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Periodical volume 26. October 1884, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Er wußte in dem stillen Ozean so gut Bescheid, wie in den 
Kantonen Bern und Neuenburg. Auch Geschichte und Natur 
wissenschaften nahmen bis in sein hohes Alter sein volles und leb 
haftes Interesse in Anspruch. Fast kein Gebiet des menschlichen 
Wissens blieb ihm ganz verschlossen, bei seinem für alles Gute 
und Schöne empfänglichen Sinne. 
Dies mehr als vierzigjährige Stillleben ward nur durch zwei 
politische Episoden unterbrochen, welche mit einander in nahem, 
inneren Zusammenhang standen, und von welchen die letztere ein 
tragisches Ende zu nehmen drohte. 
Im Jahre 1842 war König Friedrich Wilhclin IV. nach 
Neuchatel gekommen, um auch dort sich huldigen zu lasien. Auch 
Graf Pourtalcs kam mit seiner Gemahlin dorthin und leistete mit 
Freuden den Eid der Treue, der die glorreiche Zeit unter Preußens 
Fahnen in seinem Gedächtniß auffrischte und seine Anhänglichkeit 
und Hingebung für das angestammte Fürstenhaus ihm zur heiligen 
Gewisscnspflicht machte. — Schon damals hatte dieser Huldigungs 
akt bei den republikanisch Gesinnten Unzufriedenheit erweckt. Es 
war vorauszusehen, daß die doppelte Zugehörigkeit des Kantons 
Neuenburg, zu Preußen und zur Eidgenossenschaft, in Zeiten poli 
tischer Stürme und Umwälzungen zu bedrohlichen Konflikten 
führen mußte. 
Dies geschah in der That, als die Februarrevolution und die 
Märzereignisie 1848 auch die Schweiz in gährende Aufregung ver 
setzten uud die republikanische Partei in Neuchatel crmuthigten, 
sich der Regierung zu bemächtigen, die Losreißung von der 
preußischen Krone zu proklamiren und so das Band zu zerreißen, 
welches 1707 die Neucnburgischen Stände selbstständig und frei 
willig geknüpft hatten, und dem das Ländchen einen hohen Grad 
von Freiheit und Wohlstand zu verdanken gehabt. 
Graf Pourtales erfuhr diesen, auch für ihn verhängnißvollen 
Umschwung in Neapel, wo er den Winter mit seiner Gemahlin 
verlebt hatte, mit tiefem Unmuth. Der Eid der Treue, den er 
dem König geschworen, bedrückte sein Gemüth um so mehr, da 
das unklare und fast zaghafte Verhalten der preußischen Regierung 
unter Manteuffel die Neuenburger Frage allzulange in der Schwebe 
ließ. — So kam das Jahr 1856 heran. Als der Graf fröhlich 
und guter Dinge in dasselbe eintrat, ahnte er nicht, daß er die 
letzten Tage des Jahres nicht in der schönen Mettlen, sondern 
— in einem engen Gefängniß im Schlöffe zu Neuchatel, auf einem 
Strohlager, unter der schweren Anklage auf Hochvcrrath verleben 
werde! — 
Die Royalisten in Neuchatel bereiteten in aller Stille einen 
Staatsstreich vor und sandten den Hauptmann Fabry von La Lagne 
zum Grafen Pourtales, um ihn zur thatkräftigen Theilnahme an 
der Ausführung zu bewegen. Der Graf schwankte, weil er von 
dem Mißlingen überzeugt war. Aber der eifrige Hauptmann 
sprach zu ihm: „Ich bin Vater von sieben Kindern und habe 
kein Vermögen, setze aber doch alles auis Spiel, um meinem Eide 
treu zu bleiben. — Sie sind reich und haben keine Kinder! Sollten 
Sie nicht ebenso viel Opferwilligkeit besitzen?" — Da schwankte 
der ritterliche Graf nicht länger, sondern sagte seine Mitwirkung 
unter der Bedingung zu, daß der König mit der Sache einver 
standen sei. — Er reiste sofort nach Berlin. Was dort verhandelt 
worden, darüber liegt bis heute noch ein Schleier. Nur soviel 
steht fest, daß Graf Pourtales weder den König noch den Minister 
Mantcuffel gesprochen, aber doch aus einer Unterredung mit dem 
Unterstaatssekretär von Bolau und dem Prinzen von Preußen 
die Hoffnung glaubte schöpfen zu dürfen, die preußische Regierung 
werde ihrer getreuen Neuenburger sich kräftig annehmen, wenn der 
Aufstand gelänge und ein fait accompli geschaffen würde. 
Sofort nach der Rückkehr ward zur Ausführung geschritten. 
