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Periodical volume 11. Juli 1885, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 11.1885

Fritz gelitten hat, und mehr noch meine Schwester Wilhelminc, 
weil sie treu zum Bruder hielt." 
„Aber jetzt ist sie frei, und die Erbprinzeß von Baireuth 
wird der gewonnenen Freiheit sich zu freuen wisien. Ich 
sollte nur an ihrer Stelle sein, — wie wollte ich mich schad 
los halten!" 
„Wer weiß! Der Schwester Briefe, die erst so glücklich 
lauteten, verrathen zu Zeiten nicht allzu viel davon. Sie 
kämpft den alten Kamps zwischen Liebe und Entsagung, — 
aber sie hat des Bruders philosophischen Geist! Mr ist der 
selbe nicht beschieden. Ihr Alle seid glücklicher daran, Mignon; 
Ihr dürft das Herz sprechen lasten bei Eurer Wahl; nach 
unserer Neigung und Befähigung wird nicht gefragt." 
„Und doch hat die Frau Erbprinzeß frei gewählt!" 
„Das nennst Du 
freie Wahl? Dir, 
Mignon, kann ich es 
sagen, denn ich habe 
kein Hehl vor Dir: 
wäre ihr Herz ge 
fragt worden, sie wäre 
jetzt Kronprinzeß von 
England. Aber die 
österreichische Politik 
änderte ihre Pläne, 
und mein gestrenger 
Herr und Vater grollte 
mit den Engländern, 
schon weil sie heim 
lich Friedrichs Partei 
genommen hatten. 
Ich war damals fast 
noch ein Kind, — 
Wilhelmine ist um 
Vieles älter, als ich, 
— aber des Morgens 
werde ich nie ver 
gessen, an dem der 
König erfuhr: Lord 
Hotham, der britische 
Gesandte, habe mit der 
Mutter,—Du weißt, 
sie war Georgs I. 
Tochter, — die Doppelheirath heimlich geplant-" 
„Fritz war arglos zum befohlenen Morgengruß, wie jeden 
anderen Tag, vor den Vater hingetreten . . . Was soll ich 
es Dir erzählen, wie schimpflich er ihn behandelte, — und 
der Kronprinz war fast majorenn. Es war ein angstvoller 
Tag; wir flüchteten Alle vor des Vaters Zorn. Dann kam 
der unselige Fluchtversuch. Mignon, Du weißt das Alles; 
es ist offenkundig geworden in der weiten Welt. Auch Wil 
helmine hatte zu leiden, daß es mir oft das Herz erbarmte. 
Der König hielt sie in strenger Haft- Meiner achtete 
man wenig, und so konnte ich mich einst zu ihr hinschleichen. 
Ja, Du siehst mich verwundert an, Mignon! Ich mag ebenso 
darein geschaut haben, als Wilhelmine mir weinend um den 
Hals fiel, — denn wir waren uns fremder, wie Geschwister 
einander sein sollten, und ich war so viel jünger, als sie, — 
aber die Aermste hatte Niemand, zu dem sie sich aussprechen 
Das Ktrinthor zu Ärnswaldr. 
Aus: Berg au, Inventar der Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg. 
durfte. Der König hatte ihr kurz zuvor drei Prinzen vorge 
schlagen, von denen sie sich einen zum Gemahl erwählen sollte: 
den Erbprinzen von Baireuth, den Herzog von Sachsen- 
Weißenfels und meinen jetzigen Gemahl. Die Schwester war 
in Verzweiflung. Eine Wahl mußte sie treffen, denn im Falle 
der Weigerung hatte der König ihr mit lebenslänglicher Haft 
gedroht, und sie war noch so jung und so voller Sehnsucht 
nach Freiheit. Im Falle willigen Gehorsams war ihr für 
den Bruder ein milderes Loos verheißen, und der König 
wußte genau, wie sehr sie am Bruder hing." 
„Und die Frau Erbprinzeß entschied sich für ihren jetzigen 
Gemahl?" 
„Ja, weil sie von ihm am wenigsten wußte! Die Ent 
lastung aus der Hast belohnte Wilhelmine für den schnell ge 
faßten Entschluß." 
„Das große Bri 
ten - Reich und das 
kleine Baireuth — 
welcher Gegensatz! 
Wie verfiel nur des 
Königs Wahl gerade 
auf den Erbprinzen 
von Baireuth?" 
„Mein königlicher 
Vater war in Bai 
reuth gewesen, seinen 
Vetter, den Mark 
grafen Friedrich Carl, 
zu sehen. Er fragte 
nach dem Erbprinzen, 
der damals noch in 
Genf die Universität 
besuchte, moquirtesich 
darüber und meinte, 
der Cousin möge den 
Sohn endlich heim 
kommen lasten; er 
wisse eine Frau für 
ihn. Der alte Mark 
graf that es in Spar 
samkeit seinem könig 
lichen Vetter gleich. 
Er mochte glauben, 
die Tochter ähnele hierin dem Vater und werde sich als eine gute. 
schlichte Landesmutter bewähren. So wurde denn Wilhel- 
minens Bildniß übersandt, die Werbung ward in aller Form 
übermittelt, die Trauung folgte, und — die Enttäuschung 
blieb nicht aus. Nach seinen eigenen Worten fand der spar 
same Fürst an seiner Schwiegertochter viel zu wünschen. Sie 
war ein Weltkind, das Feste und Reisen liebte und, statt am 
Webstuhl zu sitzen, lieber an geistreichen Disputationen sich 
betheiligte oder philosophische Briefe mit dem Bruder oder gar 
mit Voltaire, dem Antichrist, wechselte. Markgraf Friedrich 
Carl hielt die junge Erbprinzeß streng und knapp genug." 
„Aber jetzt, Hoheit, nach des Markgrafen Tode, ist sie 
die Herrin ..." 
„Eines kleinen, engbegrenzten Reiches, — sie, die mit ihrem 
klaren Geiste, mit ihrem schnellen Blicke wie geschaffen schien, die vier 
Kronen des großen Britenreiches würdig zu tragen." (Forts, f.)
        
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