großen Heerwege anwendeten. Während die süddeutschen 
Städte der heimischen Gasse meist noch treu verblieben, folgten 
die norddeutschen dem Zuge civilisatorischer Zcitregungen, ohne 
Bedauern, einem Stück guter alter Volksschöpfung Lebewohl sagen 
zu sollen. Die früheren, bescheideneren Tage versanken in die 
Grabkammer der blaffen Erinnerung — man wollte nicht mehr in 
einer Gasse wohnen, und beschwor daher Erde und Himmel, 
Magistrat und Majestät, die Gaffen als Straßen zu tituliren, 
wenn solche dadurch auch nicht länger und breiter wurden, auch 
eben so wenig die gerühmte „Weisheit auf der Gaffe" den Umzug 
in die Straße mitmachte. 
Das ehemalige Exerzirhaus diente demnächst zur Aufbewah 
rung der Koulisien des (alten) Königstädtischen Theaters, später und 
noch jetzt als Lagerraum für Wolle. 
Beim Fundamentbau der Häuser Nr. 16—18 in der Schieß- 
gaffe wurde, 1840, eine große Menge von Gebeinen aufgefunden, 
und in sieben Särgen nach dem Kirchhof am Prenzlauer Thor 
übergeführt. Zwei Jahre später stieß man im Baugrunde des 
Hauses Nr. 20 ebenfalls auf menschliche Ueberreste, die mittelst 
Leichenwagen derselben Friedhossstätte zugeführt wurden. 
Es war der letzte „Zug des Todes", welcher an den ehe 
maligen „Schützenkirchhof" erinnerte. 
Einführung der Reformation in der Mark. 
beiderlei Gestalt reichen laffen. Ihre Flucht nach Sachsen be 
werkstelligte sie in der Nacht vom 24. zum 25. März 1528, während 
der Abwesenheit ihres Gemahls, der am 24. März nach Braun 
schweig abgereist war. Sie lebte demnächst am sächsischen Hof 
lager in Torgau, Wittenberg und Weimar. — Nicht Johann der 
Standhafte, der im Jahre 1532 starb, sondern erst sein Sohn 
und Nachfolger Johann Friedrich hat der Kurfürstin — im Jahre 
1536 — das Schloß Lichtenberg zum Wohnsitz einräumen lassen. 
Also wird der Verkehr der Kurfürstin mit Luther vornehmlich in 
die Zeit ihres Aufenthalts in Wittenberg zu setzen sein. Daß sie 
auf dem Kurfürstlichen Schlosse in Wittenberg gewohnt hat, kann 
aus einem Schreiben von ihr an ihre Söhne vom 26. September 
1534 mit Sicherheit gefolgert werden. 
Die Kurfürstin soll gleich nach dem Tode ihres Gemahls 
(11. Juli 1535) durch ihre Söhne in die Mark Brandenburg 
zurückgeholt sein. Hier muß ebenfalls eine Berichtigung eintreten. 
— Noch im Jahre 1544 bittet Joachim II. seine Mutter, deren 
Rückkehr er bis dahin vergebens erstrebt hatte, sie möge doch 
wenigstens ihn und seine Familie einmal in der Mark besuchen. In 
Folge der abschläglichen Antwort hierauf reiste der andere Sohn,
        
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