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Volume 4. Juli 1885, Nr. 40

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue11.1885 (Public Domain)

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Sonderlinge ans 
Alte Berliner erinnern sich wohl noch des sogenannten „Reise 
jochen s", der, mit der Rcisemütze bedeckt, den Spazierstock in der 
Hand, mit aufgeknöpftem, nach beiden Seiten fliegenden Ueberrock, 
die Straßen Berlins im Sturmschritt durcheilte. Sprach nun 
Jemand „Reisejochen" an (und dies geschah fast viertelstündlich) 
und richtete die Frage: „Jochen, wohin so eilig?" an ihn, so blieb 
„Jochen" plötzlich stehen, offerirte eine Prise Schnupftabak aus 
seiner unförmlichen „Müllerdose" und antwortete Folgendes: 
„Ich muß heute noch sofort nach Petersburg, um sieben Ubr er 
wartet mich Seine Majestät der Kaiser aller Reußen in ganz 
außerordentlicher Audienz und demnächst muß ich eiligst nach Zan 
zibar zum Sultan; morgen Abend bin ich wieder zurück. Adieu, 
adieu!" und fort ging es im Geschwindschritt. Dieses komische 
Männlein soll ein Buchhändler Namens Nokel gewesen sein, der 
durch den Verlust seines Vermögens ein wenig den Verstand ver 
loren hatte. Er wurde von hiesigen Buchhändlern vor aller äußer 
sten Noth geschützt. — Eine besonders merkwürdige Erscheinung 
war ein Gast der Kranzler'schen Konditorei. Dieser Gast erschien 
täglich Punkt zwei Uhr in den Kranzler'schen Räumen, trank hier 
regelmäßig zwei Liköre, musterte mit scharfem Blick die übrigen 
Gäste und verließ das Lokal dann plötzlich. Seine Kleidung be 
stand in schwarzen Trikots und einem Degen an der Seite; über 
die Schultern hatte er einen Karbonari (spanischen Mantel) ge 
schlagen, trug Halbschuhe mit Schnallen und gewöhnlich bunten 
Schleifen, Sporen und war mit einem breitrandigen Hute bedeckt, 
auf dem eine große Straußseder wallte. Hatte dieser Sonderling 
nun die Straße wieder erreicht, so ging er die Linden auf der süd 
lichen Seite bis zu dem Brandenburger Thor hinauf. Hier an 
gelangt machte er Halt, betrachtete ungefähr fünf bis zehn Mi 
nuten unausgesetzt die Quadriga auf dem Thor, schüttelte dann 
em Kopf, lüftete seinen großen Hut ein wenig, machte kurz 
und trat seinen Rückweg auf der nördlichen Seite der Linden 
: an. An der Ecke der Charlottenstraße verschwand er regel 
mäßig. Der Berliner Volksmund nannte ihn „Bello der 
Mensch." Wer und warum man ihn mit diesem Namen be 
legte, ist nie bekannt geworden; auch wußte man nicht, woher 
jener Mann gekommen und welchen Namen „Bello" eigentlich 
führte. Viele wollten wissen, „Bello" sei ein pensionirter nieder 
ländischer Offizier gewesen; den finster dreinschauenden Sonderling 
aber danach zu fragen, hat sich Niemand unterstanden. Plötzlich, 
wie er erschienen, war er auch vom Berliner Pflaster verschwunden. 
— Bis zu dem Anfang des vorigen Dezenniums wohnte in der 
Neuen Friedrichstraße, unweit der Rochbrücke, ein altes Männlein, 
welches des Morgens gegen neun Uhr, ob Sommer, ob Winter, 
regelmäßig seine Wohnung verließ und die Straße betrat. Gegen 
die Tracht „Bello des Menschen" zeichnete sich die seine durch 
große Einfachheit aus. Ein schlichter schwarzer Tuchrock und ein 
grauer Chlinderhut, mit schwarzem Flor besetzt, waren permanente 
Theile seliger Kleidung. In der Hand trug er eine große gestickte 
Reisetasche, die er pünktlich um fünf Uhr Nachmittags gefüllt nach 
dem alten Serlin. 
Hause brachte. In seiner Nachbarschaft zerbrach man sich wegen 
des Inhalts der Tasche den Kopf; aber endlich kam man doch 
hinter das Geheimniß. In seiner Wohnung nämlich hatte das 
sonderbare Männlein zwei große leere sogenannte Mcliszucker- 
; tonnen aufgestellt, um darin jedes Stück Brennmaterial, welches 
er auf der Straße fand, zu sammeln. Waren die Fässer gefüllt, 
