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Periodical volume 27. Juni 1885, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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Ja, über seine Gemeinde hinaus ging der Segen seines liebe 
vollen Wirkens. Denn auch die Glieder der katholischen Gemeinde, 
die in Budberg neben der reformirten besteht, gewöhnten sich, ihn 
wie ihren Geistlichen zu ehren; und der katholische Piarrer ließ sich 
zur Erwiderung eines Vertrauens und zu einer Gemeinsamkeit des 
Wirkens hinreißen, wie sie unter ähnlichen Verhältnissen vielleicht 
nirgend stattgefunden haben. 
Sein Glaube, der fest gegründet war in der Ueberzeugung 
von dem heilbringenden Tode des Herrn — ohne jeden Vorbehalt 
und ohne alles Wanken in dieser Ueberzeugung gegründet —, halte 
ja eben wegen dieser, über jeden Zweifel erhabenen Sicherheit und 
Freundlichkeit, etwas so Versöhnendes und Wohlthuendes. 
Gezweifelt konnte seinem Sinne nach, an der Wahrheit des 
christlichen Glaubens nicht werden; und so gab es für ihn auch 
keinen Streit darum. Dieser innere Zug, die überwiegende Richtung 
seines Geistes auf das, was unbedingt Noth thut, aus den einen 
Kern des Glaubens, machte ihn groß und siegreich in der Ver 
söhnung der Parteien. Dies war das eigentliche Werk seines * 
Lebens, jetzt in dem engen Bezirk einer Dorfgemeinde, später in 
dem größern Wirkungskreise, zu dem sein König ihn berief. 
Neben der Sorge um die Kirche war von Anfang an sein 
Eifer für das Schulwesen besonders rege. Schon als Kandidat 
hatte er im Umgänge mit seinem Freunde, dem Prediger Engels 
in Hochemmerich, diesem durch seine Bemühungen um das Schul 
wesen vielfach verdienten Manne, seine Liebe und Befähigung 
besonders für die Elementarschule bewiesen. Jetzt kam er dazu, 
sich selbst auch rühmenswerthe Verdienste darum zu erwerben. 
Schon gleich im Jahre 1795 stiftete er mit jenem Freunde die 
Lehrcr-Conferenz im Synodalkreise Mörs, die noch heute in segens 
reichem Wirken besteht. Er bemühte sich dort um Alles und sorgte 
um so mehr für ein treues, erfolgreiches Zusammenwirken der 
Lehrer, als in jenen schwierigen Zeiten von der Regierung so gar 
wenig dafür geschehen konnte. Als später jener Landbezirk von 
Preußen ganz losgerisien wurde, fand die Sache der Lehrer — 
und nicht bloß diese, sondern überhaupt das Interesse der deutschen 
Volksbildung in ihm die kräftigste Vertretung gegen die stanzöstsche 
Regierung. Als von dieser unter Anderm der Befehl erging, 
daß auch auf den Volksschulen die französische Sprache gelehrt 
werden sollte, sah er wohl ein, daß durch Remonstrationen in 
Amtsbriefen, durch schriftliche Beschwerden, von wem sie auch kämen, 
nichts dagegen auszurichten war; aber nach seiner Kenntniß des 
französischen Charakters, hoffte er auf anderm Wege die Verord 
nung rückgängig zu machen. An der Spitze der Lehrer seines 
Kreises fand er sich beim Präsekten der französischen Regierung ein, 
als dieser, wie er sich wohl erkundigt Halle, ein Gastmahl gab. 
In höflicher, gewandter Form, deren Wirkung die Würde seines 
Amtes erhöhte, trat er dem Beamten gegenüber und nöthigte ihm 
wirklich, bloß als Erwiderung seiner Höflichkeit, erst die Einladung 
zur Theilnahme an dem Gastmahl, dann die Zurücknahme jener 
Verordnung ab. — Als später der Rheindistrikt wieder an Preußen 
zurückkam, wurde ihm im Jahre 1814 die Inspektion der Schulen 
im Mörser Synodalbezirk übertragen, und in dieser amtlichen 
Stellung wirkte er außerordentlich viel segensreiches. Namentlich, 
daß das Schullehrerseminar im Jahre 1818 nach Mörs kam, 
ferner die Gründung der Mörser Lehrer-Wittwen-Lasse waren 
Erfolge seiner Bemühungen. 
Dies ist nun überhaupt die Zeit, da er aus dem kleineren 
Kreise seiner Prediger-Wirksamkeit, zu größern, einflußreicheren 
Stellungen heraustrat. Denn bald nachdem er im Jahre 1817 
von der Kreissynode zu Mörs zum Superintendenten derselben 
gewählt war, trug ihm schon im Jahre 1818 das Ministerium 
auch die Leitung der Provinzialsynode auf; und als diese in 
Duisburg zusammentrat, wurde er einstimmig von ihr zum Präses 
erwählt. Während auf den Provinzialsynoden sein Einfluß von 
! Jahr zu Jahr stieg, trat er 1826 als Abgeordneter des Bauern 
standes auch in den ersten Provinziallandtag der Rhcinprovinz, zu 
welcher Auszeichnung er in Folge des Besitzes von Pottdeckel 
gelangen konnte, eines frühern Klostergutes, das während der 
französischen Administration verkauft und von ihm erstanden war. 
