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Periodical volume 4. Juli 1885, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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wo die Spandauer Begräbnitzstätte gelegen hat (am Armesünder 
wege, auf einer älteren Karte Schinderweg genannt) für den 
Begräbnißplatz der Berliner Juden nichts beweisen und auswärtige 
Leser nicht interessiren würde. Da jedoch von der ersteren Stätte 
hier einmal die Rede ist, so möge noch ein Vorgang aus dem 
Jahre 1506 mit berichtet werden, welcher nebenbei auch den 
Spandauer Judenkiewer betrifft, und an sich in weiteren Kreisen 
bekannt zu werden verdient. 
In dem genannten Jahre ließ Joachim I. die beiden Spandaui- 
schen Bürgermeister Bastian Ruecker und Burchard Markert zu sich 
am das hiesige Schloß kommen, und begehrte die Stadtprivilegien 
zu sehen. Nachdem er die Urkunden gelesen, fragte er, was der 
Rath von Spandau gethan habe, daß die löblichen Fürsten so 
ausgedehnte Freiheiten bewilligt hätten. Darauf antworteten die 
Bürgermeister: Von den „Aeltesten" hätten sie gehört, daß der 
Herzog von Schwerin lange Zeit vor Spandau gelegen hätte mit 
zwei Heeren, mit einem vor dem Kloster- (Potsdamer) Thore, mit 
dem anderen hinter dem großen Kiewer. Man fände dort 
beim Graben noch heutigen Tages Panzer, Schwerter jc. Denn 
es wäre in alter Zeit eine große Schlacht geschlagen worden. Der 
löbliche Fürst, der ihnen die Privilegien gegeben, wäre zu ihnen 
in die Stadt eingezogen und hätte die Feinde mit Hüffe der Bürger 
von der Stadt abgetrieben bis auf den Kremmener Damm; sie 
hätten den Fürsten von Schwerin da so zugeschlagen, daß man 
noch heutigen Tages Spuren davon fände. Nachher seien sie mit 
Freuden auf das Schloß zu Spandau gezogen und der Fürst hätte 
sie wegen ihrer bewiesenen Treue und Stetigkeit mit den Privilegien 
beschenkt und begnadigt. Da der Kürfürst Joachim dies so gehört, 
hat er die Spandauer belasten bei allen ihren Privilegien, Gnaden 
und Gerechtigkeiten. 
Der Bericht über die Audienz aus dem Schlöffe stammt 
aus einem alten Stadtbuche, dem sogenannten „alten Schultze", 
mit dem ursprünglichen Wortlaute abgedruckt im Codex Riedel 
Band XI, Seite 500. Allerdings leidet der Vortrag der Bürger 
meister an einzelnen historischen Ungenauigkeiten, in Folge einer 
fast 200 jährigen Tradition. Die mögen dahin gestellt bleiben. — 
Da der „alte Schultze" erst im Jahre 1856 durch den Bürger 
meister Rödelius aufgefunden worden ist, so kannte ihn Dilschmann 
nicht. Dieser kommt aber doch auf die Angelegenheit zu sprechen, 
und zwar Seite 77: 
„Das älteste Stadtsiegel ist von einem 1282 ausgefertigten 
Diplom genommen und bestehet aus einem als ein Kastell 
gebaueten Thor, über welchem Zinnen gesetzt sind; darüber 
befindet sich eine Sturmhaube, die mit den Klauen eines 
Raubthieres geziert ist. Der Brandenburgische Adler ist 
mitten im Eingänge des Thors, welches auf jeder Seite einen 
Wartthum hat, mit der Umschrift: 8. RorZsusium cks Zpandov. 
Hernach ist dasselbe etwas abgeändert worden. Die Abän 
derung desselben soll bei der Gelegenheit geschehen sein, da die 
treuen Spandvwer bei dem Heere des Marggraien Ludewig*) 
in der Schlacht am Cremmenschen Damme 1334 sich überaus 
tapfer bewiesen haben sollen." Z. S. Sp. 
Miscelltn. 
