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Periodical volume 18. Juli 1885, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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zu schon- Nicht wahr, ich darf? Und schnell drückte die kleine 
Hand die Feder einer Glocke nieder, so daß der silberhelle Ton 
durch das Gemach hallte. 
„Ich weiß nicht, ob ich recht thue, Dir zu willfahren 
. - - Mein Gemahl . . 
„Fragt gar nicht! Vor allem aber wollen wir die ge 
strenge Frau Oberhofmeisterin nicht fragen. Nein, nein, wir 
bedürfen ihrer beide nicht." Schmeichelnd erfaßte sie die Hand 
der Fürstin: „Nicht wahr, wir fahren allein? Ich bitte um 
die Gnade, Eure Hoheit einmal allein begleiten zu dürfen?" 
„Du bist eifersüchtig auf meine Liebe, wie es scheint! 
Nrm, sei es darum! Mögen sie immerhin sehen, wie lieb Du 
inir bist." 
Mignon klatschte froh wie ein Kind in die Hände, und 
zum gewaltigen Staunen der zurückbleibenden Hofdamen wurde 
sie allein zur Begleitung der Fürstin befohlen. 
4. 
Von den kräftigen Rossen gezogen, war der Wagen mit 
der Markgräfin und ihrer jungen Freundin schnell den Oder 
damm entlang gerollt; dann zwischen die Wiesen hineinbiegend, 
hatte er die Kränicher Dorfschaften rechts in der Ferne liegen 
lassen und den Wiesenweg nach der Mchtung auf Wildenbruch 
gewählt. Beide Damen genossen mit harmloser Freude der 
angenehmen, schnellen Fahrt- Mignon wurde des Plauderns 
nicht müde, und die Fürstin war sichtlich erheitert. Schon 
tauchte das große, von Gräben umringte Jagdschloß des Mark 
grafen in der Ferne auf, und noch immer wurde kein Befehl 
zur Umkehr gegeben. Der alte Diener, der neben dem Kutscher 
saß, blickte besorgt auf den weiten Weg und hätte sich gern 
eine leise Mahnung erlaubt, wenn dieselbe nur gestattet ge 
wesen wäre- 
„Nicht wahr, das ist Seiner Hoheit selbsteigenes Revier?" 
Laubgehängen darstellend, das Alles in Verbindung mit der überraschend 
schönen Draperie der Thüren giebt ein sehr gelungenes Ensemble, das 
der Leistungsfähigkeit der ausführenden Kräfte das ehrendste Zeugniß 
ausstellt. Eine große krystallklare Spiegelscheibe über dem Cheminöe 
gestattet schon von hier aus einen Einblick in den anstoßenden Musik 
salon, dessen Plafond, im Stile Louis Quinze, aber in einfachen Tönen, 
die reichere Ausstattung mit plastischem Schmuck zur besseren Wirkung 
gelangen läßt. In den Ecken wachsen tiefblaue Monogrammschilder em 
por, neben ihnen bemerkt man gefällig komponirte Stillleben, und die 
vier größeren Medaillons in der Mitte geben die Portraits von Beethoven, 
Haydn, Mozart und Mendelssohn, einem Ahnherrn des Hauses. Von 
großem Liebreiz sind die über den Thüren angebrachten Kindergruppen und 
ebenso die vollendeten Blunienmalereien auf den Thürflügeln selbst. Mit Rück 
sicht auf die Akustik sind hier die Wände auf Stucco schablonirt, jedoch in 
einem reichen Muster, das dem Charakter der wundervoll gearbeiteten reich 
vergoldeten Phantasiemöbel (in blaßrother Seide) entspricht. Die neben 
liegende Festhalle, an tausend Quadratmeter groß, entwickelt sich in statt 
lichster Weise durch Harmonie aller Verhältnisse, der Dekorationen und Farben. 
Die Wandbekleidung besteht hier in Eichenholz, dessen Tönung mit der 
Thürumrahmung aus belgischem Marmor und mit dem als Füllung ein 
gesetzten gepreßten Seidenplüsch ausgezeichnet zusammengeht'). Die 
Eichenthüren sind in bewundernswerther Schärfe ausgeführt, der Kamin 
aus geschliffenem Untersberger und Levantemarmor mit Bronceauflagen 
und gehämmertem Einsatz (von Peters) ausgeführt und die ganze Innen 
einrichtung in künstlerisch hervorragender Weise fertig gestellt. In halber 
Höhe umzieht diese Festhalle ein« Laufgaleri« über deren kunstvolles, in 
alter Technik gehämmertes Gitter") hinweg der Blick auf den reichen 
' forschte Mignon, deren munteren Blicken das hohe Schloß nicht 
! entgangen war- „Seine Majestät kann sein geliebtes Sans 
souci vor weiblichem Besuche nicht sorglicher verschließen, als 
Schloß Wildenbruch für uns verschlofien scheint." 
