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Periodical volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Ich fand Alles, was meine Kindheit bedurfte, in dem alters 
grauen Bischosspalaste zu Montauban: Freude und zärtliche Pflege, 
Lehrer und Erzieher! Mein Oheim meinte es wahrhaft gut mit 
mir und hätte sich nie denken können, daß jene Sorgfalt, welche 
er auf mich verwendete, sich so schlecht belohnen werde. Fünf 
oder sechs Jahre hatte ich unter seinen Augen zugebracht; da be 
raubte ihn jedoch eine verhängnißvolle Begebenheit des Glaubens 
an das Zustandekommen der friedevoüen Pläne, welche er bezüglich 
meiner Zukunft gefaßt hatte. 
Ich stand im 18. Jahre, als mein Oheim mich nach der 
Heimath sandte, auf daß ich dort der Weinlese beiwohnte. Unsere 
ganze Verwandtschaft hatte sich auf einem Landgute an der Grenze 
des Engoumais und des Pärigueux zusammengefunden; der Adel 
der Nachbarschaft hielt sich ja stets freundschaftlich zu uns! Es 
waren frohe, sonnige Tage! In wie reicher Fülle lieferte die theure, 
heimische Erde ihre Leckerbissen zu unserm Tische! Es wurde jeder 
zeit offene Tafel gehalten und Alles, was die Freude liebte, fand 
sich zu uns! 
Sehr oft verweilte unter Anderen ein Edelmann, welcher dem 
Hause de la Force nahe verwandt war, längere Zeit bei uns. 
Sein häufiges Kommen hatte indesien auch seinen guten Grund. 
Er liebte im Geheimen meine Mutter, welche erst dreißig Jahre 
zählte und noch nichts von ihren jugendlichen Reizen verloren 
hatte. Ja, es schien fast, als ob die Ehe, welche die weibliche 
Anmuth so oft verblühen läßt, bei ihr die Geschenke der Natur 
und der feinen Bildung noch zu höherem Glanze verklärt hätte! 
Und, — ich muß es gestehen, — meine Mutter war sich des Ein 
drucks, den sie machte, auch wohl bewußt. Sie gehörte zu jenen 
Damen der vornehmen Welt, welche, ohne je die eheliche Treue 
zu verletzen, doch die Hoffnungen ihrer Verehrer zu nähren ver 
stehen, — Hoffnungen, welche sie niemals zu erfüllen fteilich fest 
entschloffcn sind. Sie verbinden eheliche Zärtlichkeit mit einem guten 
Theile von Eigenliebe; sie flößen Liebe ein, ohne sie je zu er 
widern! Die Eitelkeit bewahrt sie auf dem rechten Wege; denn 
nie gewähren sie etwas, dessen man sich zu ihrem Nachtheil rühmen 
könnte. Mir scheint, es liegt in solcher Lebensführung der Be 
weis der höchsten weiblichen Tugend und Anmuth! 
Vielleicht hatte meine Mutter der Leidenschaft jenes Edel 
manns einige Ermuthigung gewährt; vielleicht ist er kühn genug 
gewesen, sich Erhörung erringen zu wollen; kurz, er versuchte es, 
meine Mutter einmal in der Einsamkeit zu überraschen. Bald 
bot sich ihm dazu eine Gelegenheit! Man zog eines Abends zur 
Eberjagd aus. Der glühende Kavalier fand sich, wie alle anderen, 
auf dem Platze des Rendez-vous ein. Er nahm seinen Stand im 
Unterholz, durch welches der Jagdzug nicht Wohl hindurchkommen 
konnte, um eine Gelegenheit zu haben, nach dem Schlöffe zurück 
zukehren, wenn der Eber sein Lager verlasien hätte, und die Jäger 
denselbm verfolgten. Bald aber verließ er diesen Posten und be 
gab sich heimlich nach unserem Schlöffe zurück. Die Dienstboten 
befanden sich in der Küche; unbemerkt konnte er bis in das Vor- ! 
zimmer meiner Mutter gelangen. Er legte das Ohr an's Schlüffel- 
loch, um zu hören, ob die geliebte Dame sich allein befände. Er 
hörte es, wie meine Mutter die Kammerfrau eben in diesem Augen 
blicke in einen entfernten Weinberg schickte, um ein Körbchen Feigen 
zu sammeln. Er erfaßte den Augenblick, drang in's Zimmer ein 
und fand meine Mutter in leichtester Abendtoilette vor. Der tra 
gische Augenblick war gekommen. 
Meine Mutter, die ihn aus der Jagd glaubte, war entrüstet, i 
alä sie ihn mit solcher Frechheit eindringen sah. „Man muß sehr 
unverschämt sein," rief sie ihm zu, „wenn man sich solchen Schritt 
erlaubt!" — „Wären meine Dienstboten hier," fuhr sie dann in 
glühendem Zorne fort, „so würde ich denselben befehlen. Ihnen 
Stockschläge zu geben und Sie aus dem Fenster zu werfen!« 
Das hatte er nicht erwartet! Jetzt wandelte sich seine 
[ Leidenschaft zu unwürdiger Wuth um. Er dachte nicht mehr an die 
Ehrerbietung, welche man einer Dame schuldet. „Sie sind offen 
bar nicht gewillt, mir zu gewähren, was Sie täglich Ihrem 
Diener und Stallknecht anbieten!" sprach er höhnisch. „Nun 
denn, — ich verzichte!" — Er ging, um sein Pferd zu besteigen 
und heim zu reiten. 
