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Periodical volume 4. Juli 1885, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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ihre Höhlen; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein 
Haupt hinlege." 
„Auf gut Deutsch heißt das: Ihr seid ein ehrsamer 
Vagabund. Ich rathe Euch gut, gebt das Umherstreifen auf! 
Unser allergnädigster Markgraf weiß solchen Vögeln schnell 
genug ein enges Bauerchen anzuweisen." 
„Ich bin ein freier Mann und keines Menschen Un 
terthan." 
„Dann hütet Euch, daß Ihr nicht für vogclfrei erklärt 
werdet! Laßt Eure losen Reden und bewerbt Euch lieber 
um eine Stelle im Forst. Wenn Ihr Euer Handwerk ver 
steht, — nur halb so, wie Ihr Eure Zunge zu gebrauchen 
wißt, — so ist Euch geholfen." 
„Darf ich auf Eure Fürsprache bauen?" 
„Ihr seid ein seltsamer Kauz. Ich kenne Euch kaum!" 
„Und besser doch als Mancher, der lange Jahre mich 
gekannt. Thut es, gnädigster Junker; Euer Wort gilt viel!" 
„Meint Ihr? Was Ihr nicht Alles wißt, vielwerther 
Prophet!" Und dem Bittsteller einen kurzen Gruß zunickend 
ritt der Junker von dannen. 
Der Fremde schaute ihm lange nach: „Er spricht gut, 
der Junker, und er hat Recht. Ein Prophet bin ich und will 
sein Wort mir merken. Ihr aber, Hirt, merkt Euch das 
meine: aus dem da wird ein großer Mann! Er blickt, als 
ob er Hunderten befehlen könnte, und er wird's. Die Menschen 
werden von ihm reden Jahrhunderte noch. Aber auch von 
mir werden sie reden, als von dem, der da kommen soll." 
Langsam schritt er dem Forste zu, von den verwunder 
ten Blickeir des Hirten gefolgt. 
2. 
Von dem Schlosse zu Schwedt und dem Städtchen ziehen 
sich, von breiten Wegen durchschnitten, üppige Wiesenstraßen 
bis zu den benachbarten Dörfern hin. Die Oder, die sich hier 
Die Japanische Ausstellung in Berlin. 
Ein interessantes Leben und Treiben entwickelt sich gegenwärtig 
in dem mächtigen Glaspalast der einstigen Hygiene-Ausstellung: gewaltige 
Koffer und Kollis wurden ausgepackt und seltsame Dinge kamen zum 
Vorschein, tausenderlei Sachen von merkwürdiger Gestalt und barocken 
Formen, und fremdartige Gestalten hantirten dazwischen herum und 
bastelten auseinander und bauten übereinander: Männer, Frauen und 
Kinder, alles nur schmächtige Figuren, von denen die Vertreter des 
stärkeren Geschlechts nie und nimmermehr wegen Ermangelung des Maßes 
Aufnahme in die deutsche Armee gefunden hätten. Zuweilen nur gönnten 
sich die fleißigen Arbeiter eine kleine Ruhepause und mischten sich dann 
in einzelnen Gruppen unter die fröhliche, scherzende, nach tausenden 
zählende Menschenmenge, welche bei den heiteren Klängen der Musik 
kapellen um den See des Ausstellungsparkes promenirte; dann konnte 
man sich beim Hellen Schein der Sonne oder Abends beim schimmernden 
Licht der elektrischen Flammen die exotischen Gäste näher betrachten: 
die Herren in europäischem „Civil", den Cylinder unternehmungslustig 
hinten auf den Kopf geschoben, die Cigarrette keck im Munde, die „Damen" 
und Kinder jedoch, im Gegensatz zu ihren Begleitern, in lang herab 
wallende, schräg geschlungene, buntfarbige Gewänder gekleidet, aus den 
schmale» geschlitzten Augen vergnügt das lebhafte, abwechslungsvolle Bild 
um sie herum betrachtend. Etwas absolut Neues war es für die wohl 
an zweihundert Köpfe zählende Gesellschaft allerdings nicht, denn sic waren 
direkt aus London gekommen, wohin sie aus ihrer Heimath durch einen 
spekulativen Manager geführt worden waren; letzterer hatte sich mit Recht 
gesagt, daß die bekannten afrikanischen, australischen und amerikanischen 
Menschen- und Thier-Karawanen keine Zugkraft mehr auf die verwöhnte 
in mancherlei Arme zweigt, überfluthet sie znr Frühlingszeit; 
schützende Dämme halten den Fluß in seinen Schranken. Zu 
beiden Seiten mit Bäumen und Strauchwerk bepflanzt, sind 
diese Straßen vielfach überbrückt, dem Wasser den Durchgang 
zu gestatten. Dicht neben der Stadt wölbt sich über den 
Strom die neue Jochbrücke, welche, ohne die Schifffahrt zu 
hemmen, auch zu Lande den Verkehr zwischen der Ucker- und 
der Neumark vermittelt. Waldige Hügel, hart am Flußrande 
emporstrebend, umgrenzen die Dörfer. 
