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Periodical volume 1. August 1885, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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nud spinnt, — das ist ihr Leben! Nur wenn der Rosen 
feld kommt und sie so wunderlich anguckt und von ewiger 
Verdammniß und glückseliger Erlösung, von Aufrichtung des 
neuen Reiches und Abtödtung alles Fleisches bunt durchein 
ander redet, dann wacht sie auf und horcht ihm zu, wie Alle 
im Dorfe, und möchte auch gern eine der heiligen sieben 
Jungfrauen werden, von denen er so viel erzählt." 
„Gott schütze das Mädchen, alte Mutter! Hütet sie 
wohl! Wer aber ist jener seltsame Mensch, von dem Ihr 
sprecht?" 
„Ein neuer Forstwart, hohe Frau. Ein junger Mann 
noch, mit bleichem, hohlen Gesicht und langem, wirren Bart." 
„Ich muß ihn gesehen haben," sagte der Junker; „nicht 
wahr, er spricht wie ein Buch?" 
„Die Bibel scheint er auswendig zu wissen. Aber vor 
seinen Blicken wird mir bange! Im Dorfe hängen schon 
Viele ihm an, wie einem neuen Propheten." 
„Einen neuen Messias erhoffen sie Alle," seufzte die 
Markgräfin. „Es ist zu allen Zeiten so gewesen. Wären 
die Menschen glücklich und zufrieden, sie ersehnten ihn nicht. 
So aber klammert sich der beschränkte Geist an Jeden, der 
ihm Heil und Erlösung verspricht, und der Betrüger hat ein 
leichtes Spiel. Ich wollte, alte Mutter, ich könnte Eurem 
Mädchen helfen und Euch Allen. Es muß so schön sein. 
Vielen eine Hülfe zu werden!" 
Verstohlen ließ sie einige Geldmünzcn in die Hand der 
Zur hundcrtntulyigjährigcn Feier -er Grundsteinlegung 
der parochialkirche. 
Ueber die Geschichte der Parochialkirche und über die Denkmäler der 
selben hat Pastor Schwebe! schon früher im „Bär" ausführliche Mitthei 
lungen gebracht, auf die an dieser Stelle nur hingewiesen zu werden 
braucht. Die soeben vollendete Renovirung der Kirche in Verbindung 
mit einigen Ausbauten und wesenlliche» Verbesserungen durch die Archi 
tekten Knoblauch und Wex giebt Veranlasiung, dem Gotteshause einige 
fernere Bemerkungen zu widmen. Wenn dabei noch einmal Nchrings 
Entwurf vom Jahre 1695 zur Sprache gebracht wird, so geschieht dies 
um eine an andern Orten ausgesprochene ungünstige Ansicht darüber 
richtig zu stellen.*) 
Die Parochialkirche zu Berlin, die in ihrer äuheren schmucklosen 
Erscheinung wenig Beachtung findet, ist dennoch in der Baugeschichte 
der heutigen Kaiserstadt um deßwillen ein wichtiges Denkmal, weil wir 
in ihr den ersten Versuch sehen, di« älteren Centralkirchen Italiens als 
Vorbilder für evangelische Gotteshäuser frei zu verwerthen. Die einzige 
ältere evangelische Kirche in Berlin, die 1685 von Rüdger van Langer- 
velde erbaute Dorotheenstädtische Kirche war eine ästhetisch ganz 
unentwickelte kreuzförmige Anlage, die in ihrem Kerne bei dem in den 
sechziger Jahren durch Habelt erfolgten Umbau ziemlich erhalten blieb; 
die bald nachher entstandene Neue Kirche auf dem Gensd'armenmarkte, 
in den Jahren 1701 bis 1708 von Grünberg und Simonetti er 
richtet, ist allerdings ebenfalls ein Centralbau, allein ein höchst unglücklich 
disponirter von einer sünfseitigen Grundform, die nach einem früheren, 
im „Wochenblatt für Architekten" erschienenen Aufsatz auf eine mißver 
standene völlig theoretische Figur in Serlio's Architettura zurückzu 
führen sein soll. Beiden Versuchen gegenüber ist Nehring's Entwurf 
für die Parochialkirche, nach verschiedenen Annahmen der Kirche Santa 
Maria della Consolazione zu Todt nachgebildet, unter den damaligen 
Verhältnissen großartig zu nennen, denn während bei der Neuen Kirche 
die Gurtbögen der fünf Absiden etwa 11 Meter Spannweite haben, be 
trägt diejenige der vier Conchen der Parochialkirche 15,43 Meter, diejenige 
*) S. zu diesem Aufsatz- d.Abb. S. 620. 
Alten gleiten, und Mignon, die es bemerkt hatte, folgte ihrem 
Beispiel. Die Alte hielt die Hand der jungen Dame fest, 
doch nicht zum Danke, sondern, wie es schien, um die feinen 
Linien zu prüfen. 
