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Periodical volume 26. Juli 1885, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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räumen nur wieder einmal aus der Schloßfreiheit auf! Ja, Das junge Mädchen senkte erröthend den Kopf. „Er 
Seine Hoheit lieben die müßigen Spaziergänger nicht. Die grüßt immer so fröhlich herauf," eutgegncte sic. „Uebcrmüthig 
armen Menschen werden bald selbst am Sonntag auf der mag er sein, aber nach Arglist schaut er nicht aus. Sehen 
schonen schattigen Promenade sich nicht mehr ergehen dürfen! 
Immer arbeiten, — das ist so nach seinem Gustus, ob sie es 
nöthig haben oder nicht. Da ist ihm Hoch und Niedrig gleich! 
„Chere tante, Sie zürnen noch, daß Seine Hoheit zum 
Fenster herauf gedroht, als wir der letzten Parade zuschauten. 
Das ist längst vergesien!" 
„Ich vergesse es ihm sobald nicht, und dem Junker, dem 
Gelbschnabel, schon gar nicht!" 
„Herr von Sepdlitz ist doch unschuldig, chere tante.“ 
„So? Paßt es sich für einen solchen Guck in die Welt, 
darüber zu lachen? Ueber solche respektwidrige Rede zu mir, 
die ich zweimal seine Mutter sein könnte?" 
„Wer weiß, worüber er gelächelt!" 
„Gelächelt! Gelacht hat er, richtig gelacht. Und seither 
guckt der Junker von Habenichts allemal hier zum Fenster 
herauf, so oft er vorbei kommt. Und des Tages zehnmal 
passirt er an meinen Fenstern vorüber. Wart', ich werde es 
ihm vertreiben! Du kannst mir glauben, Kathinka, der ist 
just wie sein Herr, — nicht einen Pfifferling bester!" 
Im Anfange der Krankheit legte sich der General von Blücher, öfter 
Ruhe suchend, in einen Mantel gehüllt, auf die Terrassen des Schloß 
gartens, oder er saß auf einem Feldstuhle in der zum Schlosse führenden 
Linden-Allee. 
Als der General hergestellt war, empfahl ihm sein Arzt, Dr. Horlacher, ; 
durchaus nicht bis tief in die Nacht hinein beim Spiele zu sitzen, sondern 
sich ruhig zu verhalten und zu rechter Zeit zu Bette zu gehen. 
Blücher versprach, der ärztlichen Vorschrift zu folgen, aber die Ver- 
lockung war zu groß, die neu hervorbrechende Lebenslust riß ihn fort, 
und als Dr. Horlacher einst um Mitternacht aus einer Gesellschaft zurück 
kehrte, erfuhr er, daß der General von Blücher noch beim Spiele sitze. 
Dr. Horlacher begab sich schleunigst in das Spielzimmer und begann 
seine Ermahnungen mit der Erinnerung an das geleistete Versprechen, 
mit der Nothwendigkeit, sich zu schone» — aber Blücher fiel ihm in 
heiterster Laune ins Wort: „Was? Ihr denkt wohl, Ihr habt mich 
kurirt und könnt mir nun Lehren geben? Ja, Prosit! Diese hier kuriren 
mich, die bringen mich auf den rechten Weg." 
„Nun, gleichviel", erwiderte Dr. Horlacher, „es mag Ew. Excellenz 
der oder jener kurirt haben, so viel bleibt gewiß, daß er seine Sache 
nicht schlecht gemacht hat und auf Folgsamkeit rechnen kann." 
Da reichte Blücher aufspringend ihm die Hand mit den Worten: 
„Ja, Horlacher, Ihr seid ein braver Kerl! Ich werde in meinem ganzen 
Leben nicht vergessen, was Ihr an mir gethan habt; und zum Beweise, 
daß ich Euch und Eure Vorschriften hochachte, will ich Alles im Stich 
lassen und sogleich zu Bette gehen." 
Daß diese Vorsichtsmaßregel nicht überflüssig war, zeigten die noch 
mehrfach wiederkehrenden Krankheitsanfälle, die Blücher so ernst stimmten, 
daß er an seinen baldigen Tod glaubte, und in einem solchen wehmüthig- 
ernsten Augenblick überreichte er der Frau Hofräthin Brummer, unter 
deren gastlichem Dache er so gern geweilt, seine Whistmarken, deren er 
sich stets bei seinem Spiel bedient, mit den Worten zu Andenken: 
„Ich habe sie viele Jahre gehabt, viel Geld damit gewonnen — 
aber doch noch weit mehr verloren!" 
Bald darauf, im Mai 1809, ging der General nach Stargard ab, 
doch hegte er die Ueberzeugung, daß sein Körper die Reise nicht er 
tragen und man ihn nach wenigen Stunden als Leiche nach Treptow 
zurückbringen werde. Er ließ sich daher von seinen Freunden versprechen, 
daß sie ihn unter den schattigen Bäumen, welche die Wischower Kirche 
umgaben, die er von seinen Fenstern aus dem Schlosse so oft und ger» 
betrachtet hatte, zur Ruhe bestatten wollten. 
