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Periodical volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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n. 
Verdun ist eine sehr angenehme Garnison; es herrscht ein 
vornehmer Umgangston in der Stadt; man ist dem Krieger dort 
allgemein geneigt; ein jedes Haus steht ihm offen! Alles, was 
auf Liebenswürdigkeit Anspruch machen kann, versammelt sich all 
abendlich; es ist daher sehr leicht, intime Verhältniffe anzuknüpfen. 
Das schöne Geschlecht ist dort sehr unbefangen, von freien Ver 
kehrsformen und nicht ohne Geist. 
Es währte nicht lange, und ich faßte Zuneigung zu einer sehr 
liebenswürdigen Dame. Bald hatte ich Grund zu glauben, daß 
sie meine Liebe erwiderte. Da ihr schönes Auge mir dies be 
glückend verkündigte, so brauchte ihr Mund es mir nicht einmal 
laut zu bekennen. Das Fräulein gehörte dem Hause Athiö an, 
einem der edelsten in der Champagne. Die junge Dame lebte 
unter der Aufsicht einer Tante und war mit einem Edelmann ver 
sprochen, deffen Gut sich einige Wegstunden von Verdun befand. 
Trotzdem empfing Margusrite die Besuche und Aufmerksamkeiten 
eines Kapitäns vom Regimente Navarra. Es mußten also viel 
Schwierigkeiten besiegt werden; aber das schreckte mich nicht im 
Mindesten zurück. Ist doch die Jugend kühn und unternehmend! 
Und Venus flößt ihr ja nicht minder, als Mars den Muth zu 
kecken Wagnissen ein! 
Auf einer Promenade bot sich mir die Gelegenheit dar, ihr 
den Arm zu reichen und mich ihr zu erklären. Sie antwortete 
mir offen und ohne Schwanken, daß, so feurig ihr Herz auch wäre, 
sie sich durchaus noch nicht fest gebunden hätte; sie werde ihre 
Liebe dem Manne schenken, welcher der würdigere sei! Ich ant 
wortete ihr, daß ich durch meine Liebe versuchen werde, sie zu ge 
winnen. Es sei ein unentweihtes Herz, welches ich ihr darbiete. 
Sie dürfe daher nicht an meiner Würdigkeit zweifeln. „Sie sind 
stürmisch," erwiderte sie; „Sie fangen damit an, womit Andere 
aufhören! Ich sehe meine Vertheidigungsmittcl bei Ihrem Werben 
erschöpft und durchbrochen!" — Da fand sich leider eine Gesell 
schaft zu uns; die Unterhaltung mußte abgebrochen werden! 
Zufrieden mit meinem Erfolge kehrte ich heim und dachte auf 
Mittel, meine Nebenbuhler zu besiegen. Ich konnte freilich nicht 
schlafen; die Morgensonne fand mich noch wach; —ich stand auf und 
ging zum Thore hinaus in die Einsamkeit der Natur. Wohl zu hundert 
Malen wiederholte ich mir, was sie auf meine Erklärung geantwortet 
hatte. Bald aber fand ich ihre Worte allzu unbestimmt: dann ward ich 
tieftraurig; bald deutete ich sic wiederum meiner Liebe günstig; dann 
jauchzte mein Herz laut aus! Allein es war nicht mein Wille, in 
Ungewißheit zu bleiben; ich beschloß also, sie um eine bündige Er 
klärung zu bitten. 
Sie mußte jetzt bereits aufgestanden sein; ich begab mich daher 
sofort zu ihr. Eine Kammerfrau oder Dienerin gab mir freilich 
den Bescheid, daß die junge Dame noch nicht zu sprechen sei. 
Allein Gold öffnet ja alle Pforten; — ein Goldstück ward auch 
mir hier zum Schlüssel! Schnell begab sich die Dienerin zu ihrer 
Herrin, um mir die erkaufte Zusammenkunft zu verschaffen. Man 
öffnete mir einen Saal; dort traf ich die Geliebte! Ich verlangte 
eine' bestiminte Erklärung von ihr. 
Die junge Dame war dadurch keineswegs aus der Fassung 
gebracht. „Ich kann mich keinem Manne weihen, den ich noch 
nicht kenne!" sprach sie ruhig. „Wir sehen uns heut erst zum dritten 
Male. Ist es Ihnen noch nicht genug, daß ich Sie anhöre?" 
„Ich muß Gewißheit haben!" antwortete ich. „Sie haben 
mir von zwei Bewerbern gesprochen; — ich bin der Dritte! Ich 
muß Sie fragen, ob ich der Mann Ihres Herzens bin!" 
„Man hört in Ihnen ja einen Reiterofsizier sprechen!" er 
widerte sie lächelnd. „Und doch stehen Sie bei des Königs In 
fanterie! Indeß, — diese Art und Weise mißfällt mir nicht! Ich 
aber muß doch zuvor erst mein Herz befragen. Und das ist manch 
mal ein. wenig langsam in seiner Entscheidung. Alles, was ich 
Ihnen heute sagen kann, ist, daß ich noch die Herrin dieses Her 
zens bin, und daß kein Mensch sich rühmen kann, irgend ein Recht 
auf dasselbe zu haben. Ungetheilt soll es einst der besitzen, der 
es verdient!" 
