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Volume 1. August 1885, Nr. 44

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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ehe ich mich dessen versehe. Doch wirklich explosiver Sand und 
Kies wäre für alle Handelsbörsen ein erwünschter Artikel. Der 
Boden damit bestreut, triebe die Aktien in die Höhe" u. s. w. 
u. s. w. Infolge dieses sich täglich wiederholenden Vortrags, 
wurden von seinen Tischgenossen oft ansehnliche Wetten entrirt, 
zumal, wenn jemand an der ewigen Wiederholung zweifelte und 
sich solche Gäste einfanden, die den Sonderling nicht kannten. 
Daß er stets ein schallendes Gelächter verursachte, wenn „Pulver- 
macher" und „Stübbeken Staub", wie er schlechtweg ge 
nannt wurde, mit den Worten begann: „Die Naturgeschichte hat 
uns bis jetzt gelehrt" u. s. w. braucht wohl nicht erst gesagt zu 
werden. Auch „Pulvermacher" ging heim zu den Vätern und 
ward zu Staub. — „Vater Blücher", so genannt wegen seiner 
stappanten Aehnlichkeit mit dem weiland Feldmarschall Blücher, 
war früher Fabrikbesitzer und läßt es sich in ganz eigenthümlicher 
Weise angelegen sein, ärmere Mitmenschen seines Stadtbezirks zu 
unterstützen. Wenn nämlich im Herbst „der Wind über die Hascr- 
stoppcln geht", dann kaufte „Vater Blücher" circa fünfund 
zwanzig junge Gänse. Dieselben mästete er, schlachtete sic und die 
Federn ließ er sorgfältig sammeln. Die Hälfte der geschlachteten 
Vogelleichen ließ er pökeln und räuchern, die andere Hälfte ver 
zehrte und verschenkte er zum Theil. Aus den Federn ließ „Blücher" 
Betten stopfen, die er stets armen Wöchnerinnen seines Stadtbezirks 
schenkte. Diesem Geschenk fügte er noch großmüthig ein Stück 
Gänsepökel- oder Rauchfleisch hinzu. Auch „Vater Blücher" 
ging zur großen Armee ein und bin ich gewiß, daß ihm manche 
stille Thräne nachgeweint wurde. 
Adam Löffler. 
Ein verschollener Kirchhof in Berlin. 
Von iffnifiniinif fllpijrr. 
Die Welt treibt fort ihr Wesen, 
Die Menschen kommen und geh'n 
Als wärest Du nie gewesen — 
Als wäre nichts geschehen! 
v. Eichendorff. 
Bevor wir einst zu den Schlußsteinen des irdischen Daseins 
gelangen, welches Gcwoge in diesem Treiben hin und her! Gleich 
denen des Meeres, sind es auch hier dieselben Klippen, ist cs das 
selbe Versinken und Scheitern oder Gewinnen des sicheren Hafens. 
Die Geschichte aber beobachtet schweigend den rastlosen Kamps, 
und verzeichnet dasjenige, was von Bedeutung in die Erscheinun 
gen der Zeit eingreift; sie läßt die Sinkenden sinken, „als wären 
sie nie gewesen"; doch die von der Welle Gehobenen, die dem 
Hafen der Anerkennung sich Nähernden verzeichnet sic in ihrem 
Buche, und ihr Andenken sinkt nicht mit ihnen in die Gruft. 
Ein pulsirendes Leben breitet sich in dem Häusermeere der 
Stadt auch über den stillen Todtenkammern aus, welche der stets 
aufbauenden, doch auch stets wieder vernichtenden Zeit vor nun 
mehr scchszig Jahren anheimgefallen sind, — auf der einst weit 
umfriedeten Stätte, aus welcher Berlin einige seiner edelsten und 
berühmten Männer bestatten sah ... . 
