Path:
Periodical volume 1. August 1885, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 11.1885

622 
besteht aus deutsch-resormirten eingewanderten Pfälzern, die früher 
zur Gemeinde Eberswalde gehörten und 1848 beziehungsweise 1857 
mit den Rsfugies vereinigt sind und zwar so, daß sie in alle Rechte 
und Pflichten französischer Koloniegemeinden eingetreten sind, auch 
deren Bekenntniß, Kultur und Verfassung angenommen haben. 
Der Prediger soll stets französischer Abkunft sein. Aber diese Ver 
einigung scheint doch nicht sehr zur Erhaltung der stanzösisch-reformirten 
Gemeinde zu dienen, denn oben ist schon bemerkt, daß der Einfluß 
der Deutsch-Reformirten so stark ist, daß sie den für die Franzosen 
so wichtigen Tag des Edikts von Potsdam nicht feiern. Ferner 
hat auch diese Gemeinde sich im Kultus doch schon dahin modificirt, 
daß sie die calvinistische Einfachheit der Kirche beseitigt und u. A. 
ein Kreuz, Leuchter, — den Vorfahren der Röfugiös ein Greuel — 
eingeführt hat. 16 Geistliche haben in Angermünde gewirkt, seit 
1865 ist dort Prediger I). Eugene Matthieu, ein Sproß einer 
nach Berlin eingewanderten Familie, deren sämmtliche Mitglieder, 
bis aus ihn dort gelebt haben. 
Die Kolonie Parstein ist 1691 begründet, in welchem Jahre 
30 Familien aus dem Hennegau und der Pfalz sich in Parstein 
und den benachbarten Orten: Lüdersdorf, Oderberg, Brodewin u. A. 
niederließen. Der erste Prediger hieß de Serie. Die hier ange 
siedelten Familien waren auch Ackerbauer; die Gemeinde hatte 
12 Prediger, der letzte hieß H. Violet. Derselbe legte sein Amt 
1821 wegen einer Gemüthskrankheit nieder, starb aber erst 1867. 
Im Jahre 1869 wurde Parstein mit Angermünde vereinigt, nach 
dem eine thatsächliche Vereinigung schon lange stattgefunden hatte, 
da der Prediger in Angcrmündc die Parsteiner kirchlichen Hand 
lungen interimistisch versehen hatte. (Forts, folgt.) 
Londcrlingt aus dem alten Berlin.*) 
Schmuller der „Unsterbliche". Dieser Sonderling war 
früher Superintendent und wohnte in der Gegend der Frankfurter 
Linden. Richt unvermögend, bezog er auch noch eine ansehnliche 
Pension und behauptete, in Folge der sonderbaren Zubereitung 
und Einnahme seiner täglichen Mahlzeiten, so lange leben zu 
können, wie es ihm beliebe. Seine Nahrung bestand einen, wie 
den anderen Tag aus Aepfeln, Brod nnd Wienerwürstchen, zu 
welchen er ausschließlich nur Brunnenwasser trank. Des Morgens 
präzise halb sechs Uhr erschien der „Unsterbliche" im Schlasrock 
mit der Zipfelmütze auf dem Hofe am Brunnen, pumpte diesen 
gehörig ab und trank ein Glas Wasser, woraus er eine viertel 
stündige Promenade um den Brunnen unternahm; dann trank er 
ein zweites und drittes Glas und abermals folgten Promenaden. 
Run begab er sich in seine Wohnung zurück und hielt dort, um 
mit ihm selbst zu reden, „eine Mvrgensprache", zu welcher 
er stets theologisch-wissenschaftliche Bücher zur Hand nahm und 
laut sprechend und gestikulirend eine volle Stunde im Zimmer auf 
und abging. Seine Lebensmittel, die Aepsel, das Brod und die 
Würstchen (die Aepsel nicht geschält, aber die Würstchen enthäutet) 
bröckelte er in ganz kleine Stückchen und genoß der „Unsterb 
liche" dieses Gericht mittelst Löffels aus einer Schüffel. Sein 
Apselvorrath war stets ein kolossaler, denn in allen Möbeln, welche 
Kästen hatten, waren solche in Masse vorhanden. Die Wiener 
würstchen bezog er aus der berühmten und ältesten Schweine 
schlächterei „zum goldenenLamm" in der Prenzlauerstraße und 
wehe seiner Wirthschasterin, wenn sie es sich einfallen ließ, die 
Würstchen anderswo zu holen. Täglich machte dieser Sonderling 
einen Spaziergang nach Friedrichsfelde. Kurz vor dem Dorf machte 
er Kehrt und trat dann seinen Rückweg an. Endlich starb der 
„Unsterbliche" und seine Erben hatten in Folge seiner ökono 
mischen Lebensweise sich nicht über den Nachlaß zu beklagen: er 
hinterließ thatsächlich ein Baarvermögen von über 150 000 Thalern; 
es war sein wirklicher Name der Eingangs genannte. — Ein 
altes Herrchen, klein und dürr, angethan mit schwarzem Oberrock 
und eben solchen Beinkleidern, die eng und saltenartig über den 
Schaftstiefeln saßen, und bedeckt mit einem auffallend breitrandigen 
Hut, durchtanzte und durchhüpfte täglich die Landsberger-, König- 
und Jägerstraße bis zur Friedrichstraße, besuchte daselbst eine Weiß 
bierstube und hüpfte und tänzelte alsdann die Linden über den 
Schloßplatz wieder in die Königstraße znrück. Trotz seines bereits 
vorgeschrittenen Alters schien es seine vorherrschende Neigung zu 
sein, sich die Welt zu besehen; nicht allein die schöne Welt, sondern 
alle Welt. Der Eifer, den er bei dieser Schaubegier zeigte, war 
*) Eine erste Serie von demselben Verfasser brachte der „Bär" 
bereits in Nr. 40. 
