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Periodical volume 18. Juli 1885, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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„Ihr habt ihn mir genommen! Ihr müßt ihn freigeben! 
Um Gottes Barmherzigkeit willen, Hoheit, gebt ihn frei!" 
„Wen? Den da?" Der Markgraf blickte spöttisch auf 
den Junker. 
„Den? Den kenne ich nicht! Den Sylvester, Hoheit. 
Vom Altar fast haben sie ihn sortgeholt! Es bringt keinen 
Segen, der Braut den Bräutigam zu nehmen. Ihr sollt, — 
Ihr müßt ihn mir wiedergeben!" 
„Ich soll? Ich muß?!" In aufloderndem Zorne schaute 
der Markgraf zu der Verwirrten nieder. 
„Sprecht ordentlich, wenn Ihr eine Bitte habt!" sprach 
begütigend einer der Begleiter. „Redet, wie sich's gebührt, 
wenn Eure Hoheit Euch anhören soll- Wen haben sie Euch 
genommen? Gegen wen habt Ihr Klage?" 
Das Mädchen starrte zu dem Sprecher auf; dann strich 
sie langsam über die Stirn, als müßte sie ihre Gedanken 
sammeln: „Die Werber, Herr! Sie 
haben ihn trunken gemacht, daß es 
ihm wirr geworden, daß er Hand 
geld genommen, ohne daß er's ge 
wußt!" 
Der Markgraf wendete unwillig 
sein Pferd. 
„Nein, Hoheit, ich laste Euch 
nicht!" rief die Unglückliche und fiel 
dem Thiere in die Zügel. „Seht, 
— seht hier! Ich hab' gesponnen 
bei Tag und Nacht" — und sie 
streute eine Hand voll kleiner Münze 
auf den Weg, — „hier, nehmt das 
Sündengeld zurück und gebt ihn frei!" 
Mit der Geduld des Markgrafen 
war es vorbei. Ein schneller Hieb 
mit der Gerte und das Pferd bäumte 
sich empor, so daß es die knieende Ge 
stalt zu Boden warf und, über sie 
hinwegsetzend, mit dem Hufe die bleiche 
Stirn traf. Aechzend sank das Mäd 
chen zusammen; rothe Tropfen rieselten 
in das wirre Haar hinab. 
„Die Verrückte einsperren rmd 
den Schulzen dazu, der sie frei 
herumlaufen läßt!" rief der Markgraf 
und sprengte, ohne die Beschädigte eines Blickes zu würdigen, 
davon. In furchtsamer Unterwürfigkeit eilten seine Begleiter ihm 
nach; Seydlitz allein blieb zurück. Mitleidig blickte er auf die 
regungslos daliegende Gestalt und wendete dann schnell sein 
Pferd, Hülfe herbeizuholen. Er sprengte an der Stelle vorbei, 
wo Mignon noch immer schreckensstarr neben dem Weidengebüsche 
lehnte. „Schnell in den Wagen und nach Schwedt zurück!" 
flüsterte er ihr zu- „Nur jetzt keine Begegnung!" Willig 
gehorchte sie und der Wagen rollte mit den Damen den Weg 
zur Stadt zurück. 
Der Alten, die wehklagend zu ihrer Pflegetochter hingeeilt 
war, sendete der Junker die ersten ihm begegnenden Arbeiter, 
und wie ein Sturmwind jagte er dann den, Markgrafen nach, 
um, wenn irgend möglich, eine Begegnung zwischen ihm und 
den Damen zu verhüten. 
Zu spät! Bei der nächsten Biegung des Weges hatte 
der Markgraf das Gefährt erkannt und setzte sich zu seiner 
Verfolgung in schnellsten Trab. Die Markgräfin war sich 
keines Unrechts bewußt, und doch empfand sie, der stürmischen 
Auftritte im väterlichen und im eigenen Schlosse gedenkend, 
ein ängstliches Bangen. Leise erfaßte Mignon ihre Hand: 
„Hoheit, ich nehme alle Schuld auf mich!" Die Fürstin wehrte 
ihr und sah besorgt zum Markgrafen empor, der, ohne Gruß, 
mit finsterem Blicke am Schlage vorübersprengte. 
„Werde Ihn lehren, ohne Ordre die Pferde aus dein 
Stalle zu ziehen!" knirschte er, und ein scharfer Hieb mit der 
Reitgerte traf des Kutschers Arm, so daß er kaum im Stande 
war, die aufbäumenden Pferde zu halten. Der Markgraf 
holte zum zweiten Schlage aus. 
„Hoheit!" rief mit lauter Stimme Mignon, sich zürnend 
im Wagen aufrichtend, „der Mann ist unschuldig. Ich allein 
bin Schuld! Auf mein Drängen nur hat unsere allergnädigstc 
Frau die Ausfahrt befohlen." 
„In Schloß und Marstall befehle 
ich!" eiferte der Markgraf, und doch 
maß er die jugendliche Sprecherin 
mit nicht unfreundlichem Blick. „Fünf 
zig Hiebe dem Schuft da, daß er Ge 
horsam lernt!" 
„Und von mir einen Gulden 
für jeden ungerechten Schlag, Berk 
holz! Das mag ihn trösten!" 
Der Markgraf lachte laut auf. 
„Meine Gemahlin hat reiche 
Freundinnen, wie es scheint! Nicht 
übel für eine arme preußische Prin 
zessin! Wo sind Ihre Hofdamen, 
Madame, Ihre Frau Oberhofmeisterin ? 
He? Liebe solche Extravaganzen nicht, 
— kein Herumspioniren auf der Land 
straße! Rendezvous mit alten Hexen 
und verrückten Dirnen!" 
Beschämt drückte die Mar!tzräfin 
bei den harten Worten ihr Tuch vor 
das Gesicht, während Mignon dem 
Kutscher das Zeichen zum Weiterfahren 
gab. „Den Teufel auch!" fluchte der 
Markgraf hinter dem Wagen drein. 
„Sprechen uns heut' Abend noch, 
Madame!" 
„Schwerlich!" sagte Mignon leise, wie für sich, und die 
zitternde Markgräfin liebreich umfassend, lehnte sie den Kopf 
derselben an ihre Schulter. „Es ist Alles meine Schuld, 
Hoheit! Ich bin untröstlich darüber!" 
„Nein, nein, Mignon, nicht Deine Schuld! Anlaß zum 
Zürnen ist leicht gefunden, wo er gesucht wird. Und meinem 
Gemahl scheint jeder Anlaß willkommen!" 
Der Wagen rollte schnell die ebene Straße dahin. Als 
er die Stadt erreichte, war bereits die Dämmerung hereinge 
brochen und das Thor geschlossen. Erst als die Fürstin selber 
sich zu erkennen gab, wurde dasselbe langsam geöffnet. 
Mignon zürnte ob der Achtlosigkeit: „Es scheint, als ob man 
unserer hier vergessen habe und uns kaum mehr erwarte!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Friedrich der Große bei Duhan de Iandun. 
(Nach einer älteren Zeichnung von L. Wolf.)
        
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