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Periodical volume 11. Juli 1885, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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für unsere Gelder keine Werthe ein, — wie sollen wir den 
Werth der Dinge um uns her bemessen? Kaum, daß ich dem 
Bettler selbst die Gabe reichen darf; und dann weiß ich nicht, 
ob er einen Tag, ob er eine Woche davon zu leben vermag! 
Sage Du mir's Kind; sind hunderttausend Thaler, wie mein 
königlicher Vater sie mir zur Mitgift bestimmte, wirklich eine 
so gar geringe Summe?" 
Die junge Dame lachte: „Hoheit, mir wär' es schon recht, 
wenn ich je hoffen dürfte, den zehnten Theil mein eigen zu 
nennen. Dann wäre die kleine Mignon von Grumkowska 
kein armes Fräulein mehr, sondern eine vielumworbene Dame." 
„Mein Gemahl scheint mit anderem Maße zu messen," 
seufzte die Markgräfin. „Er hat mir heute erklärt, die Summe 
reiche kaum, einen Stall dafür zu bauen." 
„Und zum Beweise hat Seine Hoheit wohl das neue 
Exerzierhaus in Angriff genommen? Man sagt, es solle ein 
Prachtbau werden; der Dachstuhl sei kunstvoll durch Hänge 
werk gebildet ..." 
„Um seine Leibkompagnie dort zu exerzieren?" 
„Vermuthlich! Eins, zwei! Eins, zwei!" zählte das junge 
Mädchen, gravitätisch die militärischen Uebungen nachahmend, 
augenscheinlich in der Absicht, der Gebieterin ein Lächeln ab 
zugewinnen. Dicht vor deren Sessel machte sie eine Schwen 
kung und blieb salutirend stehen: „Stillgestanden! Rührt Euch!" 
Als eine entfernte Verwandte der Frau Oberhofmeisterin 
von Winterfeldt war Mignon von Gnunkowska, ein halbes 
Zeit war davon wenig mehr zu sehen, das Meiste hatte trotz des Kunst 
werthes Friedrich II. einschmelzen lasten. 
Ueber das Silber, welches Friedrich Wilhelm I. zu sicherer Anlage 
und zu gelegentlichem Prunk in Augsburg bestellte, hat Theodor Her- 
berger, der Archivar der Stadt Augsburg, schon 1852 ein interessantes 
Aktenstück veröffentlicht, das seines Werthes wegen Lessing wörtlich re- 
produzirt. Es ist das die amtliche Schätzung des Augsburger Münz 
wardeins Frings, die dem Rathe der Stadt eingeliefert werden mußte. 
Da waren dann „erstlich an Wandleuchtern über 60 Stück, und folgt das 
Gewicht von Silber und aller Arbeit." Jeder Leuchter hatte seine eigene 
Bezeichnung; da war der Flavius Vespasianus im Gewicht von 567 Mark 
14 Loth 2 Quint, der Constantinus Magnus im Gewicht von 644 Mark 
15 Loth 2 Quint 1 Aß u. s. w., eine Reihe römischer Kaiser, dann auch 
Carolus Magnus, Honorius, Arradius; es folgen die vier Jahreszeiten, 
die vier Elemente, achtzehn Tugenden, zwölf Leuchter mit Kriegsarmaturen 
— sämmtliche Leuchter im Gesammtgewichte von 17 432 Mark. Nun 
kommen zwei Spiegel, drei Gueridons, mehrere Tische mit Reliefs, wie 
z. B. Scipio in einer Bataille, Curtius vor dem Abgrund, dann mehrere 
Vasen, Karaffen, Viktorinen, Dosen, Pokale und Bouteillen, von denen 
mehrere über 450 Mark Silber Gewicht hatten, Pastetentöpfe, ein „Lavor" 
(Lavoir) und als Hauptstück ein großer silberner Tisch, „oben Valeriani 
Triumph und viel anderes flach getrieben, unten vier große Adler mit 
schlauen (Sklaven?), Kriegsarmaturen und Fußbank" wog 2 245 Mark 
6 Loth. Die ganze „Bestellung" des Königs zusaminen wog 35 597 Mark 
und repräseutirt bei einem Satz von 17 Gulden somit allein einen 
Silberwerth von 605 000 Gulden oder 1 210 000 Mark. 
Vergleicht man hiermit Nicolai's Angabe» vom Jahre 1786, so 
sieht man, daß zu seiner Zeit das Silber Friedrich Wilhelms I. noch 
ziemlich vollständig war, und daß er noch Einiges von Friedrich I. an 
führte; andererseits erhellt soviel, daß Frings nicht Alles überhaupt von 
Friedrich Wilhelm I. bestellte angab. 
Als Verfertiger jener Arbeiten (in der Gullmannschen Silber 
handlung) in Augsburg nennt Stetten uns die drei Brüder Dr ent 
wert, Johannes Engelbrecht, Johann Ludwig Biller, Georg Lorenz 
Gaap, welch Letzterer nach den Zeichnungen Riedingers auf den 
Leuchterschilden Pferde movellirte. Die von alledem noch erhaltenen 
Stücke, zwei Armleuchter, zwei Büchsen und zwei Terrinen befinden sich 
auf der Tischplatte des großen Büffets im Rittersaal«. 