Es war um die Zeit der ersten Heuernte, und auf Feldern 
und Wiesen herrschte reges Leben; nur im Dörfchen Wilden 
bruch war Alles still. Hier und da saß ein altes Mütterchen 
vor der Thür der niedrigen Hütte, die Glieder in der milden 
Abendsonne zu wärmen; Kinder spielten um sie her. Die 
Größeren von ihnen trugen in den Scherben allerlei zer 
brochenen Geräthes geschäftig Waffer herbei, die jungen 
Bäumchen zu tränken, mit denen sorglich jeder Weg und jeder 
Ackerrand bepflanzt war. 
Aus der Thür einer der Hütten trat ein breitschulteriger 
Mann hervor. In der nervigen Faust trug er einen wuch 
tigen Stock mit großem metallenen Knopfe; auf dem leicht 
ergrauten Haare saß ein heller Filzhut, und auf dem licht- 
grünen Rocke mit dunklerein Kragen prangte an der linken 
Brust ein großes Schild mit dem markgräflichen Wappen- 
Finster blickte der Mann einigen Arbeitern nach, die, mit Axt 
und Säge bewaffnet und von einem Haiducken geleitet, den 
Kirchpfad entlang schritten. 
„Wohin Andrer?" fragte in fremdländischem Dialekt eine 
alte Frau, die auf der Thürschwelle hockte- „Ihr seid ja kauin 
heimgekommen!" 
Das wetterharte Gesicht des Bauern erhellte sich wenig 
bei der Frage. 
Wieder Leute bestellen für's Schloß! Was sonst? Der 
Allergnädigste kann nicht genug kriegen vom Jagen und 
Schaulust der europäischen Weltstädter ausübten und hatte der Abwechs 
lung wegen seine Blicke auf ein zwar fremdes, aber doch in hohem Grade 
kultivirtes Land, auf Japan, gelenkt. Da nun die Japaner an sich nicht 
so interessant und selten sind, um einem hohen und verehrten Publikum 
dressirt und undressirt gezeigt zu werden, so mußte man speziell an ihre 
„Kunst und ihr Handwerk" denken, und so kam es, daß Japan gleich 
durch eine vollständige Kolonie zuerst in London und nun auch in Berlin 
repräsentirt wurde. 
Cs ist ein originelles und fesselndes Bild, ivelches sich uns darbietet, 
wenn wir das Hauptportal des Ausstellungspalastes durchschritte» haben; 
wie in eine andere Welt fühlen wir uns versetzt und würden uns nicht 
heimathliche Ausrufe, wie: „Vater kucke mal die Frau a», wat die für 
Oogen hat!", gestört werden, so könnten wir glauben, wir hätten auf 
einer im Fluge unternommenen Stangen'schen Weltreise das eigenartige 
japanische Jnselreich betreten. Es ist eine richtige Liliputanerstadt, die vor uns 
aufgebaut ist und die ihren effektvollen Zwischen- und Hintergrund durch 
zahlreiche gemalte Prospekte, japanische Landschaften darstellend, und 
durch viele hunderte von auffälligen Bannern und Fahnen, darunter 
eine größere Anzahl mit dem Drachen und dem roth flammenden Sonnen 
ball, erhalten hat; schmale Gäßchen führen an den Häuschen vorüber, 
von denen Jedes nur aus Rohr und Bast errichtet und init flachem Holzdach, 
welches bunte Lampions umrahmen, versehen ist; die Fenster sind aus iveißem 
Reispapier hergestellt, die Thüren und auch einzelne Wände ruhen auf Rollen 
und können leicht verschoben werden, die Fußböden sind mit weichen Stroh 
matten, — da der Japaner fast alle Arbeiten kauernd verrichtet — bedeckt 
und die innere Einrichtung ist zumeist nur äußerst primitiv, weil der Japa 
ner wenig Ansprüche an den Luxus stellt; nur einige der Häuschen, von 
denen senkrecht die farbigen, grell gemalten Finnenschilder herabhängen, be 
sitzen einen Balkon, dafür hat jedes aber einen offenen und im Gegensatz zu
        
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