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Periodical volume 11. Juli 1885, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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gang dieser Verordnung schildert die damaligen Zeiten folgender 
maßen : 
„Wir geben hiermit zu vernehmen, daß der Onxus, die Ueppig- 
„keit und Verschwendung in dem Kleiber-Pracht und Ausrichtung 
„und Gastereyen, ungeachtet der kümmerlichen Zeiten in unseren 
„Landen und insonderheit in diesen unseren Residenz-Städten der- 
„massen hoch gestiegen, daß man nicht allein des höchsten Gottes 
„Zorn und Straffen, nach denen in seinem heiligen Wort ent- 
„haltenen gerechten Bedrohung zu befürchten gehabt, sondern daß 
„auch die meiste Familien dadurch verarmen und ruiniret werden, 
„und an statt etwas beyzulegen, die Eltern ihren Kindern Schulden 
„und Armuth hinterlassen." 
Aus diesen Bewegungsgründen wurden verboten alle Zeuge 
und Stoffe, worin Gold und Silber eingewebt war, goldene und 
silberne Bänder, alle Stickereien von Gold, Silber oder Seide, 
davon aber die sogenannte LuMeres, welche die Frauenzimmer vor 
der Brust trugen, desgleichen die kurzen Tabliers oder Schürzen, 
welche zu sticken oder zu verbrämen erlaubt wurden, ausgenommen 
waren. Nur diejenigen, welche bei Hose aufwarteten, hatten zur 
Zeit ihres Dienstes die Erlaubniß, Edelgesteine auf dem Kopf in 
den Haaren, desgleichen Agraffen zu tragen, außerdem aber und 
besonders beim Gottesdienst nicht. Ferner wurde der Gebrauch 
der silbernen Kanten, Kampanen, Gallaunen, große Litzen und 
Franzen auf den Kleidern der Mannspersonen, sowohl bei Hose 
als in der Stadt verboten und nur den hohen Hos- und anderen 
vornehmen Bedienten und denen es sonst zukam, verstattet, sich 
goldener und silberner Knöpfe und Knopflöcher mit Gold und 
Silber durchnäht, desgleichen eine Einfassungs-Gallaune zu bedienen. 
Die Frauenzimmer sollten diese Zierrathen auch nicht auf den 
Oberkleidern haben; diejenigen ausgenommen, welche bei Hofe er 
scheinen mußten. Auf den Unterröcken könnten sie sich sowohl bei 
Hose als in den Städten einer Brodure von dergleichen goldenen 
oder silbernen Kanten, Kampagnen, Gallaunen und Franzen, nach 
Standes-Gebühr und daß eine jede darunter sich der Modestie zu 
bescheiden wisse, bedienen. Bürger- und Handwerkerfrauen oder 
Töchter, auch Gesinde sollen nichts in Gold oder Silber tragen, 
sondern nur höchstens zu seidenen und wollenen Gallaunen be 
rechtigt sein. Die Frauenzimmer, denen auf den Unterröcken Gold 
oder Silber zu tragen erlaubt ist, können nach der Verordnung 
seidene Kanten von allerhand Farben nehmen und ihre Kleider 
damit verbrämen. Vornehme Hofbedicnte und deren Frauen, Hof- 
Kavaftere und -Frauenzimmer mögen sich weißer Kanten, Points 
de Venise, de France, d'EsPagne und d'Angleterre bedienen, doch 
nicht die Kleider und Röcke damit einfassen. Den Vornehmsten in 
Städten sind nur allein brabantische Kanten, und den geringeren 
Bedienten, wie auch gemeinen Bürgern und Handwerksleuten, 
Frauen und Töchter, wie nicht weniger dem Gesinde allein ein 
heimische Kanten zu tragen erlaubt. Sammet und Seide kann der 
tragen, dem es zukommt; jedoch sollen geringen Bedienten, Hand 
werkern, gemeinen Bürgern und deren Angehörigen und Gesinde 
der Gebrauch ganz seidener Kleider untersagt sein. Niemand als 
das kurfürstliche Haus behält das Recht, auf ihren Livreen sich des 
Goldes und Silbers zu bedienen. Die vornehmsten Bedienten, 
Geheime Räthe und Generäle erhielten die Erlaubniß, sich dazu 
der seidenen Schnüre zu gebrauchen, die übrigen alle aber nur von 
Kameelhaaren. Räthe, Geheime Sekretarien und die, welche mit 
ihnen in gleichem Range standen, konnten zu diesem Behuf weder 
Schnüre noch gefärbte Tücher nehmen. Auch blos die, welche die 
vornehmsten Hofämter bekleideten, als Geheimräthe und Generäle 
dursten ihre Kutschen mit Sammet und Seide ausschlagen; alle 
Vergoldungen an denselben waren verboten. 