Unter den hinzutretenden Ergänzungen findet sich Einiges aus dem 
Kind noch, an den markgräflichen Hof gekommen, versuchsweise 
der ältesten der kleinen Prinzessinnen als Spielgefährtin zli 
dienen. Zu keck und schon zu alt für diese, wurde sie, seltsam 
genug, der jugendlichen Markgräfin eine Freundin. Wie cs 
gekommen, und wie das bei den verschiedenartigen Charakteren 
Beider möglich geworden, war Allen bei Hose ein Räthsel, 
der gestrengen Oberhofmeisterin das größte- Sie hätte wohl 
Einwendungen gegen das Verhältniß erhoben, aber das wäre 
vergebliche Mühe geweseil, denn auch der Markgraf war der 
stets fröhlichen „kleinen Hexe", wie er sie nannte, freundlich 
gesinnt. Heiteren Sinnes lachte Mignon aller scheelen Blicke, 
hatte für jedes spöttische Wort eine scherzhafte Erwiderung 
und suchte mit der vollen, schwärmerischen Innigkeit, wie sie 
allein der Jugend eigen ist, der Gebieterin für jede Gunst zu 
danken. 
„Nun, Hoheit, sind die Wolken fort?" fragte Mignon, 
mit heimlicher Besorgniß der Herrin in's Antlitz blickend. 
Diese schüttelte ernst den Kopf: „Nein, Mignon! Und 
doch sollte ich an Stlirm und Wolken gewöhnt sein, wie der 
Gefangene sich an das Gitter seiner Zelle gewöhnt und noch 
sich freuen mag, wenn es einen Sonnenstrahl hindurchläßt! 
Schon mein königlicher Vater hat uns nicht leicht gehalten 
und die alten Gemächer des grauen Schlosses an der Spree 
könnten von manchem Sturm und manchem Blitze, der einge 
schlagen, erzählen. Auch über mein Haupt hat sich manch 
Unwetter entladen ... Du weißt, Kind, wie mein Bruder 
sog. Magdeburger Silber aus der Werkstatt des Meisters Georg 
Oberdieck, welches 1681 dem großen Kurfürsten verehrt worden. Er 
halten sind zwei große silberne Leuchter, ein über ein Meter hoher 
silberner Tafelaufsatz, als ein von dem Atlas getragener Globus 
dargestellt (datirt von 1667, gewidmet vom Bürgermeister und Rath derStadt, 
mit dem Meisterstempel P. 0. versehen), ferner ein kleiner und ein größerer 
Münzhumpen, ersterer mit dem Stempel des Gerh. Oberdieck, letzterer 
wahrscheinlich eine Arbeit von Daniel Männlich in Berlin; schließlich 
gehört dazu ein jugendlicher Bacchus mit Füllhorn, auf einem Fuße 
stehend auf einem vergoldeten Sockel. 
An Münzhumpen haben wir einige beträchtliche Stücke zu ver 
zeichnen; einer mit dem Stempel von Augsburg von einem Meister '1' B 
aus dem Anfang des XVIII. Jahrhunderts; es folgt eine Gruppe von 
vier kleineren Humpen mit den Initialen des Herzogs von Croy, der 
Jahreszahl 1684 und der Bodenschrift: Ex testamento Ernesti Bogeslav 
Dueis Croyae D’Arschotaei 1684, also ein Vermächtniß des letzten Sprossen 
des alten pommerschen Fürstenhauses. Der große Münzhumpen des Berliner 
Goldschmieds Christian Lieberküh», 96 Centimcter hoch und vornehmlich 
aus alten brandenburgischen Thalern zusammengesetzt, ist über 140 Pfund 
schwer und hat einen künstlichen Ablaßhahn. Auf einzelnen der aus Berlin 
herrührenden Stücke steht der Stempel I). bl. (David Männlich), auf 
einem andern BEET, Buchstaben, die von Lessing mit einem Fragezeichen 
versehen sind. Von Männlich, dem Freunde Andreas Schlüters, rühren 
desgleichen noch zwei zweihenklige Humpen mit Kurfürstcnkrone her, während 
eine schlankere Thalerkanne dem lausenden Jahrhundert schon angehört. 
Werthvolle Eimzelstücke auf der Tischplatte des Silberbüffets sind: 
ein 79 Centimeter hoher silbernvergoldeter, gebuckelter Prachtpokal mit 
einer Diana und dem Meisterzeichen des Hans Petz old t (um 1570); ein 
etwas kleinerer erst kürzlich (1867) erworbener Prachtpokal aus Nürn 
berg mit dem Zeichen des Wenzel Jamnitzer (um 1570) und den Figuren 
Maximilians II., der Bischöfe von Salzburg, Baniberg und Würzburg 
und des Pfalzgrasen Philipp Ludwig von Neuburg, zwei weitere gebuckelte 
Pokale, zwei Silberflaschen aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts; eine 
Pilgerflasche deutscher Arbeit des XVII. Jahrhunderts, zwei suberne Ge 
fäße mit dem Stempel 6. E., ein Augsburger Tafelaufsatz (Globus) von 
1696 inschristlich von Christoph Schmidt, ein getriebener Aufsatz, eine 
einen Ballen tragende Gestalt, vielleicht von Heinrich Männlich, endlich 
zwei jetzt als Thronsessel benutzte silberneStühle ebenfallsaus Augs 
burg, die dem Sebastian Mylius zugeschrieben werden.
        
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