Furchtbar gereizt, wie es eine edle Frau in einer solchen Lage 
sein muß, eilte meine Mutter in jenes kleine, an ihr Zimmer 
stoßende Kabinet, in welchem ich auf dem Lager ruhte, ohne zu 
schlafen. Ich hatte Alles gehört. Eine Unpäßlichkeit, an welcher 
ich seit zwei Tagen litt, hatte mir die Theilnahme an dem Jagd 
ausfluge unmöglich gemacht. „Schläfst Du, mein Sohn?" fragte 
mich meine Mutter. Ich zog die Vorhänge zurück. Weinend er 
goß sie sich in Klagen, daß ich nicht im Stande wäre, die Belei 
digung zu rächen, welche sie soeben empfangen hätte. Sie wußte 
ja, daß ich für die Kirche bestimmt war und Waffenübungen noch 
nicht unternommen hattet Oh," rief sie aus, „wem soll ich doch 
die Pflicht übertragen, mich zu rächen?" „Mir allein!" erwiderte 
ich, indem ich eiligst aufftand. „Nein!" entgegnete sie. „Das 
wäre eine allzu milde Rache für den Verbrecher! Du kannst ihn 
nicht genügend für seine Unverschämheit züchtigen!" — Dann aber 
befahl sie mir, die Kammerfrau aus dem Weinberge zurückzurufen. 
Ich ging sofort auf's Heftigste über das Vorgefallene erregt und 
doch so thuend, als wollte ich nur den Befehl meiner Mutter aus 
führen. Ohne daß sie es bemerkte, begab ich mich in das Zimmer, 
in welchem die Waffen meines Vaters sich befanden; — ich er 
griff eine geladene Pistole. So flog ich nach dem Stalle, bei 
welchem ich jenen Edelmann mit seinem Reitknechte eben sprechen 
hörte. Ich fand ihn, wie er den Fuß in dm Bügel setzte, um 
fortzureitm; ich drückte ab. Ich hatte ihn mitten in die Brust ge- 
getroffen; — leblos lag er vor mir im Staube. 
Meine Mutter stand am Fenster; sie hätte mich zurückrufen 
können, wenn sic mein Vorhabm gemißbilligt hätte; sie that es 
nicht! Nein! Sie eilte von oben herab, umarmte mich und sprach: 
„So bin ich denn doch durch den Arm eines unschuldigm Knaben 
gerächt worden, welchen der Himmel wider mein Erwarten be 
waffnet hat!" Dann ging sie zu dem Todten, nahm ihm den 
Degen von der Seite und stieß ihn in des Edelmanns Herz. 
„Bis in seine Wurzel hinein," so sprach sie, „sei das Verbrechen 
gestraft, das er zu planen gewagt hat." — „Komm nun, mein 
Sohn!" so fuhr sie fort. Sie faßte mich an der Hand und stieg 
mit mir die Treppe hinauf. Dann packte sie einige Kleidungsstücke 
zusammen und hieß mich, mit ihr den Wagen besteigen. 
Wir fuhren zu meinem Onkel Nemond, bei welchem wir am 
Mittage des anderen Tages eintrafen. Sie offenbarte ihm, was 
sich Verhängnißvolles zugetragen hatte. Mein Oheim konnte nicht 
umhin, sich über die Lösung des Knotens zu freuen. „Ich erkenne 
mein Blut!" sprach er, und küßte mich mit Zärtlichkeit. „Wenn 
Du Muth und Ehre genug hattest, um Deine Mutter zu rächen, 
so wirst Du Dir gewiß dereinst auch Mühe geben, ihr hohe Freude 
zu bereiten!" — „All' meine zukünftigen Handlungen sollen meiner 
Geburt und den Erwartungen entsprechen, die Sie in Betreff 
meiner Ehre hegen!" antwortete ich. „Bin ich auch noch jung, 
— ich will von Jedem Rechenschaft fordern, der meine Ver 
wandten oder Freunde beleidigt!" — 
Ich hatte noch andere Verwandte in Montauban, zwei Cou 
sinen. Ich ging zu ihnen, während sich mein Oheim mit meiner 
Mutter besprach. Die Damen schienen weder erschrocken, noch über 
rascht. Sie belobten mich sogar; — das Blut meiner Ahnen 
sprach vernehmlich auch aus ihnen. 
Rach Tische kam mein Vater. Er konnte, als er mich sah, 
die Thränen nicht zurückhalten. Er hatte nur gehört, was ich ge 
than hatte, und da er nicht wußte, was mich zu meinem Schritte 
getrieben hatte, so galt ihm der Schuß für eine Hinterlist und
        
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