Aus Hochzeiten und Gastereien sollen die Vornehmsten nicht 
mehr als acht Schüffeln, ohne Zugemüse und Salat, die vom 
mittleren Stande sechse und die Geringern nur vier Schüsseln auf 
setzen; solche aber nicht pyramidenweise anrichten. Bei großen 
Ausrichtungen ward erlaubt, dreierlei Gebratenes in eine Schüssel 
zu legen. Vorzüglich ward jedoch verboten, eine Schüssel mit ver 
schiedenen Assietten anzurichten. Ebenso sollte es mit den Konfitüren 
gehalten werden und nicht mehr damit angefüllte Schüsseln, als 
Speisen vorhanden wären, solche auch nicht Pyramidenweise auf 
gesetzet, ferner bei Kindtaufen und Begräbnisse, selbst bei den Vor 
nehmsten in den Residenzstädten alle Mahlzeiten abgeschafft werden. 
Auf dem Lande und in den kleinen Städten wurden bei Hochzeiten, 
Kindtaufen, Begräbnissen und Gastereien, den Adeligen nur sechs 
bis acht, den Predigern und Beamten, Magistratspersonen in der 
gleichen Städten, vier bis sechs, dem gemeinen Bürger und Bauer 
aber nur drei Schüsseln auszusetzen erlaubt. Alle bei solchen Ge 
legenheiten vorfallenden übermäßigen Kosten untersagt das Edikt 
und befahl, daß die Hochzeiten in den Städten sowohl als aus 
dem Lande nur einen Tag währen sollten; und zwar auf dem 
Lande blos mit zwei Mahlzeiten (als eine des Tages an welchem die 
Trauung geschähe und des folgenden Mittags eine) gefeiert werden 
durften. Die auf die Uebertretung dieser Vorschrift festgesetzten 
Strafen bestanden, zum ersten Male nach Stand und Vermögen, 
in 5 bis 20 Thaler, zum zweiten Male in 20 bis aus 50 Thaler, 
zum dritten Male in Leibesstrase, deren schärfste Ausübung bei 
Nichtbeobachtung derselben ernstlich angedroht wurde. 
So gut nun diese Verordnung gemeint sein mochte, so machte 
sie dennoch wenig Wirkung und fand zu geringe Anwendung, viel 
mehr nahm die Kleiderpracht seit ihrer Erscheinung zu und dies 
konnte auch bei so manigfaltigen Anreizungen, die sich vom Hose 
aus verbreiteten, gar nicht fehlen. Besonders fing der Bürger 
stand an, demselben stärker als jemals nachzuhängen, ohne dabei 
auf seine Lage und das Vermögen zur Ausführung Rücksicht zu 
nehmen. Man darf aber nicht glauben, daß sich Berlin dadurch 
allein auszeichnete. Im ganzen brandenburgischen Staat zeigte 
sich ein Bestreben äußerlich glänzen zu wollen und man findet be 
sonders, daß das weibliche Geschlecht keine Grenzen kannte, dem 
selben nachzuhängen. Zum Beweise will ich hier eine ungedruckte 
Verordnung, an den Magistrat zu Tilsit, mittheilen, welche dies 
bestätigen wird. 
Friedrich König in Preußen k. 
Legetrl. Euch ist zur Genüge bekandt, was für heilsahme Ver 
ordnungen Wir hiebevor wegen der einzuschrenkenden Kleiderpracht 
ergehen zu lassen, es gereichet Unß aber zu desto mehreren Miß 
fallen, daß Unserer hierbey führenden Landes-Väterlichen Vorsorge 
welche lediglich auf die Wohlsarth und Conservation Unserer Unter 
thanen abzielet, und die ein jeder billig mit dehmüthigstem Dank 
erkennen sollte, wenig nachgelebet, hingegen solche fast gar aus dem 
Augen gesetzet wird, und der lnxns und Uebermuth bey denen 
Leuten täglich mehr zu ihrem eigenen Verderben einreißet, in dem, 
da sie wegen der schlechten und nahrlosen Zeiten öffters klagen, 
dessen ohngeachtet dennoch geringen Standes - Leute aus denen 
Zünfften und Gewerken der Städte in ihren und ihrer Eheweiber 
große Ueppigkeit treiben. Weil nun dergleichen schädliche excesse 
besonders auch in Unserer Stadt Tilsit bisher vorgegangen, solche 
aber denen Einwohnern selbst und dem pnblico zum Besten abzu 
schaffen, und sie dergestalt, wie die vorhin bereits ernannte Kleiber- 
Ordnung Ziel und Maß giebet, einzuschränken die Nothwendigkeit 
erfordert; Alß befehlen Wir Euch hiermit allergnädigst, denen 
Gemeinen Bürgern aldort ihren Ehe Weibern und Töchtern auch 
Wittiben, das tragen alles Sammet- und seidenen Zeuges, auch 
Goldt und Silbers auf denen Kleidern und Mützen, denn des 
Goldenen, silbernen und andern kostbahren Bandes, ingleichen der 
fremden und feinen Spitzen auf den Hauben und sogenannten 
fontangen, auch an den Ermeln und Tüchern, den Zobelnen 
Mützen und falbala von was Art die immer seyn mögen, der
        
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