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Periodical volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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glänzende Waffenthaten bei St. Privat und Sedan der eine, bei 
Bapaume der andere, das eiserne Kreuz erster Klasse errungen. 
Sie hatten dadurch einen besonderen Platz im Herzen ihres ritter 
lichen Oheims erobert. Und als der Tag des Einzugs der sieg 
reichen Heere in Berlin gekommen war, konnte er's sich nicht ver 
sagen, diesen Ehrentag seiner alten Waffenbruder mitzuerleben. 
Auch drei Jahre später ist er noch einmal in Berlin und Pots 
dam gewesen und bei der Gelegenheit vom Kaiser und Kronprinzen 
mit hoher Auszeichnung behandelt worden, was ihn innig erfreute. 
— Auch hier konnte es heißen: „Ende gut. Alles gut." 
H Im Frieden mit Gott und Menschen ist er denn auch wenige 
Tage vor Vollendung seines 83. Lebensjahres, ohne Todeskamps 
aus diesem Leben geschieden. 
§ Am 5. Juni 1882, Nachmittags 4 Uhr, als man eben die 
letzten Baugerüste von dem neuen, durch seine opferwillige Liebe 
der Gemeinde Muri erbauten Thurm abnahm (er konnte ihn von 
seinem Sterbelager aus sehen), sank auch seiner Seele sterbliche 
Hülle und Hütte dahin; sie ging ein zu ihres Herrn Freude. 
Die Memoiren eines Kaisers von Madagaskar. 
Herausgegeben von WsSiic Sifimrfirf. 
Borbericht des Herausgebers. 
Ich biete dem Publikum in den folgenden Blättern die Auf 
zeichnungen eines berühmten Unglücklichen dar, der zu den merk 
würdigsten Persönlichkeiten des Zeitalters Ludwigs XIV. gehört. 
r: Es ist ein Doppeltes, was mich zur Herausgabe dieser höchst 
interessanten Memoiren bewogen hat. Die Selbstbekenntnisie des 
Marquis de Langallerh sind zunächst niemals vollständig er- 
schienen. Wohl giebt es eine Ausgabe derselben, — allerdings auch ein 
höchst seltenes Buch, — welche Gautier de Paget 1743 bei 
Daniel Allaud im Haag hat erscheinen lasten. Das Büchlein ist 
den« berühmten Mynherrn von Haaren, dem Deputirten Wcstsries- 
lands bei den Hochmögenden Generalstaaten, gewidmet. Darin 
aber, grad' in diesem Umstande, liegt die Unzulänglichkeit dieser 
Ausgabe! Alles, was in Langallery's Aufzeichnungen den patrio 
tischen Holländer zu verletzen im Stande war, ist sorgfältig ge- j 
strichen. Als nun ein seltener und überaus glücklicher Zufall, 
über welchen ich vorerst noch Schweigen beobachten muß, mir die 
ächten, im Gefängnisse zu Wien aufgezeichneten Memoiren des 
illustren Abenteurers in die Hände führte, glaubte ich mit einer 
Herausgabe derselben, die mir gütigst gestattet wurde, um so 
weniger zögern zu dürfen, je wichtiger das in diesen Papieren 
enthaltene Material für eine tiefergchende Kenntniß der Zeit, 
namentlich in kulturgeschichtlicher Beziehung, mir zu sein schien. 
Ich hätte diesen beiden durchschlagenden Gründen noch viele 
andere, weniger schwer wiegende beifügen können. Die nach 
stehenden Memoiren tragen z. B. das Gepräge lauterer Wahrheit 
an sich; der Aufzeichnende deckt seine Schwächen und Fehler vor 
uns auf! Das flößt Vertrauen zu seinen sonstigen Mittheilungen 
ein, welche fast die gesammte große Welt jener Tage berühren! 
Seine Geschicke ferner sind abenteuerlicher selbst noch als die des 
Königs Theodor von Korsika. Ich muß weiter gestehen, — mich 
fesselte die Sprache Langallerh's, — so nur darf der Name ge 
schrieben werden, wie ich aus dem authentischen Manuskripte er 
sehe, — selbst dann, wenn der Marquis über seine Kriegsthaten 
berichtet. Daß endlich die Veröffentlichung dieser Memoiren in den 
Blättern des „Bären" erfolgt, hat gleichfalls seinen ganz besonderen 
Grund. Denn ein Abschnitt dieses romanhaften Lebens hat sich 
in der Mark abgespielt, in Frankfurt, Müncheberg und 
Berlin. Ich glaubte also endlich einmal das große Publikum 
auf den Mann aufmerksam machen zu müsten, welcher, nachdem 1 
er Kaiser von Madagaskar gewesen, die Gastfreundschaft unseres 
Königshauses und die der adligen wie der bürgerlichen Kreise der 
Mark genoffen hat. — 
Mit leichter Mühe hätte ich die Memoiren Langallerh's 
poetisch umarbeite» können. Allein ich zweifelte, ob ich etwas 
Befferes geben könnte, als der Gefangene des „Paler-Thurmes" 
von Wien selbst, wie sich der Marquis und Kaiser einmal nennt. 