Heneralfecdmarschall Edwin Kreiherr von Wantcnffek +. (Hierzu 
das Portrait S. 572.) Am 17. Juni verschied in Karlsbad der Kaiser 
liche Statthalter in Elsatz-Lothringen, Generalfeldmarschall Edwin Freiherr 
von Manteuffel, der durch die umsichtige Verwaltung der wiedererworbenen 
Landestheile dem deutschen Vaterlande einen unvergeßlichen Dienst ge 
leistet hat. In einer Kabinetsordre des Kaisers vom Sterbetage selbst heißt 
es: „Gottes Fügung hat Mir, Meiner Armee und dem Vaterlande durch 
den Tod des Generalfeldmarschalls Freiherrn von Manteuffel wiederum 
einen schweren Verlust auferlegt. Wir haben uns dem Willen des all 
mächtigen Gottes zu beugen, aber unsere Herzen trauern tief und schwer 
um diesen, in so vielen besonders wichtigen Stellungen hochverdienten 
und hochbewährten Mann, den Mein wärmster Dank zu seiner letzten 
Ruhestätte geleitet und dessen treue Verdienste Ich wahrlich schmerzlich 
vermissen werde." Die Biographie des am 24. Februar 1809 in Lübben 
geborenen Feldmarschalls brachten wir bereits im IX. Jahrgang (Nr. 22) 
und begnügen uns daher mit der Beifügung eines Portraits, das der 
Feldmarschall selbst als ein sehr gelungenes bezeichnet hat. Die Beisetzung 
der irdischen Hülle erfolgte am 21. Juni in der Gruft des Schlosses zu 
Topper bei Züllichau, dessen Abbildung wir nach einer Originalzeichnung 
von C. Münzenberg erst vor einigen Wochen gegeben haben. Manteuffel 
ruht dort neben seiner im Jahre 1879 ihm vorausgegangenen Gattin. 
Me Kirche zu Mkokskoe, in welcher am 18. Juni Prinz Friedrich 
Karl beigesetzt wurde, ist auch die Begräbnißstätte der Eltern desselben, 
des Prinzen und der Prinzessin Karl von Preußen. Das kleine Gottes 
haus liegt hoch über dem Spiegel der Havel wenig oberhalb Glieneke 
und gegenüber der Psaueninsel, rings von altem schattigen Waldesgrün 
umfangen. Die Kirche wurde noch unter Friedrich Wilhelm III. von 
Schadow und Stüler erbaut, um einen Gottesdienst für die Be 
wohner und die Beamten von der Pfaueninsel, von Glieneke und Um 
gegend einzurichten. Die Kirche, die in ihrem Stil sich theilweise nach 
dem älteren auf diesem kleinen Plateau belegenen russischen Blockhause 
richten sollte, trägt an der Umrahmung des Haupteinganges die Jahres 
zahl 1837. Ihre Lage ist eine ganz unvergleichlich schöne, was einiger 
maßen für den im Winter sehr schwierigen Aufgang wieder entschädigt. 
Friedrich Wilhelm IV. soll als Kronprinz bald nach ihrer Vollendung 
während eines Konzertes auf die Rückseite seines Programms das Innere 
der Kirche mit einem lebhaft gestikulirenden Pfarrer auf hoher Kanzel, 
aber ohne irgend einen Zuhörer, gezeichnet haben, um anzudeuten, daß 
wohl wenige das Kirchlein aufsuchen würden. Bemerkenswerth ist ein 
Petruskopf in italienischer Mosaik, der an der Westseite der Kanzel an 
gebracht ist; es ist ein Geschenk des Papstes. Die Kirche, zu welcher 
man von Moorlake aus ziemlich leicht gelangt, hat jetzt ihren Namen 
meist nach dem Blockhause „Nikols-koje"; sie heißt in Wirklichkeit „Peter- 
Paulskirche". (Hierzu die Abbildung S. 569.) — 
Die Kunlldenkmäker der Provinz Brandenburg. (Hierzu zwei 
Abbildungen.) Von dem mehrfach erwähnten Werke über die Kunst- 
denkmäler der Mark Brandenburg, welches Professor R. Bergau 
in Nürnberg im Auftrage der Landesverwaltung herausgiebt, liegen jetzt 
die ersten Bogen druckfertig vor, die uns gütigst zur Einsicht verstattet 
worden sind. Wir werden der verdienstvollen Arbeit in der nächsten 
Nummer einen besonderen Artikel widmen und theilen. heute schon einige 
Probe-Illustrationen mit, die uns in entgegenkommendster Weise zur Ver 
fügung gestellt worden sind. Seite 576 ist der berühmte Altar in der 
Kirche zu Bernau abgebildet, der in seiner Art als eines der seltensten 
Kunstwerke der Mark anzusehen ist; die andere Darstellung gewährt einen 
Einblick in die berühmte Krypta des Domes zu Brandenburg, in deren 
Kapitellen, Säulen und Reliefs wir die ältesten Beispiele heimischer Plastik 
bewundern. In gleicher Art werden in dem etwa tausend Seiten um 
fassenden Buche, das die Provinz in hochherziger Weise unternommen hat, 
mehrere hundert der bemerkenswerthesten Kunstgegenstände der Provinz 
Brandenburg (unter Ausschluß der Stadt Berlins veranschaulicht. 