Als das Bedürfniß nach einer neuen, vereinten Begräbniß- 
stätte der Nicolai- und Mariengemeinde*) sich geltend machte, 
wurden die Kirchen - Ministerien unterm 26. Mai 1708 bei König 
Friedrich dem Ersten vorstellig: 
„Da wir denn so viel befunden, daß weil cs die unumgäng 
liche Nothwendigkeit erfordert, für die durch Gottes Segen täglich 
sich vermehrenden Einwohner der Residenzstadt Berlin und deren 
Gesinde und Leute annoch einen Platz zu deren Begräbnißplatz zu 
widmen, kein bequemerer Ort denn etwa der Schützenplatz zu be 
kommen; angesehen derselbe ganz nahe bei der Stadt gelegen, ein 
fein ebener und auf beiden Seiten mit Gärten wohlverschlosscner 
Platz ist, daß man hoffen darf, auch die Bürger selbst und auch 
Vornehmere werden ihre Grabstellen daselbst erwählen. Dahin 
gegen wir der Schützengilde versprochen, ihr hinwieder zum neuen 
Schützenplatz von des Schlächter Schäfer's Acker, so nahe bei 
der Otto'scheu Schäferei belegen**), einen Platz von 56 Quadrat- 
ruthen Länge und 17'/« Quadratruthcn Breite zu geben, solchen 
neuen Platz aus Kirchenkosten mit einem tüchtigen Zaun zu um- 
geben, die zwo alten Schießmauern von dem alten Schützcnplatz 
*) Der älteste Kirchhof derselben umgab die Nicolai- und Marien 
kirche, an deren Außenwänden die Epitaphien uns noch jetzt ein „memonto 
mori“ zurufen. 
**) Auf dem heutigen Terrain Nr. 1—12 der Neuen Königsstraße. 
, wegzunehmen und dergestalt, wie selbige gewesen, wieder auszu- 
! richten; imgleichen das Schießhaus vom alten Schützenplatz abzu- 
j brechen, auf den neuen hinwieder zu setzen, und solches unten mit 
einer Wohnung für den Kastellan und oben mit einem Saale zu 
^ vermehren; wobei die Schützengilde sich auf dem alten Schützen- 
platze das alte Schankhaus nebst allen Gerechtigkeiten vorbehalten"*). 
Der Antrag wurde mittels Kabinetsordre vom 25. Juli des 
selben Jahres genehmigt, und der alte Schützenplatz zum 
Kirchhof für beide Gemeinden hergerichtet. 
Die Geschichte dieses Platzes — ehedem zwischen den alten 
Heerstraßen nach Bernau und Prenzlau gelegen, welche letztere am 
Treffpunkte der heutigen Keibel- und Alten Schützenstraße im Bogen 
über die spätere Prenzlauer-Straße hinweglief — führt uns nach 
weisbar in die Zeit des Kurfürsten Johann Sigismund zurück, 
der der Verlincr Schützcngildc, deren älteste bekannte Urkunde 
aus dem Jahre 1504 dalirt, den Platz schenkte. 
Der auf demselben hergerichtete Friedhof, gemeinhin „Alter 
Schützenkirchhof" genannt, erstreckte sich, von der Alten Schützen 
straße aus, in einer keilförmig sich ausdehnenden Breite von 150 
bis zu 270 Fuß zwischen den mittlerweile entstandenen Hausgärten 
der Bernauer (Neue Königs-) und denen der Prenzlauer-Straße 
hin. Seine Länge betrug 630 Fuß. Doch bereits im Jahre 1726 
wurde das Kirchhossterrain durch den Ankauf eines Landstückes 
von 77 Quadratruthen, für 90 Thaler, vergrößert und auf dem 
selben der „Kleine Schützenkirchhof" für die Eximirten und 
deren Erbbegräbnisse hergerichtet. Man umhegte ihn mit einem 
Gitter, während der übrige Theil zur Bestattung der Armen und 
„Freilcichen" diente. 
Der Eingang zu den beiden Bcgräbnißplätzen befand sich in 
der Schützenstraße. Von dem „Kleinen Schützenkirchhof" aus lief 
die „Schießgaffe", welche hier eine Sackgasse bildete, über die seit 
1695 durchgelegte „Mudrichsgaffe" (jetzige Wadzeck - Straße) nach 
dem neuen Schützenplatz an der „Neuen Schützenstraße", wie die 
Linienstraße von der Neuen Königs- bis zur Prenzlauer-Straße 
damals hieß. 
Die Ruhe dieses Friedhofes sollte bald gestört werden. Unterm 
17. März 1729 beschwerte der Kirchenrath sich beim Magistrat, 
daß die N'achbarn noch immer sich unterstünden, Thorwege und 
Thüren irach dem Kirchhofe zu öffnen und eine freie Passage über 
*) Der alte „Schützcnkrug" lag in der Alten Schützenstraße Nr. 37, 
Ecke der Neuen Königstraße. Anno 1637 zum Lazareth für Pestkranke 
eingerichtet, wurde er 1650 für die Gilde neu erbaut, wozu der Große 
Kurfürst die Kalksteine bewilligte und zugleich bestimmte, daß nur noch 
mit Büchsen nach der Scheibe und den drei Vögeln geschossen werden sollte
	        
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