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Periodical volume 4. Juli 1885, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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der Haltung bringen kann. Liegt Einer zu weit vor, so hat er zu 
befürchten, in den eigenen Kahn hineinzufallen, was schmählich und 
gefährlich ist. Gewöhnlich stürzt der Ueberwundene seitwärts rück 
lings in den Fluß und wird schwimmend von seinem Boot aus- 
gmommen. Hat sich ein Neuling sehr schlecht gehalten, so erhält 
er beim Heraufziehen von den Ruderern einige Schläge auf die 
nassen posteriora. Oft geschieht es, daß beide zugleich die Haltung 
verlieren und mit einander fallen. . .. Am Schluffe des Stechens 
Wersen sich alle zugleich in's Wasser, um nach solcher Anstrengung 
ihre Kunstfertigkeit im Schwimmen zu zeigen." 
Mit dem sogen. Schwörtag hat es nach Reinsberg-Dürings- 
feld, das festliche Jahr, pag. 227, folgende Bewandtniß: Ehedem 
war es in Ulm Sitte, am Freitag vor Lorenzi (10. August) jedes 
Jahres den Magistrat neu zu wählen, der am Montag darauf 
beeidigt wurde. An diesem Tage, der davon noch jetzt „Schwör 
tag" heißt, versammelte sich daher jede Zunft bei ihrem Vorge 
setzten oder im Zunsthaus, das Patriciat oder der Adel der Stadt 
und das Militär beim regierenden Bürgermeister und sobald die 
„Schwörglocke" die Bürgerschaft zusammenrief, zog Alles auf den 
zum Schwur bestimmten Platz, während sich der regierende Bürger 
meister mit den Rathsgliedern und Stadtbeamten, die Stadtmusi 
kanten voran, in den „Schwörsaal" begab. Vor Ablegung des 
Eides wurde der 1558 vom Kaiser bestätigte „Schwörbrief" vom 
Stadtschreiber verlesen, dessen Original im Hauptarchiv aufbewahrt 
wird, und nach Beendigung der Schwurceremonie pflegte der neue 
Bürgermeister die Zünfte, welche ihm eine „Verehrung" ins Amt 
bringen mußten, in ihren Zunfthäusern zu besuchen und mit Fladen 
zu beschenken, die Zünfte aber hatten die Freiheit, das für sie 
wichtige Ereigniß der Neuwahl festlich begehen zu dürfen. Die 
Gesellen des Binder- oder Böttcherhandwerks benutzten diese Er 
laubniß, um alle zwei Jahre einen Reisentanz, die Schisfsleute, 
um jedes zweite Jahr ein Fischerstechen abzuhalten, und 
die Metzger und Fischer haben noch jetzt die Gewohnheit, den 
Zunstgenossen in der „Schwörwoche" Wein und Gebackenes vor 
zusetzen. 
Frhr. von Reinsberg fügt dem hinzu: Wie die zu Pfingsten 
in Thüringen gebräuchliche Einholung des wilden Mannes, so 
scheinen auch diese Spiele nur verschiedene, dem Sagenkreis ent 
lehnte Formen für die Vorstellung der Einholung des Sommers 
(des Kampfes zwischen Winter und Sommer) zu sein, welche des 
Waffers wegen, auf dem sie abgehalten werden, in eine wärmere 
Jahreszeit verlegt wurden, als die analogen Spiele zu Wasser. 
— Bei Grimm, Wb. III. 1685, findet sich nur: „ein Spiel der 
Fischer auf dem Wasser". Ein Nürnberger Trachtenbuch aus 
dem siebzehnten Jahrhundert berichtet von einem Fischerstechen, 
„so um Pfingsten auf der Pegnitz von denen Fischern gehalten 
wird". Aus anderen Städten findet sich Näheres darüber in Le- 
wald's „Europa" 1836, in der „Didaskalia" 1836, Nr. 229, in 
Nicolai's „Reise durch Deutschland", im Journal von und für 
Deutschland" 1792, pag. 960. Eine Nachbildung des Ulmer 
Fischerstechens findet nach Reinsberg, pag. 230, noch jetzt alle 
Jahre am 4. August in Leipzig statt. Die Chronik berichtet, 
der Kaufmann Andreas Fr. Apel habe in seinem, nach ihm be 
nannten Garten (jetzt Reichels Garten) am 12. Mai 1714 zur 
Feier des Geburtstages des Königs Friedrich August, welchen 
dieser in Leipzig beging, eine Regatta veranstaltet, zu der er, um 
den König zu überraschen, eigens aus Venedig einige Gondolieri 
als Lehrer kommen lasten habe, und dies sei das erste Fischerstechen 
in Leipzig gewesen. Der König war entzückt über dieses treue 
Abbild einer Regatta und bewilligte den Fischern, ihr Spiel all 
jährlich wiederholen zu dürfen. Es geschah das Anfangs am 
12. Mai, später am 24. August, bis es auf den gegenwärtig zum 
Fest bestimmten Tag verlegt wurde, und noch immer erhält die 
Fischerinnung aus den Staatskassen 27 Thaler als Beitrag zu 
den Kosten, angeblich, weil ein Leipziger Fischer einst ein Mitglied 
der königlichen Familie gerettet haben soll. Da jedoch das Leip 
ziger Fischerstechen, wie es jetzt ausgeführt wird, in Nichts an eine 
venetianische Regatta erinnert, sondern in Allem dem Ulmer Fischer 
stechen gleicht, auch lange Zeit am 24. August stattfand, wo die 
Mitglieder des Leipziger Rathskollegiums früher alljährlich aus 
ihrer Mitte den sitzenden oder regierenden Rath erwählten, so liegt 
die Vermuthung nahe, daß es entweder schon vor 1714 bestanden 
habe, nach dem Muster des Ulmer eingeführt worden und wie 
dieses mit der Magistratswahl verbunden gewesen sei, aber erst 
durch das Privilegium, welches der König ertheilte, wirkliche Be 
deutung gewonnen habe, oder daß es später aus einer Wettfahrt 
nach venetianischer Weise in ein Stechen nach Ulmer Art verwan 
delt worden sei. 