Auf dem Provinziallanbtag fungirte er außerdem als General- 
! sekretär. — 
Unterdessen hatte sich aus dem Schooße der rheinischen Kirche 
eine Opposition gegen die seit der Wiedererwerbung der westlichen 
Landestheile stattgefundene Organisation der kirchlichen Behörden 
erhoben. Namentlich hatte der damalige Superintendent der Kreis 
synode zu Elberfeld, Generalsuperintendent Gräber in Münster, 
in einer an den Minister Freiherrn von Altenstein gerichteten Be 
schwerde um Abstellung der Beeinträchtigungen gebeten, welche den 
alten, kirchlichen Ordnungen in der Rheinprovinz durch die Ein 
setzung der Staatsbehörden, der Oberpräsidenten, Konsistorien und 
Regierungen drohten. Da Friedrich Wilhelm 111., der in kirch 
lichen Dingen damals besonders von dem Bischof Eylert berathen 
war, den Minister beauftragte, auf die Beschwerde einzugehen, so 
kam es bald dazu, daß in Berlin Berathungen über den Entwurf 
einer neuen kirchlichen Ordnung für die Rheinprovinz gepflogen 
werden sollten. Und als bei dieser Gelegenheit der Bischof Eylert 
die Aufmerksamkeit des Königs auf den Superintendenten Roß 
lenkte, so wurde dieser, um seine Theilnahme an den Ministerial- 
berathungen über die beabsichtigte rheinische Kirchenordnung zu ge 
winnen, im Jahre 1826 zum Ober-Konsistorialrath und Probst 
nach Berlin berufen. So ehrenvoll aber der Ruf war, so fühlte 
sich Roß dennoch durch die festesten Bande der Liebe und Anhäng 
lichkeit so sehr an die Gegend seines nun 31jährigen Wirkens 
gefeffelt, daß er sich nicht entschließen konnte, ihm zu folgen. Die 
Ablehnung kam ihm aus dem Herzen; aber seiner Gemeinde sprach 
sie noch weit mehr zum Herzen. Denn als er bald daraus vom 
Landtage aus Düffeldorf nach Budberg zurückkehrte, hatte man 
ihm den festlichsten Empfang bereitet. Ehrenpforten waren erbaut: 
mit Blumen und Kränzen geschmückt, trat ihm die Jugend, mit 
Worten des Dankes und glücklichen Stolzes traten ihm die Männer 
der Gemeinde entgegen; von weit und breit strömte das Volk 
zum Feste seiner Wiedeikehr herbei; Gedichte waren ihm zum 
Ruhme gemacht. Es waren Ehren, wie sie einem Fürsten bei 
feierlicher Gelegenheit zu Theil werden. 
Die Ablehnung des Amtes, das ihn für immer an Berlin 
! fesseln sollte, hatte indessen zur Folge, daß er im kommenden 
Jahre 1827 von dem Minister Freiherrn von Altenstein für die 
Zeit jener Berathungen dennoch dorthin beschieden wurde, um als 
Mitglied der Ministerial-Commission bei dem Entwurf der neuen 
Rheinisch-Westfälischen Kirchenordnung die Interessen eben dieser 
Provinzen zu vertreten. Diesem Aufträge konnte und wollte er 
sich unmöglich entziehen; und fast 4 Monate vom April bis Juli 
brachte er zu diesem Zweck in Berlin zu. Die Zeit war lang 
genug, um rhn durch eigene Anschauung von all den Schwierig 
keiten und Hindernissen zu überzeugen, welche der Sache der freieren 
Kirchenvcrsaffung für die Rheingegend in Berlin entgegen standen. 
Und da die Berathungen in diesem Jahre wirklich nicht beendet 
wurden, und überhaupt wegen der Verbindung dieser Angelegen 
heit mit andern, besonders warm gehegten Plänen des Königs in 
Bezug aus die Kirche, mit der Union und der Agende, gar nicht 
zu erwarten stand, daß sie in kürzerer Zeit beendet werden könnten, 
so hielt cs Roß für seine Pflicht, als ihn im Jahre 1828 des 
Königs Majestät noch einmal zum Oberkonsistorialrath und Probst 
nach Berlin entbot, den Ruf anzunehmen. Abwesend hoffte er 
seiner Provinz mehr nutzen zu können, als wenn er in seiner 
Superintendentur daheim verblieb. Im November des Jahres 
1828 ging er nach Berlin. 
Als Probst von Berlin hatte er in drei verschiedenen Kirchen
        
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