Diese Antwort beruhigte mich nicht; im Gegentheil, sie stei 
gerte meinen qualvollen Zustand! Das erweckte offenbar das Mit 
leid meiner Geliebten. „Es wird Ihnen nicht schwer werden, meine 
Liebe zu erringen!" sprach sie endlich begütigend. „Zeigen Sie mir 
nun, daß Sie mich recht lieb haben!" 
„Das beste Zeugniß dafür," erwiderte ich, „ist, daß ich auf 
meine Rivalen eifersüchtig bin. Eifersüchtig zwar nur in edlem 
Sinne; denn ich fürchte, daß diese Nebenbuler in Ihren Augen 
mehr Verdienst haben als ich! O beglücken Sie mich mit Ihrer Liebe, 
ich will Ihr Leben schmücken mit Allem, was groß und hold ist!" 
Sie schwieg einen Augenblick; dann sprach sie: „Ich glaube, 
daß Ihre Gefühle aufrichtig sind; — fahren Sie also fort! Ich 
will mich Ihnen auch gerne jetzt schon geneigt bezeugen! Ich will 
die Männer fern halten, welche sich bis jetzt mit der Hoffnung 
geschmeichelt haben, ihre Beständigkeit werde dereinst belohnt werden. 
Sie können mich täglich sehen, hier und anderwärts! Ihr be 
ständiges Verweilen bei mir wird Ihren Nebenbuhlern zeigen, daß 
sie aus dem Felde geschlagen sind! Doch nun Adieu! Ich sehe Sie 
ohne Zweifel noch heut bei der Statthalterin!" — 
Ich war entzückt! Ja, man kann des Erfolges allezeit gewiß 
und sicher sein, wenn man mit den Waffen kämpft, welche Amor 
schmiedet! — 
Aus meiner Gleichgültigkeit gegen ihre Gesellschaft ersahen 
meine Kameraden nun sehr bald, daß ich mein Herz verloren hatte. 
Sie wären Spione all' meines Thuns geworden, — sie hätten 
all' meine Schritte überwacht, wenn ich ihnen meine Liebe ver 
schwiegen hätte. Ich that es also nicht! Bei unserm nächsten 
gemeinschaftlichen Mahle opferten sie dem Bacchus reichlich und 
zwar vorzugsweise auf das Wohl des Fräuleins von Alhis! — 
Ich muß gestehen: So glühend ich liebte, — es kamen mir 
dennoch Augenblicke der Bedenklichkeit. Nur das segnende Wort 
des Priesters, das wußte ich wohl, führte zu dem Besitze des 
Fräuleins. Was aber bedeutet ein so junger und schon vcrhei- 
ratheter Offizier? „Deine Laufbahn, so mußte ich mir sagen, „er 
leidet Schiffbruch!" Ich erfreute mich überdem des Schutzes der 
Frau von Maintenon. Konnte sie aber bei einem so jungen 
Offiziere einen Schritt billigen, welcher nach der Sitte der Zeit 
nur Kriegern erlaubt war, welche unter dem Helme zu Greisen 
geworden waren, um dann einen zerstochenen und zerschoffenen 
Körper einer welken Schönheit anzubieten? Denn das war damals 
allgemeiner Brauch in unserm Stande! Würde meine hohe Pa 
tronin mir ihre Gunst bewahren, wenn ich selbst durch eine 
leichtfertig und unzeitig geschlossene Ehe die Verbindung mit ihr 
löste? — Dergleichen Zweifel kamen mir oft! Aber die Liebe war 
mächtiger als sie; — sie hob mich über dieselben hinweg! 
Ich beschloß zunächst, meine Nebenbuhler von meiner festen 
Absicht, die Geliebte zu erringen, offenkundig zu überzeugen. Der 
Kapitain vom Regimente Navarra stand mir näher, als jener 
Landedelmann: als wir uns einst auf der Promcnde trafen, be 
mächtigte ich daher mich des Armes der Geliebten. Er trat hinzu 
und wollte ihren andern, rechten Arm ergreifen. „Sie täuschen 
sich," erwiderte Merguörite, „ich bin nicht krank; — ich kann 
sehr wohl nur mit Hülfe dieses Herrn gehen!" — „ O, Sie sind 
sehr krank!" entgegnete der Kapitain höhnisch. „Das Uebel Ihrer 
Seele ist die Falschheit! Sie sind nichts, als eine herzlose Co- 
quette!" 
Sie wandte ihm den Rücken und blickte zu mir auf. Ich 
brauchte die Aufforderung in ihrem Blicke nicht erst zu lesen. Mit 
gezücktem Degen trat ich auf meinen Rivalen zu. Auch er ent 
blößte die Waffe; die Klingen kreuzten sich. Er aber focht schlecht.
        
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