Jedenfalls aber wäre bei einer Umarbeitung der historische Werth 
der nachfolgenden Aufzeichnungen beeinträchtigt worden. Ich ent 
schloß mich daher, den Messire Philipp Gentil de Langallerh selbst 
sprechen zu lasten. Möge er selbst sich Verzeihung für seine Ver 
irrungen und Mitleid mit seinem an jähen Wechselfällen überaus 
reichem Schicksal erwerben! Und wenn die Dichter sagen: „Wir 
wollen zugleich ergötzen, nützen und belehren," — ich meine Philipp 
de Gentil darf dann sich ihnen auch anreihen, obwohl ja das, 
was er erzählt, nicht poetische Fabel, sondern historische Wirk 
lichkeit ist! 
* * 
* 
Erstes Buch. 
I. 
Es ist eine entsetzliche Muße, welche mir jetzt der Kerker ge 
währt, in welchem man mich ungerechter Weise gefangen hält! 
Es bleibt mir nichts Anderes und nichts Besseres während derselben 
zu thun übrig, als daß ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichne! 
Sie sind so seltsam, so wirr, so außerordentlich, daß ich hoffen 
darf, sie werden das Jntercffe des Lesers erregen! Mit Erstaunen 
wird man aus ihnen ersehen, wie launisch das Schicksal sein kann! 
Und ich hoffe es: mein Lebensgang wird auch belehren! Man 
wird aus ihm ersehen, daß ein Vegetiren in der Dunkelheit dem 
Verweilen an glänzenden Höfen weitaus vorzuziehen sei. Denn 
nur ein solches schützt vor jähen Schicksalsschlägen, schützt vor 
der grausamen Fortuna, welche schon dann auf Unheil sinnt, wenn 
sie uns die höchste Gunst zu gewähren scheint. Dem Donnergotte 
ähnlich, trifft das Geschick am häufigsten aber gerade das, was 
die Mittelmäßigkeit überragt! 
Ich bin in Engoumais im Jahre 1656 geboren worden. 
Der furchtbare und verabscheuungswürdige Ravaillac ist mein 
Landsmann; — man hat seltsamer Weise von mir nicht weniger 
gesprochen, als von ihm! Er aber war ein Ungeheuer an Treu- 
losigleit; ich darf dem Mörder Heinrichs IV. gegenüber mich be 
klagen, daß ich allezeit nur zu viel an Hingebung denen bewiesen 
habe, denen ich diente! Er hat den Tod von Henkershand erlitten; 
ich werde Tag für Tag versucht, mir das Leben mit eigener Hand 
zu nehmen, um nur mein Unglück nicht zu überleben! 
Mein Vater, einer der hervorragendsten und angesehensten 
Edelleute der Provinz, gab mir eine treffliche, eine gelehrte Er 
ziehung. Er selbst war zwanzig Jahre lang Reiter-Offizier ge 
wesen; mich aber glaubte er im geistlichen Stande am besten 
versorgen zu können! Freilich nahm er dabei keine Rücksicht auf 
meine Neigung, noch auf mein Temperament, welches sich mit 
einem stillen, unthätigen Dasein nicht befreunden konnte. Im 
Schooße seiner Familie und in der Zurückgezogenheit hatte er 
selbst wohl erst das rechte Glück gefunden; er glaubte daher seine 
Pflicht zu verletzen, falls er nicht auch mich zu jener Ruhe heim 
geführt hätte, welche er selbst einst so heiß im Gewühle der Welt 
sich erwünscht hatte. So wurde ich denn dem frommen und ge 
lehrten Herrn von Nömond, dem Bischose von Montauban in 
Ober-Guienne, übergeben. Dieser Prälat hatte seine Freundschaft 
für meinen Vater auch auf mich übertragen. Und mehr noch! 
Sein Blut sprach ja dem Bischöfe auch für mich! Er war der 
Oheim meiner Mutter, welche denselben Namen trug wie er, und 
liebte mich wie einen Enkel, da ich einer Ehe entsprossen war, die 
er selbst einst durch seinen priesterlichen Segen geweiht hatte.
        
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