Nur seine muthige Frau und sein alter treuer Diener waren ein 
geweiht. Am 2. September ward das Schloß von Neuenburg durch 
Oberst Meuron überrumpelt und die darin wohnenden Regierungs- 
beamtcn zu Gefangenen erklärt. Dem Grafen war der Auftrag 
geworden, den Aufftand auf dem Lande zu organisiren. Als er 
aber mit seiner kleinen Schaar nach Locle und La Chauxdefonds 
vorrücken wollte, fand er wenig Unterstützung und mußte sich auf 
das Schloß zu Neuenburg zurückziehen. — Am Morgen des 
4. September war bereits jede Hoffnung des Gelingens dahin. 
Die Kommissäre des Bundesraths verhandelten mit den Führern 
des Ausstandes wegen Uebergabe des Schlosses und Entlastung 
der Truppen. Aber ehe diese Verhandlungen zu Ende geführt 
waren, drangen die republikanischen Schaaren durch die offenen 
Thore in den Schloßhof und warfen sich auf die Besatzung, von 
welcher acht Mann getödtet, viele verwundet und 667 gefangen 
genommen wurden. Zu ihnen gehörten auch Hauptmann Fabry, 
Graf Pourtales und der Staatsrath Graf von Wesdehlen, die 
man unter schwacher Eskorte mitten durch die bewaffneten, leiden 
schaftlich erregten republikanischen Schaaren führte, um sie ins 
Gefängniß zu bringen. Wenige Augenblicke nachher- lag Haupt 
mann Fabry mit gespaltenem Schädel in seinem Blute, und mit 
den Worten: „pour toi, Pourtales!“ ward auch nach des Grafen 
Haupt ein tödtlicher Streich geschwungen. Doch Oberst Denzler 
und der Scharfschützen Wachtmeister Dubois fingen den Hieb auf, 
der dem Grafen aber doch eine nicht unbedeutende Verwundung 
und starken Blutverlust verursachte. — 
Als die Gräfin am 4. September telegraphisch erfahren, was 
geschehen, hielt nichts sie ab, zu ihrem gefangenen und verwundeten 
Gatten zu eilen. Ein Freund der Familie, Herr von Tschenn, be 
gleitete sie. In Neuchatel angelangt, eilte sie sofort zum Schloß 
und sah zum Thurm hinauf, wo ihr Gemahl gefangen saß. 
Dieser, ihre Nähe ahnend, war ans Fenster getreten und gewahrte 
sie sofort. „Er lebt!" Dies war für sie genug. — „Sic hat 
den Schlag überstanden!" dies genügte ihm. Was weiter Schweres 
über sie verhängt werden mochte, — gemeinsam getragen, dünkte 
ihnen keine Last zu schwer. 
Mittlerweile nahm der auf Hochvcrrath lautende Prozeß 
seinen Anfang. Aber ehe derselbe zum Austrag kam, legte sich 
die Diplomatie ins Mittel. Der preußische Gesandte v. Sydow 
hatte gegen die neuesten Ereigniffe in Neuenburg protestirt, und 
eine Zeit lang schien es, als ob es zu kriegerischen Schritten 
kommen sollte. Aber Oesterreichs kühle und zweideutige Haltung 
und Kaiser Louis Napoleons entschiedene Parteinahme für die 
Schweiz bestimmten den ftiedliebenden König zur Nachgiebigkeit. 
Auf dem Pariser Kongreß, der in Folge des Krimkrieges gehalten 
ward, verzichtete der König von Preußen definitiv auf Neuenburg. 
Aber vorher schon, am 18. Januar 1857, hatte Graf Pourtales 
sein Gefängniß verlaffen dürfen, und war nach Frankreich und von 
da mit seiner Gemahlin nach Nizza gegangen, wo er den Winter 
verblieb. Erst im Frühling kehrte er in die Mettlen unangefochten 
zurück. Von keiner Seite ist ihm ein Vorwurf gemacht worden, 
obgleich ja dem Lande durch die Neuenburger Affaire nicht geringe 
Kosten erwachsen waren. Allgemein erkannte man an, daß der 
edle Graf nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Gewissensnoth und 
Pflichtgefühl, um seines Eides willen gehandelt hatte, und schließ 
lich war man doch in der Schweiz auch froh, daß man bei dem 
Neuenburger Handel mit dem blauen Auge davongekommen und 
aus den unklaren Rechtsverhältnissen herausgekommen war. 
Eine Zeit lang konnte Graf Pourtales ein gewiffes Gefühl 
von Bitterkeit nicht verwinden, daß er seine Befteiung aus der 
Gefangenschaft mehr der Fürsprache und Vermittelung Napoleons, 
als dem Könige verdanken sollte, für den er Blut und Leben ge 
wagt. Aber „alte Liebe rostet nicht," hieß es auch bei ihm. Als 
Frankreichs Kaiser und Volk 1870 mit so ftevelhaftem Leichtsinn 
zum Angriffskriege schritten, waren seine Sympathien doch wieder 
entschieden auf Preußens Seite. Zwei seiner Neffen hatten durch
        
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