„Wir dürfen uns darüber nicht beklagen. Soviel ich 
weiß, hat die Königin selbst ihres Gemahles Liebingsschloß 
offiziell noch nicht betreten- Wie dort die Philosophen tind 
Großen im Reiche der Kunst und Wifienschast, so sind nur 
hier die Jagdgenosien freundlich willkommen." 
„Ich könnte neugierig werden, das verzauberte Schloß 
näher kennen zu lernen. Darf ich?" 
„Du, Kind?" Die Markgräfin blickte ihre Begleiterin er- 
' schrocken an. Du weißt nicht, was Du wünschest! Stein, frage 
mich nicht. Du bist zu jung, ztl rein mul), um die Antwort 
! zu verstehen, die ich Dir geben müßte. Laß Dir genügen, 
daß es meines Gemahls Lieblingssitz und inmitten seines besten 
| Jagdreviers gelegen ist. Schon in diesem möchte ich ihm 
I heute nicht begegnen." 
„Keine Noth! Seine Hoheit sind mit dem Junker von 
Seydlitz in anderer Richtung auf die Jagd hinausgeritten." 
„Wie genau Du weißt, was der Junker treibt," scherzte 
die Fürstin. 
Das junge Mädchen erröthete leicht. „Das Schloß soll 
fürstlich eingerichtet sein?" fragte sie ablenkend. 
„Ja, trotz aller Sparsamkeit! Mein Gemahl hat schöne 
Reisen gemacht und Geschmack für zierliche Bauten und An 
lagen .... Nun, die kleine Anhöhe dort mag das Endziel 
unserer Fahrt sein; dann hast Du genug vom Schlosse gesehen, 
Mignon. Versprich mir, daß Du es nie ohne mich betreten 
willst." 
„Das soll mir nicht schwer fallen, Hoheit. Ohne meiner 
Herrin Nähe hat auch das Schönste wenig Reiz für inich." 
Die Damen hatten wegen der Diener die Unterhaltung 
plastischen Wandschmuck des oberen Geschosses trifft, der wie Alles, wozu 
Modelle erfordert wurden, von Otto Lessing herrührt. Der Speise 
saal, der eine festlich heitere Stimmung erwecken soll, hat eine helle 
Decke mit mäßiger Vergoldung erhalten, während die Wände durch farben 
prächtige rothgelbe Säulen und Pilaster mit broncirten Kapitellen, mit 
reichen Auflagen und Marmorpostamenten gegliedert wurden. Wahre 
Prachtstücke sind in diesem Raume der Kamin und die leuchtend 
rothen Thüren in echtem indischem Amaranth mit feinem Polisander- 
j ornament, welche Kunsttischler Olm wirklich meisterhaft zu vollenden 
wußte. Die Einrichtung dieses Saales (von F. Vogts & Comp.) 
{ ist eine Musterleistung des Berliner Kunstgewerbes. An den Speise- 
1 saal schließt der Wintergarten mit hübscher Grottendekoration und 
endlich das in Schwarzwälder Tannenholz mit aufgemalten Intarsien 
vornehm ausgestattete Billardzimmer von Bemb« in Mainz aus 
geführt. 
Ein kurzer Gang durch diese unvergleichlichen Räume, deren wahren 
Kunstwerth erst eine unbegrenzte festliche Lichtfülle zur Geltung zu bringen 
vennag, erfreut bei jedem Schritt das Auge durch das, was vor Allem 
heimische Kunst und heimische Industrie hier leisten durften. Aber auch über 
die Grenze der Gesellschaftsräume hinaus, in den oberen Gemächern mit 
dem heimlichen Badezimnier, mit dem freundlichen Turnflur, dann die 
Einrichtung des Kellers, der Stallung, der großen Küche; ferner die elegant 
gearbeitete Haustreppe — Alles ist gediegen, Alles echt. Alles im höchsten 
Grade geschmackvoll und dabei praktisch. Dem Kunstsinn des Besitzers 
gereicht es zur größten Ehre, durch eine fürstliche Freigebigkeit eine 
derartige Schöpfung ermöglicht zu haben; das Bauwerk selbst, 
das in mancher Hinsicht mit großen Schwierigkeiten verknüpft war, 
verdanken wir der bewährten Architekturfirma H. Schmieden, welche 
mit der speziellen Leitung den Architekten Aldenkirchen beauftragt 
hatte. P. W. 
*) Die Holzbekleidung ist von Max Schulz & Comp. 
**) Bon Paul Mareus.
        
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