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Periodical volume 20. Juni 1885, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 11.1885

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dazu sich gestalten, wie die Besten jener Zeit damals hier zu 
Lande gestrebt »nd gearbeitet haben: zu einem ernsten Kulturbilde 
also in höchster Bedeutung! 
Es war zunächst eine entschiedene und für die Mark äußerst 
heilsame Liebe zur Wissenschaft, welche der mecklenburgische Edel 
mann auf den märkischen Bischofssitz mitbrachte. Sie besonders 
erwarb ihm das Herz des jugendlichen, für die Wissenschaften hoch 
begeisterten Kurfürsten Joachim I.; sie reihte seinem schlichten Leben 
nun auch sonnige Tage voller Glanz und Ruhm ein! Denn ihm 
übertrug Joachim I. sowohl im Jahre 1503 die Konsekration 
Johannas von Schlabrendorf zum Havelberger Bischöfe, wie die 
Priesterweihe des jungen Hohenzollernfürsten, des nachmaligen 
Kardinals Albrecht von Mainz. In der hehren, großartigen 
St. Marienkirche zu Frankfurt an der Oder vollzog sich die 
letzterwähnte Feier. Unmittelbar darauf erfolgte die feierliche 
Eröffnung der Universität Frankfurt (27. April 1506), deren erster 
Kanzler kein Anderer und kein Würdigerer sein konnte als der 
Bischof Dietrich von Lebus. Denn außer dem Doktorhüte 
empfahl diesen Bischof dem Landesherrn auch noch seine lite 
rarische Thätigkeit; er hatte das „Breviarium“ und das 
„Viaticum“ der Kirche von Lebus bereits herausgeben lassen; 
er liebte Männer wie den hochgelehrten Domherrn seines Stiftes, 
den berühmten Wolsgang Rehdorfer, und er erfreute sich der Ehre, ! 
selbst von dem Abte Johannes von Trittenheim eines Briefwechsels 
werth geachtet zu werden. Es lag damals in solchen Briefwechseln 
freilich stets ein reichliches Maß von gelehrter Eitelkeit und von 
geflissentlichen Weihrauchspenden verborgen. So auch hier! Dennoch ^ 
zeigen die zwischen den beiden Persönlichkeiten gewechselten Briese : 
den Bischof als einen wirklich hochgelehrten Herrn. Er verborgt ! 
eine Handschrift des neuplatonischen Philosophen Jamblichius 
an Trittenheim; — die „glänzende Rüstkammer der Gelehrsamkeit," ' 
— d. h. der Abt, — hatte sie durch den bekannten Edelmann 
Eitelwols von Stein von der „Zierde der Bischöfe" erhalten. — i 
Wer aber besitzt heut noch dergleichen Manuskripte? — Wer 
kümmert sich heut noch um die mystische Philosophie jenes heid 
nischen Alexandriners, welcher dem Christenthume im Kampfe um 
die Welt die Spitze bieten wollte? Dietrich von Bülow aber thats! ; 
Der große Reiz, welcher über dieser dichterischen und theologischen 
Weltweisheit liegt, muß ihn besonders angezogen haben; denn er 
besaß auch die Schriften des Proclus, des Porphyrius und Synesius, 
kurz die Werke aller Streiter des untergehenden und sich noch ein 
mal großartig-mystisch vertiefenden Heidenthums; er besaß endlich 
die Lebensbeschreibung des heidnischen Thaumaturgen Apollonius 
von Tyana, deffen düstere Figur von der untergehenden antiken 
Welt als Gegenbild gegen die lichte Gestalt des Erlösers aus 
gestellt worden war. Dietrich von Bülow theilte solche Schriften 
dem berühmten Polyhistor Trittheim mit; — das ist — fürwahr! 
— ein Ehrendcnkmal seiner Wissenschaftlichkeit! — Denn wer 
verstand damals in Norddeutschland das dunkle Griechisch dieser 
Philosophen? — Die Wittenberger waren diesem Märker nicht ge 
wachsen! Er sah lächelnd auf sie herab; — wenigstens auf Luther! 
Der Briefstyl Dietrichs von Bülow zeigt allerdings die ge 
schmacklose tändelnde Weise der Humanisten. Der Bischof hatte ! 