so suchte er arme Leute auf, die das gesammelte Brennmaterial 
von ihm als Geschenk erhielten, und mußten die so Beschenkten 
das oft aus ganzen Körben von Spähnen bestehende Geschenk in 
verdeckten Körben aus den Fässern tragen. Da nun der Berliner 
in Bezug auf Spottnamen nie in Verlegenheit war noch ist, so 
fand sich auch sehr bald nach Entdeckung des Reisetaschcninhalts 
ein solcher; denn unter dem Namen „Johannes mit dem 
Splitter" wurde der alte Sonderling weit und breit genannt. 
„Johannes" hat ein Baarvermögen von 18 000 Thalern hinter 
lassen, welches seiner in der Nachbarschaft von Charlottenburg in 
den dürftigsten Verhältnissen lebenden verheiratheten Tochter voll 
und ganz zufiel. Vor dem „Spahnsvleen" war „Johannes" 
Pianofortebauer und sein richtiger Name Josef Oralli. Ob das 
Sammeln der auf der Straße umherliegenden Stücke Brennmate 
rials bei „Johannes" angeborener Geiz war, ist nicht anzu 
nehmen, denn sonst hätte er wohl dasselbe zu Geld gemacht oder 
selbst verbraucht; aus welchem Grunde aber diese sonderbare Samm 
lung von ihm volle sechszehn Jahre betrieben wurde, ist nie be 
kannt geworden, da „Johannes" es vermied, mit seinen Nach 
barsleuten auch nur ein Wort zu sprechen. Wurde er gegrüßt, so 
nickte er nur mit dem Kopf und erhob die rechte Hand ein wenig. 
— In dem Stadtviertel am ehemaligen Hamburger Thor lebte 
ein alter Rentier, der, wenn er über die Straße ging, unablässig 
Melodien vor sich hinträllerte. Ein schwarzer Cylinderhut mit der 
preußischen National-Kokarde war seine Kopfbedeckung, ein russisch 
grüner im altdeutschen Schnitt gehaltener Ueberrock, mit aus 
nehmend langen Schößen, seine gewöhnliche Kleidung. In diesem 
Rock hatte der alte Rentier vorn und hinten in den Schößen 
mächtig tiefe Taschen, die er alle Morgen mit Schrippen und 
Semmeln anfüllte und an die ihm begegnenden Kinder der ärme 
ren Bürgerklasse mit zum Fleiß und Ordnung mahnenden Worten 
vertheilte. Bei seinem ewigen „Lalalagesange" hatte er von der 
lieben Schuljugend den Beinamen „Papa Lala" erhalten und 
wurde er von der letzteren auch ganz offen und frei so begrüßt 
und angesprochen. Nie wurde „Papa Lala" böse, selbst dann 
nicht, wenn ausgelassene Buben ihn an die Rockschöße zupften und 
seiner spotteten. In der Weihnachtswoche jedoch vertheilte der 
Kinderfteund Pfefferkuchen und Aepfel, nie aber Nüsse, Jahr ein 
Jahr aus, bis Freund Hein mit der Hippe ihn dahin abrief, von 
wannen noch Niemand wiedergekommen ist. Ay dem Leichen 
kondukte betheilrgte sich eine nach Hunderten zählende Menge Kinder. 
„Papa Lala" war Tischlermeister und sein wahrer Name Hoff- 
mann.*) 
Adam Löffler. 
Kleider und Moden unter König Kiedrich I. 
Da Kömg Friedrich I., wie überflüssig gezeigt worden ist, die 
Pracht und das Aeußerliche in allen Dingen, die ihn umgaben, 
liebte, so waren die Kleider ebenfalls dieser Neigung zum Pomp 
unterworfen und seine Lieblinge, Hofleute und Staatsbediente be- 
eiferten sich auf Kosten ihres Vermögens, welches dabei eben nicht 
verbessert wurde, einander in dieser Art des Aufwandes zu über 
treffen, um ihren Herrn zu schmeicheln und deffen gnädigen Blick 
auf sich zu ziehen. Dies hatte wiederum Einfluß auf die niedrigen 
Hofbedienten, die in den prächtigsten Kleidern und Livreen erschienen 
und Jeder, der am Hofe sein Glück zu machen suchte, mußte sich 
nach diesem herrschenden Ton richten, mußte sich durch äußerliche 
Dinge empfehlen, wenn er anders zu seinem Zwecke gelangen wollte. 
Nicht weniger zeichneten sich die Künstler und alle Personen, die 
in der Residenz lebten und bei Hose ihr Brod fanden, durch ihre 
Kleidungen aus und hinterher folgte der Bürger und gemeine 
Mann, von denen sich jeder nach Vermögen bemühte, es diesen 
*) Weitere „Sonderlinge" werden demnächst folgen.
	        
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