so groß, daß er bisweilen nicht nur die Augen, sondern auch den 
Mund weit aufsperrte. Rur, wenn ihm eine junge und schöne 
Dame begegnete, dann schloß er seinen Mund und verzog ihn zu 
einem wohlgefälligen Lächeln, während er lispelte: „Sehr hübsch, aus 
gezeichnet, sehr hübsch, reizendes Kindchen!" Wenn die Dame schon 
längst seinem Gesichtskreise entschwunden, hörte man noch immer sein: 
„Sehr hübsch, sehr hübsch!" Inzwischen fällts ihm wohl ein, daß er 
vorher ein Schild gelesen hatte, worauf nach seinen orthographischen 
Grundsätzen ein Komma fehlte, und während er noch in die Gedanken 
der Schönheit versunken schien, erwachte sein orthographisches Ge 
wissen und plötzlich entfährt ihm der Ausruf: „Es fehlt ein Komma, 
es fehlt ein Komma!" Jetzt rempelt ihn ein Vorübergehender an. 
Der Sonderling weicht aus mit dem Vorwurf: „Grober Kerl das, 
grober Kerl! Sehr hübsch, sehr hübsch, ausgezeichnet! Fehlt ein 
Komma, ein Komma fehlt!" Da plötzlich geht sein Blick nach 
einem Fenster, an welchem soeben ein Mädchenkopf sichtbar wird. 
Sofort zog er seinen großen Hut und grüßte auf das Freundlichste: 
„Guten Morgen, mein schönes Kind! O, wie reizend! Schöne 
Dame, sehr hübsch, ausgezeichnet, grober Kerl das, ausverschämter 
Wicht, fehlt ein Komma!" Auf diese Weise unterhielt sich der 
Alte vortrefflich und wandelte so eine geraume Zeit umher, wobei 
eine Anzahl von Dingen und Ereignissen sich bei ihm zu Gefühls 
äußerungen verdichteten, bis er dann wieder schweigend mit offenem 
Munde dastand, um irgend eine besondere Merkwürdigkeit an 
zustaunen. Auch dieser Sonderling hatte sehr bald von der lieben 
Straßenjugend einen Spottnamen erhalten, denn unter den Namen: 
„Oll Gaffmänneken", und „oll Brabbelhänseken" war 
er weit und breit bekannt. — Den „Schultheiß Brauerei-Aus 
schank" an der Schönhauser Allee besuchte Vormittags permanent 
ein kleiner Rentner, um daselbst seine „Morgensprache" beim 
Schoppen Bier abzuhalten. Es war ein drolliger Kauz, dieser 
Alte, denn beim zweiten oder dritten Glase des herrlichen Gersten 
saftes wurde er „redeselig" und ergötzte alsdann tagtäglich seine 
„Schoppenbrüder" mit ein und demselben „Vortrag". Er sprach 
nur über Pulver und ungefähr Folgendes: „Die Naturgeschichte 
hat uns bis jetzt gelehrt: Alles wird Staub. Aber der Mensch 
ist ein geborener Aufwiegler. Er empört sich selbst gegen die 
Naturgeschichte. Es wird fortan nicht mehr heißen: Alles wird 
Staub! sondern: Alles wird Pulver. Professor Schönbein hat 
schon die Baumwolle zu Pulver werden lassen. Seine explosive 
Baumwolle droht, das Pulver zu verdrängen. Es wird nicht 
mehr von einem von Glück Bevormundeten heißen: „Der hat das 
Pulver nicht erfunden!" Es wird heißen: „Der hat die Baum 
wolle nicht erfunden." Ein gutes Geschäft wäre zu machen, wenn 
jemand explosiven Sand und Kies erfände. Mein Kies, in der 
Bedeutung: Geld, ist längst explosiv. Es geht mir in alle Winde,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.