dem Abte Trittheim jene alten Klassiker nur auf drei Monate ge 
liehen. Als diese Zeit verstrichen war, ohne daß Trittheim die 
Bücher zurückgegeben hatte, schrieb ihm der Bischof Dietrich, er 
halte es für eine Plicht, welche die Ehrfurcht und die Liebe gegen 
die alten Weltweisen ihm auferlegten, sich nach deren Wohlbefinden 
zu erkundigen! „Er äußerte dabei," so schreibt Wohlbrück; „die 
Bücher würden die verlangten Dienste nun wohl geleistet haben; 
er gab ferner auch seine Besorgniß zu erkennen, daß sie bei allzu 
langer Muße in Trägheit versinken oder, durch neuere und ge 
fälligere Gesellschafter verdrängt, an einen abgelegenen Ort ver 
wiesen, ungerechtfertigter Berachtung ausgesetzt oder in strenge 
klösterliche Haft gelegt werden möchten. Er bat den Abt Johannes 
von Trittheim daher, sie in Frieden ziehen zu lasten, fügte 
j jedoch die freundliche Versicherung hinzu, daß die Manuskripte dem 
Gelehrten auch ferner zu Gebote ständen, falls er derselben noch 
länger bedürfte. Nach acht Tagen sandte der Abt die Bücher 
zurück; auf den scherzhaften Ton des humanistischen Schreibens 
seines Freundes eingehend, äußerte er, der Bischof werde an den 
j heiteren Mienen der alten Philosophen wohl erkennen, daß sie als 
solche, und nicht als Mönche, behandelt worden seien." — Das 
ist die übliche humanistische Tändelei! Ich stehe indeffen nicht an, 
aus der Wahl der genannten Schriftsteller, denen der Bischof 
seine Gunst in besonderem Maße zugewendet hatte, folgende Schluß- 
; folgerung zu ziehen: 
„Wie der berühmte Kardinal Bembo, wie fast alle 
Humanisten Deutschlands und Italiens, hat Dietrich 
von Bülow im Grunde seines Herzens einer Art von 
modernern Heidenthume gehuldigt!" 
Die „wahrhaftige" Rede des Porphyrius, die geistvollste 
! Schrift gegen das Christenthum bei einem Lebuser Bischöfe, — 
das war wahrhaftig ein Zeichen der Zeit, über welche der Sturm 
der Reformation kommen sollte, — ja kommen mußte als eine 
! heilsame Nothwendigkeit! Mit der kühlen, humanistischen An 
schauung Dietrichs stimmen auch die oben angeführten Verse, — 
sicherlich selbstgewählte, — in der Grabschrift des Bischofs völlig 
überein. 
Und noch etwas Anderes! — Ganz ausgezeichnet ist die „Gy- 
bernesis" des Bischofs, die Art und Weise, wie er der Kirche Gut 
verwaltete und ihre weltlichen Angelegenheiten besorgte. Von geist 
lichem Sinne aber findet sich bei ihm fast keine Spur! Man 
müßte es denn dahin rechnen, daß er einmal, im Jahre 1513, 
den Brüdern der Mariengilde zu Frankfurt an der Oder das 
leidige, übermäßige Zechen mit dem etwas komisch klingenden 
Grunde verboten hat, „die Jungfrau Maria habe stets ein mäßiges 
Leben geführt und liebe daher das Zutrinken in der Brüderschaft, 
— vielleicht das Trinken aus St. Mariens Minne, — keines 
wegs!" — Wohl aber erblicken wir den merkwürdigen Mann in 
einer Fülle von weltlichen Geschäften, stets kaufend oder ver 
kaufend. Reiche und verschwenderische Vasallen, wie die Herren 
von Krummensee und die Junker von Jlow, die Frankfurter 
Bürgerfamilien von Belkow und die Hakemanns, liebte er aus 
zukaufen. Alles unbequem gelegene Kirchengut, wie z. B. die 
uralten, schlesischen Besitzungen des Hochstifts Lebus und die pol 
nischen Güter desselben bei Opatow veräußerte der Bischof Dietrich; 
dagegen kaufte er gern die südlich von seiner Residenz, der Stadt 
Fürstenwalde, gelegenen Güter Beeskow-Storkow, — Herrschaften 
der Dynasten von Biberstein. Er erwarb dieselben für sein Stift 
um den beträchtlichen Preis von 45 000 Gulden. 
Ja, Herr Dietrich von Lebus ist ein weltkluger Mann ge 
wesen! Ich halte ihn für den namhaftesten Vertreter der 
italienischen Renaissance und ihrer Lebensanschauungen 
auf märkischem Boden. Dem entspricht auch sein kluges und 
stilles Gesicht, seine diplomatische Thätigkeit und seine Baulust! 
Es ist gar wenig bekannt, aber sehr merkwürdig, daß Dietrich 
von Bülow um jene Pläne gewußt hat, welche das Haus Branden 
burg einst im Jahre 1517 nährte, und welche die Erwerbung 
der Kaiserkrone für die Hohenzollern im Auge hatten. 
Nur mit der Hülse der Valois war dies hohe Ziel in jenen Tagen 
zu erreichen: deshalb leitete Bischof Dietrich die Verhandlungen, 
welche eine Eheschließung zwischen Kurfürst Joachim I. und der 
Prinzessin Renata von Frankreich zu Stande bringen sollten. Sie 
sind gescheitert, diese Verhandlungen; ob zum Glück oder zum Un 
glück für Deutschland, wer will das jetzt noch sagen? 
Eins aber erscheint mir besonders bemerkenswerth an dieser 
Renaissance-Gestalt auf einem märkischem Bischofssitze: das ist die
        
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