Berühmt war, wie Birlinger in seinem bedeutenden Werke 
„Aus Schwaben" (II, 144) anmerkt, das Halloren-Stechen zu 
Halle an der Saale. Die Halloren (Salzsieder) üben sich von 
früher Jugend an im Tauchen unter dem Wasser. Sie stellen, 
sagt Schulz, die Deutschen (Wien 1807, S. 164), jährlich ein 
paarmal ein sogen. Halloren- oder Fischerstechen an. Alle weiß 
gekleidet, im Zuge mit Musik nach dem Wasser, wo angekommen, 
sie von der Brücke hinabspringen, sich in Kähne begeben, worauf 
das Turnier anhebt. Wer ins Wasser gestoßen wird, ist besiegt. 
Der Zug geht wieder zurück zu Spiel und Tanz; sie bekommen 
viel Geschenke. — Ueber Fischerstechen in Giebichenstein, auf dem 
Mansfelder salzigen See und zu Lettin bei Halle auf der Saale 
findet sich Näheres bei Reinsberg, a. a. O., pag. 233 f. In der 
Mark waren ähnliche Gebräuche einst im Schwange. 
Äcr alte jüdische Segräbnißplatz in Spandan. 
Dilschmann meldet in seiner „Diplomatischen Geschichte der 
Stadt und Festung Spandau von 1784" Folgendes: 
„Herzog Rudolph von Sachsen überließ 1324 nach einer 
allhier ausgefertigten Urkunde der Stadt einen Hof, den ein 
Nicolaus Töpfer gehabt, der neben dem Judenkiewer (Begräbniß- 
Platz) bey der Stadt gelegen, mit allen Rechten und Freyheiten 
um 29 Pfund brandenburgischer Pfennige. Dieser Kiewer lag 
zwischen der Stadt und dem Hochgerichte, und der Rath bekam 
für denselben jährlich 1 Schock 13 Gr. als einen Grundzins; 
sie mußten auch wohl noch besonders etwas erlegen, wenn ein 
ftemder Jude darauf begraben wurde. — Im 15. Jahrhundert 
finden sich häufige Spuren, daß die Berlinschen Juden ihre 
Todten hier (in Spandau) begraben haben. In einer Cämmerei- 
Rechnung von 1436 heißt es: Judaei de Berlin dederunt 
1 Schock Gr. de cimeterio eorum, und 1439 machten die 
Berlinschen Juden einen Contract mit dem hiesigen Rath wegen 
Erbauung und Besserung des Zauns um ihren Kiewer. Jetzt 
(1784) schaffen die hiesigen Juden ihre Todten nach 
Berlin." 
Darauf erwähnt Dilschmann die schreckliche Exekution auf dem 
Neuen Markte in Berlin im Jahre 1510, und wie dann alle Juden 
sich aus dem Lande begeben mußten. „Die hiesigen ließ der Rath 
nach Bernau fahren; ihre Schule und Hof wurden eingezogen; ihr 
Begräbnißplatz zu einem andern Gebrauch angewendet, und die 
Leichensteine von demselben hernach bei dem Festungsbau ver 
braucht." 
Nimmt man die obige lateinische Stelle wörtlich, so besagt 
dieselbe, daß (die) Berliner Juden hier einen eigenen, von dem 
Spandauer unabhängigen, vielleicht auch räumlich getrennten 
Begräbnißplatz gehabt haben, daher eine genauere Untersuchung,
        
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