Das Wollt in Waffen. Von dem großen im Verlag von W. Spe- 
mann in Berlin und Stuttgart im Erscheinen begriffenen patriotischen 
Prachtwerk Unser Volk in Waffen ist soeben Heft 4 ausgegeben. Es 
zeichnet sich ebenso wie die drei ersten Hefte durch einen anregenden ge 
schriebenen Text und flotte Art der Jllustrirung aus. Wir sehen in 
dem vorliegenden Heft das erste Di-nstjahr behandelt, den Empfang in 
der Kaserne, Vertheilung aus die Kompagnien resp. Eskadrons, Einkleidung, 
Verlesen der Kriegsartikel, Fahneneid u. s. w. u. s. w. Die farbigen 
Text-Illustrationen, Sammeln der Rekruten beim Bezirkskommando, Lands 
knechtsfähnrich, Empfang in der Kaserne, Verlesen der Kriegsartikel, Ein 
bringen eines Fahnenflüchtigen, preußische Kavallerie-Linien-Standarte 
und preußische Garde-Jnfanterie-Fahne, ebenso wie das Vollbild Dra 
goner-Patrouille (3. Badisches Dragoner-Regiment Prinz Karl Nr. 22) 
schildern mit fachmännischer Genauigkeit und echt künstlerischer Auffassung 
das Thun und Treiben unseres Militärs. Außer der vorbezeichneten 
reichen Jllustrirung ist dem Heft noch ein besonderes Farbenblatt bei 
gegeben: Etatsmäßiger Trompeter, Ulanen-Regiment Kaiser Alexander III. 
von Rußland (Westpreußisches) Nr. 1, welches dem Werk neue Freunde 
zu gewinnen geeignet ist. 
Kicßling's Berliner Verkehr. Kießling's Berliner Verkehr, welcher 
halbjährlich neu bearbeitet zu erscheinen pflegt, bezweckt, über alle, den 
Berliner Verkehr betreffenden Fragen kurze und zuverlässige Auskunft 
zu geben. Der Lokalverkehr ist deshalb in dem kleinen Hefte am 
eingehendsten berücksichtigt; der von Berlin ausgehende Fernverkehr da 
gegen nur nach Maßgabe des Raumes, der dafür gewährt werden konnte, 
ohne das Bequeme des Formates zu überschreiten. Dem Jnhaltsver- 
zeichniß folgt eine Uebersicht der vorkommenden Eisenbahn-Stationen nebst 
den Fahrpreisen dritter Klasse für Personenzüge von Berlin aus. Auf 
genommen sind die Fahrpläne der Stadt- und Ringbahn, der Wetzlarer, 
Potsdamer, Dresdener, Anhalter, Schlesischen Bahn, der Ostbahn, der 
Görlitzer, Stettiner, der Lehrter, Hamburger und Nordbahn. Es folgen 
dann die Dampfschifffahrtpläne Berlin—Köpenick, Wannsee—Potsdam, 
*) Das war Ludwig I., der Aeltere, welcher nachmals die Margarethe 
Maultasch zur Gemahlin wählte.
        
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