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Periodical volume 4. Juli 1885, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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uns Wohl schwerlich viel übrig bleiben, um über neueren Luxus, 
herrschende Modesucht und Sittenverderben in unserem Zeitalter 
zu klagen. Man thut daher nicht Unrecht, wenn man ja auf seine 
Zeitgenossen schmähet oder sie tadelt, daß man auch auf das Ver 
gangene einen Blick wirft und alsdann wird man finden, daß die 
menschlichen Thorheiten älter sind, als man es vielleicht geglaubt 
hat und daß sie sich 
nur blos unter ver 
änderten Gestalten 
immer wiederholen, 
ohne sich dadurch im 
geringsten zu ent 
kräften. 
Im Jahre 1689 
verkaufte man zu 
Berlin eine gedruckte 
Schrift, einen Bogen 
stark, unter dem Ti 
tel: Die durch eine 
wunderliche Kalbes 
oder Mißgeburth von 
Gott bestrafte Frau- 
enzimmer - Hauben- 
Mode, in einem selt 
samen Bilde; worin 
nen folgende Wun 
dergeschichte erzählet 
wird. „Am 4. Ju- 
„nius dieses Jahres 
„hat sich dies entsetz- 
„liche Wunder zuge- 
„tragen unweit der 
„Stadt Hanau im 
„Dorfe Goselitz bei 
„dem Schultzen Mar- 
„tin Krampen. Nem- 
„lich es hat dieser 
„Schultze von einem 
„französischen Sol- 
„daten eine trächtige 
„Kuh um ein lieder- 
„liches Geld gekauft; 
„wenige Tage darauf 
„wirft gedachte Kuh, 
„wie die Figur aus- 
„weiset, ein recht 
„wunderbar Kalb, 
„welches von allen 
„Gliedmaßen wie - 
„ein anderes gebildet 
„war, allein es hatte 
„einen rechten Men- 
„schen- oder Weiber- 
„Kopf und auf dem 
„selben einen von 
„Fleisch gewachsenen 
„Bänder-Pusch, na- 
„türlich wie die itzigen aufgethürmten Frauenzimmer-Hauben und 
„unter dem Halse wohlgebildete Frauenbrust. Der Abriß davon 
„ist an unterschiedliche Chur- und Fürstliche Städte geschickt und 
„dem Schultzen, die Kuh mit dem Kalbe wohl zu pflegen von der 
„Obrigkeit daselbst Befehl gegeben worden. Es haben es viel 
„gesehen. Die Deutung ober ist Gott bekannt. Vermuthlich kann 
„nichts gutes daraus geschlossen werden, und weil die itzige fran 
zösische Hauben-Mode natürlich ausstehet, wie man sonst die 
.Feuerpüsche und Feuerflammen mahlet, hat sich leider albereit hin 
.und wieder ausgewiesen, wie die Franzosen und Mordbrenner 
.dergleichen Feuerpüsche ein und anderer Stadt aufsetzen, daß 
.mancher die Hoffarth vergangen." — So urtheilte man damals, 
und verband den Haß, welchen der Krieg mit den Franzosen den 
Deutschen einflößte, 
mit der Abneigung, 
welche die Alt-Ge 
sinnte im Lande ge 
gen die französische 
Moden fühlten. 
Die Nachah- 
mung der französi 
schen Sitten und 
Gewohnheiten war 
aber damals wirklich 
übertrieben und ar 
tete in Ausschwei 
fungen und uner 
wartete Sonderbar 
keiten aus, davon 
man viel Seltsames 
erzählen könnte. In 
dessen sind doch auch 
einige Nachrichten 
übertrieben, wiez.B. 
König Friedrich II. 
von Preußen, er 
wähnt in seinen 
Werken, daß die 
Berlinischen Damen 
schon angefangen 
hätten, sich Männer 
aus Paris zu ver 
schreiben. So komisch 
diese Angabe ist, so 
ist sie doch zu über 
trieben witzig und 
würde sich schwerlich 
durch mehr als einen 
Fall beweisen lassen, 
der noch dazu unter 
der Regierung Chur 
fürst Friedrich Wil 
helms vorgekommen 
ist. Es heirathete 
nämlich die Mutter 
des berühmten Dich 
ters F. von Kaniz, 
im Jahre 1677 einen 
Edelmann aus der 
Normandie, Namens 
Brumboc Baron de 
la Larray, welchen 
sie zuvor nie ge 
sehen hatte und mit 
dem die eheliche Verbindung blos durch Briefwechsel geschlossen 
worden war. Eine Frau, die bereits mit zweien in Ehren und 
Ansehen gestandenen Männern in der Ehe gelebt, in der ersten 
einen Hof- und Kammergerichtsrath, in der zweiten aber einen 
General gehabt hatte, machte sich durch eine so seltene Handlung 
sowohl in der Stadt als am Hofe lächerlich, indem sie ihre Hand 
einem Fremden gab, dessen Name so abenteuerlich als seine Gestalt.
        
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