„Wollt Ihr mir die Zukunft deuten?" lachte Mignon. 
„Ihr habt nach dem Kleeblättchen vorhin mir richtig schon 
lieben Besuch verkündet." 
„Mein Blick trügt selten," entgegnete die Alte aus 
weichend, trat mit dem Fräulein in den Schatten einer der 
hohen Taxus-Pyramiden und schaute nachdenklich in die feinen 
Linien der Hand. 
„Eine offene Hand, — ein offenes Auge, — ein willig 
Herz," murmelte sie, „und doch nicht das Glück, das Ihr er 
hofft; die Lebenslinie, sehet selbst, ist scharf durchschnitten. 
Der, an den Ihr denkt, hat andere Gedanken; und ganz 
anders, wie Ihr denkt, wird Euer Leben sich gestalten." 
„Ein glückliches Loos ist mir also nicht beschiedcn?" fragte 
Mignon, aber der nachlässig scherzende Ton wollte ihr doch 
nicht recht gelingen. 
„Glücklich doch, — so glücklich, wie Jhr's verdient, 
i Auf Leid folgt Freud'! Nur hütet Euch, Anderen helfen zu 
wollen; helft nur Euch selbst, — Ihr werdel's Noth haben!" 
Der warnende Wink, mit dem Mignon der Alten Schweigen 
gebot, kam zu spät. Die Markgräfin hatte unbemerkt den 
Vorgang beobachtet. „Es scheint, hier wird der Vorhang der 
Zukunft gelüftet," sagte sic. „Thut er vielleicht auch denen 
! der quadratisch angenommenen Kuppel 18,20 Meter. Nehring, der auch 
! für den ersten Zeughausentwurf (jetzt Ruhmeshalle) einen Kuppelbau 
projektirt haben soll, hatte aber dabei, wie es scheint, die Leistungsfähig 
keit der lokalen Technik weit überschritten; das Mittelgewölbe stürzte im 
Jahre 1698 während des Ausbaues wieder ein, eine Erscheinung, wofür 
die Gründe bislang noch nicht zweifelsfrei gegeben worden sind. Die jetzigen 
Untersuchungen des Vorhandenen durch die Architekten Knoblauch und 
Wex haben das jedenfalls dargethan, das weder dem Fundament noch den 
Vierungspfeilern oder den Seitengewölben die Schuld dafür ohne Weiteres 
beigemessen werden kann; es bleibt nur übrig, anzunehmen, daß in der Art 
des Wölbens, in der Beschaffenheit des Mörtels oder in der Ausrüstung 
die wirkliche Ursache des Unglücks zu suchen sein wird. Es war dies der 
erste und für lange Zeit leider auch der letzte Versuch einer derartigen 
Anlage; für mangelhafte Technik dabei sprechen die Vermeidung solcher 
Kuppeln beim Schlosse zu Charlottenburg und beim Zeughause, dann die 
Errichtung des Münzthurmes, des Eberswalder Badehauses, später auch 
des Petrithurmes u. s. w. — Grünberg begnügte sich nach dem Ein 
sturze mit der Ausführung einer Holzkuppel aus Bohlen, die auch heute 
wieder erhalten geblieben ist. Dieser wichtigen konstruktiven Modifikation 
folgte zugleich eine andere, für das Ansehen wesentliche des Aeußeren, 
indem die hohen Fensteröffnungen ein schweres gothisirendes Maßwerk 
erhielten, und die ursprünglich an den Ecken der Polygonen Ausbauten 
geplanten Säulen durch Strebepfeiler mit glatten Linien ersetzt wurden. 
Damit war alles geschehen, das Höhere und Beffere der ursprünglichen 
Idee zu beseitigen, so daß es höchst unrecht wäre, Nehring's Begabung 
und seine künstlerische Thätigkeit nach dieser spatere», verunstalteten Aus 
führung bemessen zu wollen. Auch im Innern hat die Kirche frühzeitig 
Einbauten erfahren, die den lieberblick störten und dem Ganzen einen 
recht unwürdigen Anstrich verliehen. Eine altere Emporenanlage, die 
durch das vermehrte Raumbedürfniß bedingt wurde und die in der Stellung 
mehrerer Stützen den Umfassungsmauern folgte, wurde vor etwa 50 Jahren 
beseitigt und durch eine ausgedehntere für die Gestaltung und Beleuchtung 
weit ungünstigere ersetzt, deren völlige Entfernung bei dem gegenwärtigen 
Ausbau alle Anerkennung verdienen muß. Bei der Tiefenlage der Fensterbrü 
stung, die nach den älteren Abbildungen so projektirt war, wie jetzt vorhanden, 
und bei der Eigenart Nehring's, dem man nirgends bei seinen Werken 
organische Mängel vorwerfen kann, ist es nicht annehmbar, daß Emporen 
hier gewählt waren, welche die hohen Fenster hätten schneiden müssen.
        
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