Aber zu des Vaterlandes Heile erhielt der liebe Gott dem edlen 
Herrscher diesen tapferen Feldherrn und nach zwei Jahren, wiederum im 
Mai, kehrte Blücher frisch und froh nach Treptow zurück und trat mit 
Sie, chere tante, da kommt er soeben gerade auf unser 
Haus zu!" 
„Aber herein kommt er nicht, dafür sag' ich Dir 
gut!" 
„Doch! Er schreitet direkt auf unsere Thür zu." 
„So wird sie ihm vor der Rase geschloffen. In meinem 
ehrsamen Hause hat er mit seinen losen Streichen nichts zu 
suchen. Christian! Christine! Schließt die Hausthür zu! Die 
gnädige Frau von Saaten ist für den Junker von Sehdlitz 
nicht zu Hause!" 
„Aber, chere tante, wir können doch nicht wissen, was 
ihn zu uns führt. Sie sollten ihn wenigstens hören." 
Zornerglühend sprang sie wieder aus und eilte ans Fenster, 
an dem Seydlitz soeben mit neckischem Gruße vorüberschritt. 
Kathinka saß still auf ihrem niedrigen, kleinen Sessel; um 
ihren Mund zuckte ein böses Lächeln, so daß sie in diesem 
Augenblick durchaus nicht hübsch erschien. Schmiedete auch sie 
Pläne, wie sie die Enttäuschung und Demüthigung an dem 
Junker rächen könnte? 
den Worten in das Schloß: „Mit Dank bin ich abgereist, mit Dank 
komme ich wieder." 
Fast schien es, als habe der General von Blücher Treptow kaum 
verlassen, denn er nahm seine früheren Gewohnheiten, welche er in Tagen 
unthätigen Wartens vielleicht aus Ungeduld angenommen hatte, sofort 
wieder auf. Täglich machte er seinen Spaziergang nach einem öffent 
lichen, vor dem Greiffenberger Thore belegenen Garten und spielte dort 
eine Partie mit dem Oberst von Oppen, dem Major von Katzler und 
dem Hauptmanu von Budritzki. Es befremdete Niemand, daß der General 
von Blücher bei dieser Gelegenheit häufig eine Jacke von rothem Flanell 
und dazu eine Mütze (jedoch keine Militärmütze) trug und gemächlich aus 
einer langen Pfeife rauchte, wiewohl er durch Tagesbefehl das Rauchen 
in den Straßen strenge verboten hatte. 
Er hatte dieses Befehles vergessen und wollte rauchend das Thor 
passiren, als die Schildwache, der erhaltenen Weisung folgend, ihm die 
Pfeife abforderte. Ohne ein Wort zu sagen, gab Blücher die Pfeife ab, 
ging ruhig seines Weges weiter und schickte später dem Soldaten, zur 
Auslösung der Pfeife, zwei Thaler. 
Blücher widmete seinen Geldangelegenheiten keine besondere Auf 
merksamkeit, dennoch war er nicht blind für etwaige Veruntreuungen, 
welche sich seine Untergebenen zu Schulden kommen ließen, bestrafte sie 
indessen selten anders, als durch einige polternde Worte. 
Nach seiner Krankheit durfte der General nur ganz leichte Speisen 
genießen, wenig anderes, als Mehlsuppen und Haferschleim. Als er sich 
wohler fühlte, lieh er sich eines Morgens von seinem Haushofmeister die 
j Wirthschaftsrechnung des letzten Monats bringen. Diese betrug 700 Thaler. 
! Ohne sie einer näheren Durchsicht zu würdigen, warf Blücher das Papier 
mit dem Ausrufe fort: „Ist der Kerl denn ganz und gar des Teufels? 
, Ich soll in einem Monat 700 Thaler verzehrt haben und leb' von Nichts, 
als Mehl und Grütze!" 
Ein anderes Mal hatte sich der Haushofmeister beim Verkauf der 
Sachen eines verstorbenen Kriegskommissairs ein Paar silberne Sporen 
erstanden, sie auch sogleich angelegt. Sie glänzten im Sonnenschein und 
schienen ihrem neuen Besitzer große Freude zu bereiten. 
General von Blücher stand am Eingänge der Linden-Allee, schüttelte 
! den Kopf und sagte, indem er die Mütze hin- und herschob: „Da kommt 
' der Narr und hat sich ein Paar silberne Sporen gekauft, die stehen auch 
aus nieiner Rechnung, aber der Teufel mag sie herausfinden." 
Im Allgemeinen machten ihm seine Geldverhältnisse keine Sorge: 
die Ehre, der Ruhm, die Freiheit des Vaterlandes standen ihm 
höher. Das bezeugen auch seine Worte: „Mein König wollte mich 
mehr als Ein Mal zum reichen Manne machen, aber das soll ibm nicht 
gelingen!"
        
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